ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Passiv rauchende Kinder: Dem Qualm schutzlos ausgesetzt

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Passiv rauchende Kinder: Dem Qualm schutzlos ausgesetzt

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 548

Pötschke-Langer, Martina; Bornhäuser, Annette

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Foto: Deutsches Krebsforschungszentrum
Foto: Deutsches Krebsforschungszentrum
Die gesundheitlichen Auswirkungen des Passivrauchens sind besonders für Kinder erheblich. Das Deutsche Krebsforschungszentrum gibt Handlungsempfehlungen.

Täglich gehen in Deutschland 386 Millionen Zigaretten in Rauch auf – viele davon in Innenräumen. Tausende von Chemikalien, darunter giftige und Krebs erregende Stoffe, durchziehen Privatwohnungen und öffentliche Einrichtungen und lagern sich an Wänden, Fußböden und Teppichen ab. Tabakrauch ist mit Abstand der bedeutendste und gefährlichste Innenraumschadstoff und die führende Ursache von Luftverschmutzung in Räumen. Rauchen ist nicht ausschließlich ein vom jeweiligen Raucher persönlich zu verantwortendes Gesundheitsrisiko. Vielmehr erleiden auch tabakrauchbelastete Nichtraucher teils schwerwiegende Gesundheitsschäden. Die Belastungen durch Tabakrauch führen zu zahlreichen Erkrankungen wie Husten, Übelkeit, Kopfschmerzen, akuten und chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen der unteren Atemwege wie Lungenentzündung oder Asthma sowie zu Krebserkrankungen. Nichtraucher, die dem Tabakrauch ausgesetzt sind, können daher – wenn auch im geringeren Ausmaß und mit geringerer Häufigkeit – die gleichen Gesundheitsschäden wie aktive Raucher erleiden. Zwar sind rund zwei Drittel der Bevölkerung Nichtraucher, gleichwohl lebt rund ein Drittel mit einem Raucher in einem Haushalt. In öffentlichen Einrichtungen nehmen täglich Millionen Nichtraucher die im Tabakrauch enthaltenen Schadstoffe auf. Insbesondere Kinder sind dem Tabakrauch schutzlos ausgesetzt, weil sie ihre verrauchte Umgebung nicht einfach meiden können.
Passiv rauchende Säuglinge und Kinder sind von dieser Luftverschmutzung besonders betroffen. So wird der plötzliche Säuglingstod unter anderem mit Tabakrauch in Zusammenhang gebracht. Ferner erleiden Kinder durch Tabakrauch in Innenräumen akute und chronische Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen, Atemwegserkrankungen und Asthma. Passivrauchen während der Stillzeit und im Kindesalter erhöht das Risiko unter anderem für verzögertes Lungenwachstum, eingeschränkten Geruchssinn, Karies bei Milchzähnen, Verhaltensauffälligkeiten und Übergewicht im Kindesalter. Die Gefahren des Rauchens für das ungeborene Kind umfassen Totgeburten, Frühgeburten, geringeres Geburtsgewicht, kleineren Kopfumfang und vermindertes Längenwachstum sowie auch die höhere Wahrscheinlichkeit des Tabakkonsums im Teenageralter.
Konzertierte Aktion zum Schutz der Kinder
Jedes zweite Kind in Deutschland lebt in einem Haushalt, in dem mindestens eine Person raucht. Über sechs Millionen Kinder werden täglich Tabakrauch ausgesetzt. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg, empfiehlt deshalb in Zusammenarbeit mit der Stiftung Kindergesundheit eine konzertierte Aktion zum Schutz der Kinder:
- Die Umsetzung verhältnisorientierter Maßnahmen wie rauchfreie öffentliche Einrichtungen, insbesondere an Orten, die häufig von Kindern frequentiert werden: Kindergärten und Kinderspielplätze, Schulen, Sportstätten, Einkaufszentren, Gaststätten und öffentliche Transportmittel. Maßnahmen, die ausschließlich auf Ventilation beruhen, reichen nicht aus, um ein rauchfreies Umfeld zu schaffen, weil es keinen Nachweis für einen gesundheitsunschädlichen Schwellenwert für Tabakrauch in der Raumluft gibt.
