ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Schmerztherapie bei Kindern: Gravierende Probleme

POLITIK

Schmerztherapie bei Kindern: Gravierende Probleme

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3288 / B-2737 / C-2557

Merten, Martina

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LNSLNS Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages
lud Experten zum Gespräch.
Noch immer seien die Defizite bei der schmerztherapeutischen Behandlung von Kindern groß: So werde momentan nur ein Drittel derjenigen Kinder, die an chronischen Schmerzen leiden, ausreichend versorgt, berichtete Dr. med. Boris Zernikow während eines Expertengesprächs der Kinderkommission des Deutschen Bundestages Mitte November in Berlin zum Thema „Schmerztherapie, häusliche Pflege und Sterbebegleitung bei Kindern“. „Dabei haben bereits mindestens 350 000 Kinder unter 16 Jahren Migräneattacken und zehn Prozent aller Schulkinder dauerhafte Bauchschmerzen“, so der Institutsleiter für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln.
Ein gravierendes Problem ist nach Ansicht von Zernikow die fehlende Zulassung von Medikamenten für Kinder. Wichtige Schmerzmittel könnten nicht angewandt werden. „Sind die Medikamente nicht zugelassen, lehnen die Krankenkassen auch für wissenschaftlich begründete und Erfolg versprechende Schmerztherapien eine Kostenübernahme ab“, so der Dattelner Kinderarzt. Da die Ressourcen in Kinderkliniken immer knapper würden, entscheide man sich nicht selten für den „sicheren und schmerzvollen“ Weg, ganz auf Schmerzmittel zu verzichten.
Die Finanzierungsprobleme würden noch dadurch verstärkt, dass Krankenhäuser zunehmend nach dem DRG-System abrechneten. Bislang sei die stationäre Kinderschmerztherapie bei chronischen Schmerzen nicht im Fallpauschalensystem nach australischem Muster abgebildet und dadurch nicht finanzierbar. Zernikow forderte spezielle Abrechnungsziffern, um dieses Defizit auszuräumen. Das DRG-System biete aber auch Chancen: „Wenn wir im Rahmen des Entgeltsystems künftig nur noch die Behandlung von Kindern in speziellen Kinderkliniken honorieren, hätte die qualitativ schlechtere schmerztherapeutische Behandlung von Kindern in Erwachsenenkliniken endlich ein Ende“, so Zernikow.
Martina Lehmann-Geck, Geschäftsführerin des bundesweiten Dachverbands von Kinderhospizen und Kinderhospizinitiativen in Olpe, verwies auf den Mangel an ambulanten Kinderhospizen. Derzeit gebe es lediglich drei Hospize, die sich ambulant um schwerkranke Kinder kümmerten, ein weiteres befinde sich im Aufbau. Dem gegenüber stehen nach Angaben der Kinderkommission 22 000 Kinder und Jugendliche mit lebenslimitierenden Erkrankungen.
Palliative Versorgung
Einige Krankenhausstationen böten zwar inzwischen palliative Versorgung für krebskranke Kinder an, so Lehmann-Geck. Für Kinder mit anderen lebensbedrohlichen Krankheiten, wie zum Beispiel kardiologischen oder pulmonologischen Erkrankungen, werde bisher aber zu wenig getan. Dabei sterbe nur ein Drittel der Kinder an Krebs.
Um schwer kranke Kinder bis zum Tode zu Hause betreuen zu können, müssten Eltern mehr häusliche Unterstützung durch fachkompetentes Pflegepersonal erhalten, forderte Prof. Dr. med. Günter Henze von der Gesellschaft für pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Notwendig seien darüber hinaus Kinderpalliativstationen in Ballungsgebieten, ergänzte Zernikow. Kinder mit tödlich verlaufenden Erkrankungen könnten im Falle einer Verschlechterung ihres Allgemeinzustands auf diese Stationen gebracht, dort „neu eingestellt“ und dann wieder nach Hause geschickt werden. Zernikow schlug vor, Kinderpalliativzentren so lange als Modellprojekte zu fördern, bis durch gesetzliche Regelungen ein Kostenträger gefunden sei. Günter Ploß, Landesverband der Angestellten-Krankenkassen in Hamburg, gab allerdings zu bedenken, dass mehr staatliche Unterstützung für palliative Versorgung nur mit höheren Krankenkassenbeiträgen zu finanzieren sei. Martina Merten
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