ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Hausarztzentrierte Versorgung: Gefährliche Tücken im Gesetz

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung: Gefährliche Tücken im Gesetz

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 539

Richter-Kuhlmann, Eva

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Gemeinsam gegen Selektion von Hausärzten durch die Kassen: Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, KBV, (links) und Ulrich Weigeldt, BDA Foto: Stephanie Pilick
Gemeinsam gegen Selektion von Hausärzten durch die Kassen: Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, KBV, (links) und Ulrich Weigeldt, BDA Foto: Stephanie Pilick
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Hausärzteverband wenden sich gemeinsam gegen einen Passus im Gesetz, wonach Krankenkassen nur mit „besonders qualifizierten Hausärzten“ Verträge schließen dürfen.

Von Spannungen war nichts zu spüren, als der Deutsche Hausärzteverband (BDA) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am 27. November gemeinsam in Berlin vor die Presse traten, um das Qualitätsniveau der Allgemeinmediziner zu verteidigen. Dabei hatte es gerade um die Stellung des Hausarztes nach der jüngsten Gesundheitsreform Auseinandersetzungen zwischen beiden Ärztevertretungen gegeben. Jetzt geht es um Kooperation statt Konfrontation. „Jeder Hausarzt muss von den Kassen gleich behandelt werden“, kritisierten in selten gewordener Einigkeit der neu gewählte BDA-Bundesvorsitzende, Ulrich Weigeldt, und der Vorsitzende der KBV, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Aspekte der geplanten hausarztzentrierten Versorgung.
Dass beide dieses eindringliche Plädoyer für notwendig erachten, liegt an den Regelungen zur hausarztzentrierten Versorgung, die das GKV-Modernisierungsgesetz ab 1. Januar 2004 vorschreibt. Danach sollen Krankenkassen ihren Versicherten fakultativ ein Hausarztmodell anbieten. Dessen Wahl wird dann mit einem Bonus belohnt. Eine „sinnvolle Sache“, meinen KBV und BDA. Doch das Gesetz hat einen Haken: Um die hausarztzentrierte Versorgung sicherzustellen, dürfen die Kassen nach § 73b Verträge mit „besonders qualifizierten Hausärzten“ schließen – eine Regelung, die aus Sicht der KBV und des BDA unverständlich und völlig überflüssig ist. Auch die Delegiertenversammlung des BDA in Travemünde hatte die Einzelverträge in mehreren Beschlüssen abgelehnt.
„Bereits jetzt haben zwei Drittel aller Hausärzte eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin absolviert“, betonte Richter-Reichhelm. Die übrigen seien hausärztlich tätige Internisten oder praktische Ärzte, die ebenfalls über ein hohes Ausbildungsniveau verfügten. Umfassend seien auch die Inhalte der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, ergänzte Weigeldt. „Sie reichen von der hausärztlichen Grundversorgung und der Funktion als Lotse in der ärztlichen Behandlung über Prävention, Sozialmedizin und Geriatrie bis hin zur Notfallversorgung und zu Labormedizin.“ Die umfangreiche Erfahrung der Hausärzte spiegele sich auch im Niederlassungsalter von durchschnittlich 38,5 Jahren wider, sagte Weigeldt. In der Regel hätten sich Hausärzte 6,6 Jahre weitergebildet, bevor sie eine Praxis übernehmen.
Für „gefährlich“ und „bizarr“ halten Richter-Reichhelm und Weigeldt eine weitere Regelung im Gesetz: Selbst „besonders qualifizierte“ Hausärzte haben nämlich keinen Anspruch auf einen Vertragsabschluss. Stattdessen bleibe es der Willkür der Krankenkassen überlassen, ob sie einen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung mit einem bestimmten Arzt abschließen oder nicht, kritisierte der KBV-Vorsitzende. Der „gläserne Arzt beziehungsweise der gläserne Patient“ ermögliche den Krankenkassen eine Risikoselektion.
In der Tat kann dem Gesetz zufolge eine Krankenkasse einen Hausarzt von Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung ausgrenzen. Das könnte Ärzte betreffen, die besonders viele ältere, multimorbide und damit teure Patienten betreuen. Der Patient müsste sich dann entscheiden: Arztwechsel, Kassenwechsel oder Verzicht auf den Hausarztbonus. „Gewinner wäre in jedem Fall die Krankenkasse“, so Richter-Reichhelm, „entweder sie ist einen teuren Versicherten los, oder sie muss die Boni für die hausarztzentrierte Versorgung nicht zahlen.“ Dieses Schlupfloch für die Krankenkassen wollen KBV und BDA nicht geöffnet lassen. Dadurch könne sich die Regelung des GKV-Modernisierungsgesetzes, die eigentlich die hausärztliche Versorgung stärken soll, in ihr Gegenteil verkehren. In einer Anhörung habe die KBV deshalb bereits Verträge für alle qualifizierten Hausärzte gefordert, berichtete Richter-Reichhelm.
Dem Vorwurf, das Hausarztmodell werde durch die Hintertür eingeführt, indem Überweisungen von einem Facharzt zu anderen ausgeschlossen werden sollen, trat Richter-Reichhelm erneut entgegen. Es handele sich lediglich um eine Präzisierung des Bundesmantelvertrages und um eine Kompromisslösung der KBV zur Praxisgebühr. Rechtlich möglich blieben facharztinterne Überweisungen dann immer noch. Gefälligkeitsüberweisungen hingegen sollten möglichst minimiert werden. Über die Praxisgebühr verhandelt das Schiedsamt am 8. Dezember. Bis
dahin wird es keine weiteren Gespräche zwischen KBV, Kassen und Politik geben. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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