ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Psychiatrie: Missstände müssen aufhören

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Psychiatrie: Missstände müssen aufhören

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3300 / B-2747 / C-2567

Planz-Kuhlendahl, Sigrid

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LNSLNS Die Ausführungen von Melchinger et al. beleuchten die desaströse Fehlentwicklung in der psychiatrischen Versorgung in den letzten Jahren, die unter anderem seit und vermutlich auch wegen Einführung des Psychotherapeuten-Gesetzes eingeleitet wurde . . .
Aus fast 18 Jahren niedergelassener Tätigkeit in der Neurologie und Psychiatrie und 16 Jahren Zulassung als Psychotherapeutin weiß ich, wie sich der Anspruch des krankenversicherten Bundesbürgers inzwischen explosionsartig aufgebläht hat. Nicht mehr die wirklich gravierenden neurotischen Krankheiten werden behandelt, sondern oft Befindlichkeitsstörungen ohne eindeutigen Krankheitswert. Weil vor allem psychologische Psychotherapeuten die schweren psychischen Leiden nicht einmal von ferne beobachten können, geschweige denn in einer klinischen Ausbildung kennen gelernt haben, glauben sie, dass jeder, der ihre Hilfe in Anspruch nimmt, zu den psychisch schwerer gestörten Personen gezählt werden müsse. Als Gutachterin weiß ich, dass häufig Psychotherapien verordnet werden, um im Rentenverfahren eine größere Chance für einen positiven Rentenbescheid zu haben. Als Prüfärztin habe ich beobachten müssen, dass reine Psychotherapeuten häufig Doppelsitzungen bei „Krisen“ abrechneten, bei denen man dann die recht allgemeinen Diagnosen „Dysthymia“ und „Neurotische Störung, n. n. b.“ vorgesetzt bekam, häufig dann noch mit der Notfallziffer 5 versehen, weil die Sitzung in den Abendstunden stattfand.
Diese Missstände müssen aufhören. Sie gehen zulasten (m)einer kleinen Fachgruppe von Neurologen und Psychiater, die sich ernsthaft bemüht, für die schwerer psychisch kranken und suizidalen Patienten präsent zu sein, die aber, sofern sie sich nicht zur Flucht in die reine Psychotherapie-Praxis entschließt, wirtschaftlich zugrunde gerichtet wird. Dies haben die Autoren sehr gut herausgearbeitet.
Dr. med. Sigrid Planz-Kuhlendahl, Landesverband Hessen im BVDN e.V., Aliceplatz 7, 63065 Offenbach
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