ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2003Transplantierte: Psychotherapeutische Begleitung sinnvoll

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Transplantierte: Psychotherapeutische Begleitung sinnvoll

PP 2, Ausgabe Dezember 2003, Seite 564

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LNSLNS Mit einem Spenderorgan leben derzeit in Deuschland etwa 60 000 Menschen. Jährlich werden etwa 3 000 Organtransplantationen durchgeführt. Am häufigsten werden Nieren transplantiert, gefolgt von Leber, Herz, Lungen und Stammzellen. Über 13 000 Menschen stehen auf der Warteliste für einen solchen Eingriff. Organtransplantationen können psychisch sehr belastend sein. Viele Patienten bedürfen daher psychotherapeutischer Begleitung.
Der Bedarf an Therapie oder Beratung kann bereits in der Orientierungsphase indiziert sein. In dieser Phase müssen sich die Patienten mit ihrem Zustand auseinander setzen und ihre Einstellung zur Transplantation klären. Sowohl das schnelle Fortschreiten als auch das Verdrängen der Erkrankung können zu psychischen Dekompensationen mit depressiver Lähmung oder zu Panikzuständen führen. Während der vorbereitenden Diagnostik müssen sich die Patienten definitiv entscheiden. In dieser Phase wird der Psychotherapeut als neutraler Ansprechpartner geschätzt, mit dem das Für und Wider einer Transplantation ohne Zeitdruck diskutiert werden kann.
Im Laufe der Wartezeit auf die Transplantation verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Patienten häufig. Sie leiden zunehmend unter Schwäche und Müdigkeit. Dazu kommt die Angst, die Transplantation nicht mehr zu erleben. „Die Wartezeit ist für die meisten Patienten die größte Belastung“, sagt Dr. med. Volker Köllner, Dresden. Es stellen sich Zweifel und Gefühle der Isolation, Unsicherheit und des Kontrollverlusts ein. Psychische Symptome wie Schlafstörungen, Depressivität und Affektlabilität treten gehäuft auf. Die zunehmende Abhängigkeit wird als starke Belastung erlebt. Im Verlauf der Wartezeit nehmen psychische Symptome und Schmerzen zu und verschlechtern die Lebensqualität. Psychotherapeutische Strategien zielen darauf ab, die Depressivität zu mindern und ein Minimum an Selbstkontrolle zu erhalten, unter anderem durch Physiotherapie und Entspannungsverfahren.
In der frühen postoperativen Zeit sind Abstoßungskrisen und andere Komplikationen häufig. Zunächst erleben die Patienten jedoch eine euphorische Phase, da sie sich körperlich wohl fühlen. Bei einem Teil der Patienten tritt jedoch eine psychiatrische Komplikation auf: das organische Psychosyndrom (Durchgangssyndrom). Zu den Symptomen zählen Halluzinationen, Wahnwahrnehmungen sowie affektive und kognitive Störungen. Die Ursachen sind noch ungeklärt. Häufig kommt es zu Spontanheilungen.
Drei bis zwölf Monate nach der Transplantation müssen Patienten und ihre Familien eine neue Normalität und neue Bewertungs- und Verhaltensmus-ter finden. Die Patienten sind mit den Anforderungen der Familie und der sozialen Umgebung konfrontiert und müssen ihre Krankenrolle aufgeben. Das gelingt oft nicht reibungslos und kann zu depressiven Verstimmungen, Schlaflosigkeit, Ängsten und sexuellen Problemen führen. Viele Patienten fühlen sich in dieser Phase erschöpft und überfordert. Tritt zudem eine Abstoßungsreaktion auf, nehmen Angst, Depressivität, Verzweiflung und Hilflosigkeit wieder zu. Auch die berufliche Integration ist nicht immer einfach und erfordert therapiebegleitend Sozialarbeiter und Rehabilitationsberater.
Die Autoren halten kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapieelemente aufgrund ihres pragmatischen und lösungsorientierten Ansatzes für die Betroffenen besonders geeignet. Sie plädieren für einen methodenübergreifenden Betreuungsansatz und ein abgestuftes Versorgungsmodell, in das Ärzte, Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen integriert sind und das sozialarbeiterische und sozialpädagogische Kompetenzen umfasst. ms

Köllner V, Archonti C: Psychotherapeutische Interventionen vor und nach Organtransplantation. Verhaltenstherapie 2003; 13: 47–60.

Dr. med. Volker Köllner, Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Fetscherstraße 74, 01307 Dresden, Telefon: 03 51/4 58 20 70, E-Mail: koellner@psychosoma.de
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