ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Zukunft der Psychotherapie: Unterstützung durch bildgebende Verfahren

WISSENSCHAFT

Zukunft der Psychotherapie: Unterstützung durch bildgebende Verfahren

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 563

Fangauf, Ulrike

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LNSLNS Die Wirksamkeit von Psychotherapiemethoden ist nicht immer leicht zu messen – darüber diskutierten Wissenschaftler beim 60. Psychotherapie-Seminar in Freudenstadt.

Dass für die Behandlung psychogener Störungen tatsächlich die derzeit „schätzungsweise 300 verschiedenen Therapiemethoden und -techniken“ gebraucht werden, stellte Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard Reister, Zentrum für Psychiatrie in Calw, in seinem Eröffnungsvortrag zum 60. Psychotherapieseminar Freudenstadt Ende September infrage. Doch sei die „allgemeine Psychotherapie“ als Konglomerat aus verschiedenen Schulen, wie Klaus Grawe sie 1994 beschrieb, keine passende Alternative – die Lösung liege eher in einer Vielfalt überprüfter Methoden. Reister schlug einen Bogen zu Sigmund Freud, der „Zeit seines Lebens damit gehadert hat, dass er nicht wissenschaftlich beweisen konnte, was neurologisch während einer psychotherapeutischen Behandlung geschieht“. Diese Zeiten könnten nun endlich vorbei sein.
„Bildgebende Verfahren bringen die Psychotherapie wieder zurück in die Neurowissenschaft“, sagte Prof. Dr. med. Dieter F. Braus, Arbeitsbereich Bildgebung im Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die funktionelle und metabolische Bildgebung ermöglicht die differenzierte Abbildung von Ort und Ausmaß der Aktivität in den Hirnarealen sowie deren plastische Veränderung. Zusammen mit molekularbiologischer Grundlagenforschung könne endlich gezeigt werden, was Tiefenpsychologen immer behauptet haben: In den ersten Lebensjahren finden Lernprozesse statt, die die Grundlage für die weitere Entwicklung bilden. Die Stressreaktivität wird bis zum Alter von etwa neun Monaten unter dem Einfluss der Umwelt angelegt und justiert für das ganze Leben. In späteren kritischen Situationen wird bei geringer Stressreaktivität (etwa bei optimistischen Menschen) stärker der Hippocampus, bei hoher Stressreaktivität (zum Beispiel Angstpatienten) vermehrt die Amygdala aktiviert – bei Letzteren können
Panikreaktionen die Folge sein.
Doch Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich an die Erfordernisse der Umwelt anzupassen, bestehe lebenslang, betonte Braus. Auch Psychotherapie beeinflusse die Plastizität unmittelbar und befreie von der Vorstellung eines genetischen Determinismus: „Durch Stimulation werden neuronale Netze aktiviert, und ein Dialog zwischen Synapse und Zellkern via Dopamin und Serotonin findet statt. Innerhalb von 20 bis 30 Minuten nach Stimulation können neue Synapsen entstehen.“ Wichtig für Therapeuten sei die Tatsache, dass besonders die mentale Überraschung, das „Aha-Erlebnis“ in der Therapie zum Erfolg führen kann.
Psychotherapie braucht Effizienznachweise
Die spezifische Wirkung von Psychotherapie kann also sichtbar gemacht und mit klinischen Befunden verglichen werden. Die Frage ist, ob so die Therapiemethoden gefunden werden können, die es wert sind, gefördert zu werden. „Zu hoffen ist,“ betonte Braus, „dass die Forschung unterstützt wird, die die therapeutischen Besonderheiten der unterschiedlichen Verfahren für kurzfristige und dauerhafte Erfolge identifiziert.“ Möglicherweise könne mithilfe der bildgebenden Verfahren die wissenschaftliche Fundierung und Anerkennung von Psychotherapiemethoden weitergebracht werden, hofft Prof Dr. med. Gerhard Buchkremer, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie.