- Aufgrund der besonderen hohen Schadstoffbelastung in Privatfahrzeugen durch die geringe Raumgröße sollte ein Rauchverbot auch in Privatfahrzeugen mittel- bis langfristig umgesetzt werden. Bereits kurzfristig könnte eine Kampagne für die Problematik sensibilisieren.
- Deutliche Tabaksteuererhöhungen, die Bekämpfung des Zigarettenschmuggels, ein Tabakwerbeverbot, Abschaffung der Zigarettenautomaten, Produktregulation, Verbraucherinformationen sowie Verkaufsbeschränkungen mit entsprechenden Kontrollen.
- Notwendig sind Medienkampagnen, die die Bevölkerung auf die gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums und des Passivrauchens – sowie auf ihr Recht auf rauchfreie Luft – aufmerksam machen – einschließlich der Tatsache, dass es keinen unteren Stellenwert für eine gesundheitsunschädliche Exposition gegenüber Tabakrauch gibt. Die besonderen Gefahren des Passivrauchens für Kinder sollten insbesondere gegenüber werdenden Eltern sowie Pädagogen verständlich kommuniziert werden. Auch Lehrer, Angehörige von Gesundheitsberufen, Gewerkschaften, Arbeitsschutz, Medien oder Gastronomie müssen informiert werden.
- Evidenzbasierte Beratungs- und Behandlungskonzepte zur Tabakentwöhnung stehen zur Verfügung. Es ist nachgewiesen, dass der Anteil erfolgreicher Entwöhnungsversuche durch professionelle Beratung und Behandlung sowie durch pharmakologische Entwöhnungshilfen deutlich erhöht werden kann. Um einen wirksamen Schutz von Ungeborenen und Kindern vor den Belastungen des Tabakrauchs zu erreichen, müssen Maßnahmen zur effektiven Senkung der Raucherquote, insbesondere bei jungen Erwachsenen, Schwangeren und Eltern, ergriffen werden.
- Beratungen zur Tabakentwöhnung vor und während der Schwangerschaft in der ärztlichen Praxis sowie Beratung von Eltern in Geburtskliniken sind die wichtigsten Maßnahmen zur Verringerung der perinatalen Krankheitslast und Sterblichkeit. Schätzungsweise 25 Prozent aller Totgeburten und 20 Prozent der Säuglingssterblichkeit könnten in Deutschland vermieden werden, wenn alle Frauen, die zu Beginn der Schwangerschaft rauchen, bis zur 16. Schwangerschaftswoche das Rauchen aufgeben würden. Die bisherigen Hürden, beispielsweise fehlende Ausbildung der Gesundheitsberufe, unzureichende Zeitbudgets sowie mangelnde Honorierung, müssen zügig abgebaut werden.
Weil in Deutschland noch keine flächendeckende Infrastruktur für die Tabakentwöhnung aufgebaut wurde, sollten Ärzte und Mitglieder anderer Gesundheitsberufe auf nationale oder lokale Rauchertelefone verweisen (Textkasten 1).
- Der Einfluss der Zigarettenindustrie auf Entscheidungsträger in Politik, Behörden und Medien muss transparent gemacht und zurückgedrängt werden. Das Recht von Kindern auf eine gesunde, das heißt rauchfreie Umgebung muss Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen eines Industriezweiges haben, der wissentlich ein Produkt vertreibt und bewirbt, das bei bestimmungsgemäßem Gebrauch einen großen Teil der Konsumenten süchtig und krank macht und künftige Generationen bereits frühzeitig schädigt. Interne Dokumente der Tabakindustrie zum Passivrauchen zeigen, dass die Tabakindustrie auch in Deutschland versucht, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse darüber zu verharmlosen, um gesetzgeberische Maßnahmen zu verhindern. Über industrieabhängige Wissenschaftler versucht die Tabakindustrie seit Jahrzehnten Einfluss auf Politik, Medien und die Wissenschaft zu nehmen, um das Rauchverhalten auf hohem Niveau zu halten.


Dr. med. Martina Pötschke-Langer
Dr. PH Annette Bornhäuser
WHO Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle im Deutschen Krebsforschungszentrum, Im Neuenheimer Feld 280, 69120 Heidelberg, E-Mail: who-cc@dkfz.de
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