ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Telemonitoring und Smart Home Care: Hohe Akzeptanz bei den über 50-Jährigen

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Telemonitoring und Smart Home Care: Hohe Akzeptanz bei den über 50-Jährigen

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3294 / B-2743 / C-2563

Böhm, Uta; Röhrig, Anne; Schadow, Bert

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LNSLNS Eine Studie hat untersucht, wie ältere Patienten aus Nutzersicht den Einsatz neuer Technologien im Gesundheitswesen bewerten.
Uta Böhm, Anne Röhrig, Bert Schadow

Telemonitoring und Smart Home Care bieten viele Vorteile. Sie können zu einer qualitativ besseren Versorgung und Betreuung, zur Erhöhung der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Patienten sowie zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen beitragen. Wesentlich für die Verbreitung der neuen Technologien werden neben dem technisch Machbaren die Akzeptanz der Anwender und Patienten sein.
Das BIS – Berliner Institut für Sozialforschung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit innovativen Technologien und deren Akzeptanz durch potenzielle Nutzer. Im Zentrum der Forschungstätigkeit stehen ältere Menschen, die als Zielgruppe besonders relevant sind: Der Anteil Älterer an der Bevölkerung der Industriestaaten wächst, die Lebenserwartung steigt, im Alter nehmen Behandlungshäufigkeit und -dauer zu. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Kostenentwicklung stellen sich hier neue Anforderungen an das Gesundheits- und Versorgungssystem. Bislang liegen kaum Daten zur Akzeptanz von Smart Home Care aus Nutzersicht vor.
Erste Ergebnisse liefert die Untersuchung „Smart Home – Smart Aging, Akzeptanz und Anforderungen der Generation 50+“ des BIS (1). Die Untersuchung umfasst ein Sample von 307 Personen ab 50 Jahren, die detailliert zu ihren Einstellungen zum Einsatz innovativer Technik im Wohnbereich und im Gesundheitsbereich sowie zu ihren Nutzungsabsichten für Anwendungen aus den Bereichen Telemonitoring und Smart Home Care befragt wurden. Den Probanden wurden die Anwendungen im Rahmen von Studiogesprächen vorgestellt und erläutert. Im Anschluss daran erfolgte eine standardisierte Fragebogenerhebung.
Für chronisch Kranke besonders interessant Gesundheit hat eine hohe Priorität, vor allem im fortgeschrittenen Lebensalter. Für 82 Prozent der über 55-Jährigen handelt es sich um den Lebensbereich, dem die meiste Bedeutung beigemessen wird (2). Darauf ist auch zurückzuführen, dass Telemonitoring und Smart Home Care weitgehend akzeptiert sind (Grafik 1). Antizipierte Vorteile überwiegen gegenüber den geäußerten Vorbehalten. Besonders attraktiv erscheinen Anwendungen im häuslichen Bereich für chronisch Kranke. Gründe für die positive Bewertung sind erhöhte Sicherheit, Zeitersparnis sowie mehr Selbstständigkeit und Mobilität für Patienten. Verglichen mit anderen angenommenen Vorteilen, werden in der Verringerung der Kosten im Gesundheitswesen durch den Einsatz neuer technischer Anwendungen die geringsten Möglichkeiten gesehen. Unter den Vorbehalten rangiert die Befürchtung einer Störanfälligkeit der Technik an erster Stelle. Relativ starke Bedenken bestehen auch hinsichtlich der Bedienung, die insbesondere für technisch unerfahrene oder hochbetagte Patienten als zu kompliziert erscheint. Nur knapp einem Fünftel der Befragten macht die Technik Angst. Lediglich rund elf Prozent halten sie für unnötig.
Männer bewerten die vorgestellten technischen Anwendungen etwas positiver als Frauen. Sie betonen sämtliche Vorteile stärker, wohingegen Frauen kritischer sind. Auch altersabhängig zeigen sich Unterschiede. 50- bis 65-Jährige sehen in Smart Home Care größere Vorteile als ältere Befragte. !
Den Studienteilnehmern wurden acht technische Anwendungen aus dem Gesundheitsbereich vorgestellt (Textkasten). Die Daten zeigen eine hohe Akzeptanz von Features, die geeignet sind, die persönliche Sicherheit durch Überwachung gesundheitsbezogener Daten zu gewährleisten (Grafik 2). 70 Prozent der Befragten würden zum Schutz vor unentdecktem Liegenbleiben einen sturzmeldenden Bodenbelag nutzen. Bisherige Sturzmeldesysteme sind jedoch noch recht fehleranfällig. Eine Untersuchung zur Notfallerkennung anhand der am Tagesablauf orientierten Aktivitäten mit 19 Probanden (3) kommt zu dem Schluss, dass möglichst viele Parameter in die Notfallentscheidung einfließen müssen. Dies können einerseits Vitalparameter wie Puls, EKG, Atmung und Sauerstoffsättigung des Blutes sein, die möglichst nichtinvasiv gemessen werden. Andererseits sind auch Parameter denkbar, die sich am Tagesablauf orientieren (zum Beispiel „Wurde heute schon Wasser verbraucht?“ oder „Befindet sich die Person liegend im Flur oder im Bad?“). Bei dem untersuchten Sample gab es keine Akzeptanzprobleme bei der Benutzung eines mobilen Vitalparametermessgerätes (Vitaguard, Firma getemed AG).
