ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996Marktwirtschaft: Geheimnisvolle Quellen

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Marktwirtschaft: Geheimnisvolle Quellen

Müller, Sabine

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LNSLNS Wenn ich Zeit hätte, würde ich mich ja einmal auslassen über meine Befindlichkeit als neubundesländereingebürgerte Fachärztin eines Poliklinikrelikts.
Aber leider habe ich keine Zeit, und außerdem verschlägt es mir immer mehr die Sprache. Da sind zum Beispiel die täglichen Stöße von diversen, nie bestellten medizinischen Zeitschriften, die mir erklären, wie ich meine Immobilien verwalten und wo ich meine überschüssigen Gelder in Aktien anlegen soll. Es raucht mir der Kopf von den vielen Fremdwörtern der Zunft der Banker, aber brav lese ich doch die kostenlosen Lektionen, denn: Man weiß ja nie! Denn vielleicht steigt ja doch mal wieder der Punktwert, der für uns Neurologen ja schon auf 3,9 steht . . . Manchmal entdecke ich einen interessanten Fachartikel, aber dazu habe ich dann leider auch keine
Zeit mehr, denn da liegt schon der dritte gleiche dicke bunte Werbeprospekt einer Pharmafirma in der Post, der mich magisch anzieht. Da erfährt man wenigstens in aller Kürze, welches das beste und billigste der hundert gleichen Neuroleptika auf dem Markt ist. Nur leider: Kaum habe ich es mir versucht einzuprägen, kommt schon wieder ein Vertreter eines noch viel besseren Medikaments daher und läßt mich das soeben Eingeprägte schnell wieder vergessen.
Ich bin ja willig und will dessen Arbeitsplatz nicht gefährden, doch da kommt tatsächlich schon wieder ein Patient und verlangt eben dasselbe Medikament einer anderen Firma, was doch 30 Mark teurer ist als genau dasselbe einer noch ganz anderen Firma. Oh, ich will ja niemandem zu nahe treten! Jeder hat freie Wahl als freier Bürger.
Manchmal habe ich auch Arztbriefe zu lesen oder zu schreiben, das ist dann mal eine nette Abwechslung. Aber – wenn ich mich zu viel damit beschäftige, wächst mir der Stapel der schönen bunten Werbebriefe, Zeitungen und sonstigen unerwarteten Gratissendungen über den Kopf. Ja, so gut geht es mir jetzt. Nur: Früher hätte ich noch Personal gehabt, die Papierstöße fortzuschaffen, jetzt habe ich die Arbeit mit der Entsorgung allein, denn meine schwache Helferin hat’s mit dem Kreuz. Ja, es ist ein Kreuz!
Ich hätte nur gern einmal gewußt, wer die geheimnisvolle, nie versiegende Quelle der Papierflut speist! Sollten das etwa auch Gelder sein, die auf Umwegen vielleicht zu uns Ärzten geleitet werden könnten, um damit unseren Punktwert doch um ein bißchen aufzupäppeln?
Sollte ich dann vielleicht wie-der mehr fachlich arbeiten können? Ansonsten liebäugelte ich schon mit meiner nunmehr marktwirtschaftlichen Kenntnis von "Renditen ohne Reue", "optimaler Fondsstrategie", "Gewinnen mit Verlusten" usw., um dem Medizingeschäft – pardon: -konkurs – den Rücken zu kehren.
Ganz dunkel erinnere ich mich noch der mitleidigen Blicke meiner Ostkollegen und der giftigen Artikel der westlichen Standesvertreter gegen die durchweg "maroden Polikliniken und unmotivierten Ärzte". Ich schämte mich sehr, indem ich einfach so weiter machte wie vorher. Nur leider, ich habe eben gar keine Zeit mehr, nicht mal, um mit den Kollegen am Telefon über einen Patienten zu beratschlagen oder meinen Frust über alles dies abzulassen.
Ich bin nicht etwa rot angehaucht! Im Gegenteil, die Stasi hatte mich schon auf der berühmten Liste! Aber ich möchte als engagierte Ärztin auch noch ein bißchen jetzt und hier leben! Ist das sehr unärztlich?


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Sabine Müller
Gesundheitszentrum Trebuser Straße 60
15517 Fürstenwalde/Spree

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