ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996Hochdrucktherapie: Auch reparative Prozesse sollten eingeleitet werden

POLITIK: Medizinreport

Hochdrucktherapie: Auch reparative Prozesse sollten eingeleitet werden

Vetter, Christine

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LNSLNS Die Ziele der Bluthochdruckbehandlung haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Stand früher das Senken zu hoher Blutdruckwerte im Vordergrund, so geht es inzwischen längst um mehr, wie bei der 5. Nationalen Bluthochdruckkonferenz in Bielefeld deutlich wurde: Endorganschädigungen durch die Hypertonie soll vorgebeugt werden. Mehr noch: Kardiale und strukturelle Veränderungen sollen zur Regression gebracht, reparative Prozesse in Gang gesetzt werden. Dazu sind, wie Tagungspräsident Professor Dr. Rainer Kolloch (Bielefeld) betonte, verschiedene Hebel zu bedienen.


Unterschätzt: Sympathikusaktivität
Unterschätzt wird derzeit offensichtlich noch das Problem der übersteigerten Sympathikusaktivierung bei der Hypertonie. Diese kann fatale Folgen haben: sie bewirkt ein Fortschreiten der Hypertonie und hat metabolische Einflüsse, verstärkt zum Beispiel eine Insulinresistenz, was den Betroffenen über eine Hyperinsulinämie regelrecht ins metabolische Syndrom treiben kann. Eine erhöhte Sympathikusaktivität nimmt aber auch Einfluß auf die Nieren, bewirkt eine verstärkte Thrombozytenaggregation, fördert so insgesamt betrachtet die Entwicklung von Endorganschäden und verstärkt das kardiovaskuläre Risiko. Kolloch stellte in Bielefeld sein Modell der Krankheitsprogression vor. Diese wird durch hämodynamische Faktoren bewirkt, wobei sich auf lokaler Ebene Streßfaktoren und Thrombozyten und systemisch in erster Linie die Vasokonstriktion und eine falsche Ernährung auswirken. Auch neurohumorale Faktoren führen zur Krankheitsprogression. Hier nannte der Hochdruckforscher auf lokaler Ebene Wachstumsfaktoren und Zytokine und systemisch das sympathische Nervensystem sowie das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System.
Die durch den Hochdruck bewirkte Krankheitsprogression beschränkt sich nicht auf das Herz, ähnliche Prozesse laufen, so der Mediziner, ebenfalls an der Niere ab: "Auch bei der Niere gibt es nach initialer Schädigung ein Remodelling, ähnlich wie beim Herzen nach einem Herzinfarkt."
Um die Krankheitsprogression zu unterbinden und reparative Prozesse zu forcieren, müssen nach Kolloch in der Praxis einige Regeln der Hochdruckbehandlung beachtet werden: so gilt es, Druckschwankungen zu vermeiden und eine konsequente Blutdruckeinstellung über 24 Stunden anzustreben. Dadurch kann das Risiko für Plaquerupturen arteriosklerotischer Veränderungen in den Gefäßen minimiert werden, und das führt nach Kolloch direkt zu einem geringeren Risiko für klinische kardiovaskuläre Ereignisse. "Hier haben wir wohl einiges versäumt in den vergangenen Jahren."


Compliance
Besonderes Augenmerk muß sich nach seinen Worten auf nächtliche Blutdruckanstiege richten: "Speziell bei der Differentialtherapie bei Patienten mit Endorganschäden müssen wir sicherstellen, daß der Blutdruck auch während der Nacht effektiv gesenkt wird." Kolloch sprach noch ein weiteres Problem der Hochdrucktherapie an: 80 Prozent der Betroffenen sind nach seinen Worten nicht compliant, und hier müßten dringend neue Strategien entwickelt werden. Christine Vetter

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