Ähnliches zeigt sich auch in folgendem Ergebnis des BIS-Surveys: 70 Prozent der Probanden haben Interesse an Patientenüberwachung für chronisch Kranke in Form eines mobilen Kleingerätes, über das Patientendaten ermittelt und zur Kontrolle an medizinisches Fachpersonal gesendet werden können.
Jeweils mehr als 50 Prozent können sich vorstellen, intelligente Kleidung zu tragen, die in Notfällen professionelle Hilfe alarmiert, oder gesundheitsbezogene Daten von zu Hause an den behandelnden Arzt zu übertragen. 60 Prozent haben Interesse an einem Gesundheitsportal im Internet. Attraktiv ist ein solches Angebot unter anderem zur Vorbereitung eines Arztbesuches und zur Klärung offener Fragen nach einer Konsultation. Teilweise werden entsprechende Angebote bereits genutzt. Für rund 40 Prozent käme ein Videokonferenzsystem infrage, um Kontakt mit einem Arzt oder Therapeuten aufzunehmen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass den persönlichen Kontakten zu Ärzten, Therapeuten oder Pflegenden eine hohe Bedeutung beigemessen wird. Mehrheitlich ziehen die Befragten einen persönlichen Kontakt vor. Falls jedoch gravierendere Einschränkungen vorliegen, die zum Beispiel zu einer starken Mobilitätseinbuße führen, kommen auch technische Lösungen in Betracht. Die Befragten wägen also gezielt ab zwischen der Aufgabe der selbstständigen Lebensführung und einer ablehnenden Haltung gegenüber bestimmten Technologien und Einsatzfeldern. An der Nutzung von Servicerobotern, die Bildkommunikation mit Verwandten und medizinischem Personal ermöglichen, an wichtige Dinge erinnern und in Notfällen Hilfe alarmieren, besteht geringeres Interesse. Sie erscheinen im eigenen Wohnumfeld zu inflexibel. Die Befragten nehmen an, dass die Roboter viel Platz benötigen, im Weg stehen und – sofern sie mobil sind – Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Hindernissen haben und die Einrichtung beschädigen könnten.
Männer und Frauen bewerten die Anwendungen relativ ähnlich. Deutlichere Unterschiede bestehen altersgruppenspezifisch. Bis auf die Nutzung eines sturzmeldenden Bodenbelages, der für über 65-Jährige aufgrund eines selbst wahrgenommenen erhöhten Sturzrisikos interessanter ist, äußern jüngere Befragte (50 bis 65 Jahre) generell mehr Interesse, die vorgestellten Anwendungen selbst zu nutzen.
Aus Sicht älterer Techniknutzer bieten Telemonitoring und Smart Home Care Vorteile und einen praktischen Nutzen für das eigene Leben. Entsprechend positiv ist die grundsätzliche Haltung gegenüber technischen Anwendungen zum Einsatz im häuslichen Bereich. Auch wenn unterschiedlichste Vorbehalte formuliert werden – Telemonitoring und Smart Home Care sind aus Nutzersicht sehr interessant, insbesondere wenn die Anwendungen die Sicherheit des Patienten erhöhen und ihm gleichzeitig mehr Unabhängigkeit und Mobilität ermöglichen. Allerdings werden auch Vorbehalte deutlich, vor allem im Hinblick auf die Störanfälligkeit der Technik und bei der Bedienung, die aufgrund bisheriger Erfahrungen als kompliziert eingeschätzt wird.
Hilfe in Notfällen
Nutzungsinteresse besteht bei den Patienten vor allem für Anwendungen zur Übermittlung von Daten und zur Überwachung beziehungsweise schnellen Alarmierung von Hilfe in Notfällen. Auch Lösungen, die dem Patienten gesundheitsbezogene Informationen komfortabel zugänglich machen, sind attraktiv. Deutlich geringer ist dagegen das Interesse an Anwendungen, durch die direkte soziale Kontakte zwischen Arzt oder Therapeut und Patienten verringert werden. Die Ergebnisse beziehen sich auf ein Sample über 50-jähriger Probanden. Aufgrund bisheriger Erfahrungen kann für jüngere Personen von einer mindestens ebenso starken, eher jedoch noch höheren Akzeptanz von Smart Home Care ausgegangen werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 3294–3298 [Heft 50]

