ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996Ambulante Versorgung – Modelle für die Zukunft: Vernetzte Praxen

POLITIK: Aktuell

Ambulante Versorgung – Modelle für die Zukunft: Vernetzte Praxen

Glöser, Sabine

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LNSLNS "Vernetzte Praxen und flexible Vertragsformen" hieß das Thema eines Symposiums, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am 5. und 6. November in Königswinter veranstaltete. Die rund 130 Teilnehmer diskutierten über Chancen und Risiken kooperativer Netzstrukturen, die zur Weiterentwicklung der ambulanten Versorgung beitragen sollen. Dabei ging es vor allem um die Rahmenbedingungen für zukünftige Modellvorhaben.


Die ambulante Versorgung braucht neue Strukturen. Darüber waren sich die Teilnehmer des von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) veranstalteten Symposiums in Königswinter einig. Der verstärkte Wettbewerb der Krankenkassen und der zunehmende Kostendruck auf das System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bestimmen die aktuelle gesundheitspolitische Diskussion. Kooperative Praxisstrukturen sollen die Effizienz steigern und die Versorgungsqualität verbessern. Für den Vorsitzenden der KBV, Dr. Winfried Schorre, ist dies die zentrale Frage: "In welchem Ausmaß können vernetzte Praxen Rationalisierungsreserven erschließen und den Konkurrenzdruck unter den Ärzten mildern?"


Klare Absage an "Einkaufsmodelle"
Über die Rahmenbedingungen solcher Modellvorhaben wurde in Königswinter teilweise kontrovers diskutiert. Aus Sicht der KBV muß bei der Etablierung solcher Strukturen am Kollektivvertragssystem festgehalten werden, um die Vertrags- und Vergütungsstrukturen nicht ausschließlich an ökonomischen Interessen der Krankenkassen auszurichten. "Um Strukturmängel zu beseitigen, brauchen wir ein kassenartenübergreifendes Modell", betonte der Hauptgeschäftsführer der KBV, Dr. Rainer Hess – eine klare Absage an kassenartenspezifische "Einkaufsmodelle".
Die Krankenkassen stehen der Idee "Vernetzte Praxen" durchaus positiv gegenüber. Langfristig werde es jedoch einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Modellen geben, prognostizierte Karl-Heinz Schönbach vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Daß kein Weg an solchen alternativen Versorgungsstrukturen vorbeiführe, meinte der Geschäftsführer des AOK-Bundesverbandes, Dr. Hans-Jürgen Ahrens. Es sei jedoch nicht realistisch, anzunehmen, daß alle Krankenkassen ein gemeinsames Modell bedienen werden.
Für Dr. Werner Gerdelmann vom Ersatzkassenverband ist das Modell noch ein "zartes Pflänzchen", das mit Ideenreichtum weiterentwickelt werden müsse. Er ist jedoch davon überzeugt, daß der zunehmende Wettbewerbsdruck ein geeignetes Mittel für Innovation, Wirtschaftlichkeit und eine erhöhte Versorgungsqualität sei. Demgegenüber machte Prof. Dr. Hans-Ulrich Deppe von der Universität Frankfurt auf die damit verbundenen Gefahren aufmerksam. Nach dem Prinzip "survival of the fittest" werde es keinen solidarischen Wettbewerb geben. Dieser wirke eher selektiv, polarisierend und verteuernd. Der ideale Versicherte sei dann derjenige mit der größten Rentabilität und dem geringsten Krankheitsrisiko. Daß Wettbewerb vor allem die kranken Patienten gefährden könne, unterstrich der stellvertretende Vorsitzende der KBV, Dr. Peter Schwoerer. Vernetzte Praxen könnten aber ein geeignetes Instrument sein, "mit dem Wettbewerb umzugehen".
Eine intensivierte ambulante Versorgung, erklärte Hess, werde zu Einsparungen in anderen Leistungsbereichen führen, insbesondere auf dem stationären Sektor und bei der Arznei- und Heilmittelversorgung. Wie diese zur Finanzierung der Modelle genutzt werden können, steht noch in der Diskussion. Ebenso die Frage, wie konkrete Einsparungen zweifelsfrei nachgewiesen werden können.


Notwendig: Kombinierte Budgets
Daß Umverteilungen zur Finanzierung der Modelle unabdingbar sind, machten die Krankenkassenvertreter deutlich. Ahrens: "Das stationäre Budget muß zugunsten des ambulanten Sektors abgeschmolzen werden." Für Gerdelmann steht fest, daß nur der Gesetzgeber das Problem lösen könne, indem er kombinierte Budgets zulasse. Die Modelle müßten sich selber finanzieren, denn eine bundesweite Vorfinanzierung werde es nicht geben.
Geprüft werden müssen zudem die rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen die neuen Versorgungs- und Vergütungsstrukturen etabliert werden können. Der gemeinsame Justitiar von Bundes­ärzte­kammer und KBV, Horst-Dieter Schirmer, befürwortete, das ärztliche Berufsrecht den Bedürfnissen der neuen Versorgungsformen anzupassen. Zweckmäßig seien insbesondere gesellschaftsrechtliche Zusammenschlüsse. Nach Ansicht des gesundheitspolitischen Sprechers der FDP, Dr. Dieter Thomae, bietet das 2. GKV-Neuordnungsgesetz einen erweiterten gesetzlichen Rahmen für Modellvorhaben. Es erleichtere beispielsweise die Erprobung neuer Organisationsformen und deren Finanzierungsmodalitäten. Wichtig sei jedoch, so Thomae, daß sich Ärzte und Versicherte freiwillig für die Teilnahme an solchen Modellen entschieden.
In einigen Kassenärztlichen Vereinigungen werden derzeit schon vernetzte Praxisstrukturen in regionalen Modellversuchen erprobt. Am Beispiel der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Rendsburg wird im nachfolgenden Bericht erläutert, wie das Konzept "Vernetzte Praxen" umgesetzt werden kann. Dr. Sabine Glöser

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