ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Bibliotheken: Not macht erfinderisch

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Bibliotheken: Not macht erfinderisch

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 552

Krüger-Brand, Heike E.

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Halb leere Buchregale, veraltete Buch- und Zeitschriftenbestände, Lücken bei aktuellen Monographien: Forscher und Studenten an den Universitäten und Hochschulen haben es zunehmend schwer, an die gewünschte Literatur im Präsenzbestand ihrer Bibliotheken zu gelangen. Zwar sollen die wissenschaftlichen Bibliotheken (Staats-, Universitäts- und Hochschulbibliotheken) nach den Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz und des Wissenschaftsrats langfristig den strukturellen Wechsel von der „Bestands-“ zu einer „Nutzungsorientierung“ für den elektronischen Zugang zur Fachinformation vollziehen, doch der Weg dahin ist noch weit (siehe www.iuk-initiative.
org/documents/digbib09092001). Auf absehbare Zeit werden „Hybridbibliotheken“, die sowohl gedruckte als auch digitale Publikationen und Informationsquellen bereitstellen, das vorherrschende Modell der Bibliotheken sein.
Durch die Zunahme der digitalen Literaturversorgung werden die Bibliotheken bei den Kosten für die Informationsbeschaffung allerdings nicht entlastet, sondern müssen im Gegenteil in die Infrastruktur für neue Dienstleistungen und strukturelle Veränderungen erst noch investieren. Derweil stagnieren oder sinken die Erwerbungsetats, während die Preise vor allem für die STM-Zeitschriften und wissenschaftliche Bücher teilweise exorbitant steigen. Die Universität Regensburg verzeichnet zum Beispiel für den Zeitraum 1997 bis 2001 Preissteigerungen von fast 75 Prozent bei den Zeitschriften. „Bei einer durchschnittlichen Preissteigerungsrate von sechs bis acht Prozent im Monographiensektor und zehn bis 15 Prozent bei den Zeitschriften ergibt sich zwangsläufig, dass das Bibliothekssystem seit 1990 weit mehr als die Hälfte seiner Kaufkraft eingebüßt hat“, stellt beispielsweise Dr. Bernhard Friedmann, Bibliotheksdirektor der Justus-Liebig-Universität Gießen, fest. Der Kostendruck im STM-Bereich geht – aufgrund von langfristigen Verpflichtungen im Abonnementbereich – vor allem zulasten der Anschaffung von Monographien.
Als Reaktion auf die Marktdominanz einzelner Verlage haben sich viele Bibliotheken zu Konsortien und Einkaufsverbünden zusammengeschlossen, um eine eigene Marktmacht aufzubauen. Kritiker sehen darin nicht nur Vorteile, weil die Handlungsfreiheit einzelner Universitäten dadurch eingeschränkt und regionalen Besonderheiten nicht Rechnung getragen wird. Auch gibt es große Unterschiede in und zwischen den Konsortien hinsichtlich Konstruktion und Aktivitäten, sodass „selbst bei den Konsortien großer Bundesländer die kritische finanzielle Masse für eine eigene Marktmacht nicht zustande kommt“, wie die Hochschulrektorenkonferenz (www.hrk.de) feststellt. Die Bibliotheken sind daher gezwungen, ihre Angebotsstruktur neu auszurichten, indem sie zum Beispiel Alternativangebote zu kommerziellen Dienstleistern bereitstellen. Beispiele hierfür sind Hochschulschriftenserver, auf denen die wissenschaftliche Produktion der Hochschulangehörigen kostenfrei zugänglich gemacht wird, sowie eigene Hochschulverlage. Auch über „Print-on-Demand“-Projekte könnten die Bibliotheken künftig nutzerorientiert Bücher beschaffen und damit ein flexibles System der „Information auf Nachfrage“ organisieren.
Für diese umfassenden Strukturveränderungen benötigen die Bibliotheken allerdings Geld. Unterstützung durch private Spenden und Wissenschaftssponsoring können dabei der Finanzierung der Hochschulbibliotheken neue Quellen erschließen. So wurde 1999 an der Universität Hamburg ein Spenden-Pilotprojekt gestartet, bei dem 1 700 ehemalige Absolventen und Freunde der Universität mehr als 1,3 Millionen DM für die Hochschulbibliotheken zur Verfügung stellten. Weil das Projekt „Ex Libris – Wissen schaffen“ so erfolgreich war, wurde es Ende 2001 bundesweit ausgedehnt. Die Idee: Über eine bundesweite Kommunikationsplattform (www.
wissenschaffen.de) können Ehemalige und Freunde einer Hochschule zu dieser Kontakt aufnehmen und für einen Fachbereich spenden. Ab einem Betrag von 90 Euro kann sich der Spender über einen Ex-Libris-Aufkleber mit seinem Namen freuen, der in ein neues Buch eingeklebt wird. Ab 490 Euro erhalten die Spender als „Ehren-Förderer“ zusätzlich eine Urkunde und ein Lesezeichen. Mäzene, die ihrer Hochschule 4 900 oder mehr Euro spenden, werden in der „Galerie der Mäzene“ gewürdigt.
Prominente Fürsprecher wie Lothar Späth, Lord Dahrendorf und Marcel Reich-Ranicki sowie Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, unterstützen die Aktion, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Johannes Rau steht. Innerhalb von zwei Jahren hat der Verein rund 225 000 Euro von circa 1 000 Spendern erhalten. Hinzu kommt Unterstützung zum Beispiel durch kostenfreie Anzeigen und TV-Spots. KBr
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