Buchkremer wies darauf hin, dass die Psychotherapie in Zukunft um Effizienznachweise bei jeder einzelnen Störung nicht herumkommt. „Die Frage nach der zukünftigen Entwicklung der Psychotherapie ist eng verknüpft mit Fragen der Wirksamkeit und den ökonomischen Bedingungen“, erklärte er. Häufig sei die Wirkungsweise einer effektiven Therapie unbekannt. Als Beispiel nannte Buchkremer die pharmakologische Therapie, deren Wirkungsweise immer noch nicht im Detail verstanden werde. Der therapeutische Nutzen werde dadurch jedoch nicht geschmälert. „Es muss unser wissenschaftliches Interesse sein, die Art der Wirkung immer besser verstehen zu lernen“, betonte er. Nur randomisierte Studien hätten bei der Wahl geeigneter Kontrollgruppen ausreichende interne Validität. Sie sollten durch Anwendungsbeobachtungen ergänzt werden. Jeder Therapeut müsse eine therapeutische Intervention aufgrund einer Therapie-Rationale begründen können und einen Gesamtbehandlungsplan erstellen, der bio-, psycho- und soziotherapeutische Elemente enthält.
Prof. Dr. Werner Deutsch, Technische Universität Braunschweig, vertrat die Ansicht, lineare Modelle zur Beschreibung des psychotherapeutischen Geschehens verfehlten die entscheidenden Wendepunkte – Fortschritte geschähen oft nicht kontinuierlich, sondern sprunghaft. Ebensowenig könnten Psychotherapiemethoden so erforscht werden wie Pharmaka. „Will man wissenschaftliche Objektivität und erlebte Subjektivität zusammenbringen, so kann man nicht nach festem Plan vorgehen. Zwar kann man Ziele vereinbaren, aber der Weg dorthin ist nicht starr festzulegen, sondern man muss auch dem Unbewussten folgen“, betonte Deutsch. Spontanes Geschehen, wie es in der Therapie auftritt, sei nicht standardisierbar.
Am Beispiel des Psychodramas, das bisher nicht in die Richtlinientherapie aufgenommen worden ist, befasste sich Deutsch mit der Frage, ob Therapieerfolge auch anders als über Versuchspläne mit randomisierten Behandlungs- und Kontrollgruppen erfasst werden können. „Im Psychodrama können unter bestimmten Rahmenbedingungen ‚magische Momente‘ auftreten, bei denen sich neue Möglichkeiten des Handelns auftun, die im Alltag noch nicht beschritten worden sind. In Analogie zur plötzlichen Einsicht bei der Lösung von Denkaufgaben, die seit Karl Bühler als ‚Aha-Erlebnisse‘ bekannt sind, werden solche magischen Momente als ‚Ja, so!‘-Erlebnisse bezeichnet“, erklärte Deutsch. Aus neurobiologischer Sicht seien diese Erlebnisse rational als Zustände des Gehirns erklärbar, bei denen Emotionen kognitive Prozesse in Gang setzten, die neue Erfahrungen ermöglichten. Doch die als „Ja, so!“-Erlebnisse bezeichneten „magischen Momente“ ließen sich nicht planmäßig im Sinne einer kausal wirksamen Technik hervorrufen, ihr Auftreten könne allerdings durch Kontextbedingungen, wie emotionale Einstimmung und therapeutische Beziehung begünstigt werden. Gleiches gelte für den Transfer auf Situationen des Alltags.
Neue Wege in der Wirkungsforschung
Die Wirksamkeit des Psychodramas in Bezug auf emotional bestimmtes neues Lernen könne theoretisch mithilfe eines nichtlinearen Ansatzes modelliert werden. Empirische Prüfungen seien möglich, indem die Bedeutung von Kontextbedingungen auf das Einsetzen von „Ja, so!“-Erlebnissen und ihre Übertragung auf den Alltag im Verlauf erfasst wird. Deutschs’ Fazit: „Auch bisher nicht zugelassene Psychotherapiemethoden wie das Psychodrama bieten ein höchst anregendes Potenzial, um neue Wege in der Wirkungsforschung zu gehen, die der gesamten psychotherapeutischen Praxis zugute kommen können.“ Dr. med. Ulrike Fangauf

Das nächste Psychotherapie-Seminar Freudenstadt findet vom 19. bis 24. September 2004 in Freudenstadt im Schwarzwald statt. Rahmenthema: „Grenzen des Lebens und Grenzerfahrungen“. Auskünfte erteilt das Sekretariat des Psychotherapie-Seminars, Karl-von-Hahn-Str. 120, 72250 Freudenstadt, Telefon: 0 74 41/54 23 99, Fax: 0 74 41/54 25 04, E-Mail: Sekretariat.Psychiatrische.Klinik @kkhfds.de, Internet: www.pt-seminar-freudenstadt.de
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