ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Forschung: Rechenschieber beiseite legen

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Forschung: Rechenschieber beiseite legen

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 556

Brozik, Jan

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LNSLNS Eine sinnvolle Forschung ist nur dann möglich, wenn man über entsprechende Forschungsmethoden verfügt. So einfach ist es. Die Psychotherapieforschung verfügt über diese Methoden nicht, schon gar nicht über solche, die auf einer quantitativen Weise die Qualität „der therapeutischen Beziehung untermauern“. Demjenigen, der an der Evidenz der Wirksamkeit der therapeutischen Beziehung interessiert ist, muss geraten werden, seinen Rechenschieber zur Seite zu legen und eine Aufnahme der Lektüre der über 100 Jahre alten Freud’schen Schriften auf sich zu nehmen – sie sind heute im Kern unverändert gültig und haben allen modischen und opportunen Ausschweifungen der anderen Wissenschaften überaus gut standgehalten.
Die naturwissenschaftlich verstandene Psychotherapieforschung zeigt in ihrer Geschichte die Paradoxie einer unkritisch verstandenen „Wissenschaftlichkeit“ auf und macht es nachvollziehbar, warum in der Naturwissenschaft selbst von der Statistik als der „Hure der Wissenschaft“ das Wort geredet wird. Die Geschichte dieses Forschungsgebietes zeigt in einer geradezu erschütternden Weise auch, wie Partikular- und Legitimationsinteressen im Gewand der Wissenschaftlichkeit die Ergebnisse manipulativ verzerren, und die Erkenntnis durch die Verdunkelung derselben verfremdet wird. Es bleibt interessant festzustellen, wie eindeutig die Ergebnisse der so genannten Psychotherapieforschung durch die Interessengebundenheit derjenigen beeinflusst werden, die sie unmittelbar durchführen. Es ist insbesondere die Verhaltenstherapie, die sich durch einen Wissenschaftsbegriff zu legitimieren sucht, der ihr seit langem entrückt ist, dabei der Öffentlichkeit die Auskunft verwehrt, was sie denn eigentlich hinter der verschlossenen Tür betreibt.
Die Psychotherapieforschung wäre selbst tiefenpsychologisch zu untersuchen, und es wäre der Frage nachzugehen, inwiefern die Psychotherapie sich in einer geradezu masochistischen Weise dem längst überholten naturwissenschaftlichen Verständnis der Medizin unterwirft, um sich ihrer Existenzberechtigung zu vergewissern, obwohl an ihrer Evidenz, im Vergleich zu manch klassisch-medizinischen Maßnahmen, keine Zweifel bestehen. Also auch dann, wenn der „Zeitgeist“ die Zahlen und Effektivität fordert, von einer „Qualitätssicherung“ daherschwafelt, muss man die Zivilcourage aufbringen und dort Nein sagen, wo der Unfug anfängt und als Ideologie im naturwissenschaftlichen Gewand daherkommt, womöglich den Schaden für die nicht zu überschätzende Wertigkeit einer qualifizierten und kompetenten Psychotherapie abzuwenden. Wenn aber nahezu alle durchgeführten Untersuchungen zur Behandlungsdauer darin übereinstimmen, dass mit der zunehmenden Dauer (Aufwand) die Behandlungserfolge kontinuierlich ansteigen, wohingegen die Arztkosten sinken (!), dann erübrigt sich die Frage nach Effizienz, dann muss deutlich mehr Geld für die Psychotherapie her. Dann stünde eine qualitativ-inhaltliche Auseinandersetzung noch aus, der Rechenschieber kann weiterhin in der Schublade ruhen . . .
Dipl.-Psych. Jan Brozik, Uffhäuser Straße 3, 36251 Bad Hersfeld
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