ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Psychiatrie: Nagel auf den Kopf getroffen
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LNSLNS Ihr Artikel hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Als einer der wenigen noch kassenärztlich psychiatrisch und psychotherapeutisch tätigen Psychiater bestätigen die von Ihnen erhobenen Daten meine seit langen gemachte Erfahrung, dass es eine zunehmende Zweiklassenmedizin für psychisch Kranke gibt. Die erste Klasse auf hohem Niveau mit einem hoch qualifizierten psychotherapeutischen Angebot für eher leichter neurotisch gestörte Patienten, die eine entsprechende Fähigkeit haben, ein halbes bis ein Jahr auf einen Therapieplatz warten zu können, wohingegen Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen aus der Richtlinienpsychotherapie ausgeschlossen werden und sich die Behandlung meistens auf die medikamentöse Behandlung in großen Nervenarztpraxen oder beim Hausarzt beschränkt. In den letzten beiden Jahren hat die 90-Prozent-Regelung (abgesicherte Honorare nur für die ausschließlich psychotherapeutisch tätigen Kollegen und nur für genehmigungspflichtige Leistungen) dazu geführt, dass eine Akut- und Krisenversorgung durch die Kassenärztliche Vereinigung praktisch zum Erliegen gekommen ist und dass sich viele meiner Kollegen in die Langzeitpsychotherapie zurückgezogen haben. Probatorische Sitzungen werden aufgrund der Honorarsituation nur noch begrenzt angeboten, wichtige differenzialdiagnostische und -therapeutische Überlegungen in der Frühphase von psychischen Erkrankungen entfallen, zum Beispiel die Indikationsüberprüfung einer Psychopharmakotherapie, Weichenstellungen bzgl. voll-, teilstationärer oder ambulanter Behandlungsmöglichkeiten und bezüglich der Wahl des für die Störung angemessenen Richtlinienverfahrens. Zudem hat diese Mangel-
situation zu einer massiven Zunahme der sehr viel teureren Inanspruchnahme der Institutsambulanzen geführt. Schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht. Obwohl der Gesetzgeber mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz zum 1. Januar 2003 die so genannte 90-Prozent-Regelung aufgehoben hat, weigert sich hier in Niedersachsen die KV, diese gesetzlichen Vorgaben schnellstmöglich umzusetzen.
J. Tilman von Cramer,
Plankenstraße 7, 21423 Winsen
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