Literatur
1. Meyer S, Böhm U, Röhrig A: Smart Home – Smart Aging. Akzeptanz und Anforderungen der Generation 50+. Vierter Smart Home Survey des BIS. Berlin 2003
2. Kaspar R, Becker S, Mollenkopf H: Technik im Alltag von Senioren, Arbeitsbericht zu vertiefenden Auswertungen der sentha-Repräsentativerhebung. Berliner Institut für Sozialforschung/Deutsches Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Berlin/Heidelberg 2002
3. Ross D: Untersuchung und Auswertung von Vitalparametern zur Notfallerkennung anhand der am Tagesablauf orientierten Aktivitäten. Diplomarbeit am Institut für Medizintechnik der TU-Berlin. Berlin 2003

Anschrift für die Verfasser:
Dipl.-Soz. Uta Böhm
Berliner Institut für Sozialforschung
Ansbacher Straße 5, 10787 Berlin
www.bis-berlin.de

Textkasten
Präsentierte Einzelanwendungen
- Gesundheitsportal: Informationen für Patienten zu Medizin und Gesundheit im Internet.
- Intelligente Kleidung: Sicherheit durch Kleidungsstücke, die in gesundheitlichen Notfällen professionelle Hilfe alarmieren, wobei der Aufenthaltsort des in Not Geratenen übermittelt wird.
- Übertragung medizinischer Daten: von zu Hause aus werden Daten wie Temperatur, Blut-, Urinwerte, Blutdruck an einen Arzt oder ein Servicezentrum übertragen.
- Mobile Patientenüberwachung: mobile Kontrollmöglichkeit gesundheitsrelevanter Daten (Blutzucker, EKG) durch den Patienten und Übermittlung an medizinisches Fachpersonal (zum Beispiel durch Herzhandy, mobile Diabeteskontrolle).
- Serviceroboter: Ein beweglicher Roboter ermöglicht die Bildkommunikation mit Angehörigen und medizinischem Fachpersonal, erinnert an wichtige Dinge und Termine (Arztbesuche, Medikamenteneinnahme) und alarmiert in Notfällen professionelle Hilfe.
- Sturzmeldender Boden: Vermeidung unentdeckten Liegenbleibens nach einem Sturz durch Auslösen eines Notrufs in einer rund um die Uhr besetzten Zentrale (zum Beispiel über den Bodenbelag des Badezimmers).
- Teletherapie: Therapie zu Hause mit Bildkontakt zu einem Therapeuten, der den Patienten anleitet und das korrekte Ausführen der Übungen begleitet und kontrolliert.
- Videokonferenz mit dem Arzt: per Bildkommunikation von zu Hause den Arzt konsultieren.
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