ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Festspiele: Mozart wurde auf der Bühne ständig angepöbelt

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Festspiele: Mozart wurde auf der Bühne ständig angepöbelt

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3304 / B-2750 / C-2569

Franken, F. H.

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LNSLNS Dr. Lange stuft die Neuinszenierung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ bei den Salzburger Festspielen 2003 als „museumsreifen Staubfänger“ ein, einen modisch bedingten schwer verantwortbaren Irrtum, denn die Inszenierung entsprach mit ihren historisch getreuen Kostümen und Bühnenbildern sowie ihrer Skurrilität genau den Forderungen des Komponisten (wobei man sich darüber streiten kann, ob die Barkarole gelungen war). Das steht natürlich im Gegensatz zu den sog. entstaubten Inszenierungen, mit denen uns gegenwärtig aufgeblasene Regisseure beglücken, indem sie den Willen und die Anliegen der Schöpfer unserer großen Bühnenwerke ignorieren und dafür banale Dummereien und die stets erforderlichen Obszönitäten hinzufügen. Treffendes Beispiel hierfür ist die diesjährige Salzburger Neuinszenierung von Mozarts „Entführung“ des so „talentierten Stefan Herheim“, die nichts mehr von der verfeinerten Erotik und der Farbigkeit des Orients, dem Anliegen Mozarts, erkennen lässt. Dafür wird man mit niedriger Sexualität und moderner Wohnküchenromantik abgespeist. Eine „Schweinerei“ bemerkte hierzu eine Salzburger Persönlichkeit, die selbst bei den Festspielen engagiert ist. Und so waren es bei der Premiere wohl nicht die empörten Zwischenrufe aus dem Publikum, die der Rezensent als „pöbelnd“ empfand, sondern Mozart wurde ständig auf der Bühne angepöbelt.
Das Fatale solcher inszenatorischen Entgleisungen mit ihren Eigenmächtigkeiten und Verstümmelungen ist, dass die jüngere Generation keine Vergleichsmöglichkeiten mehr zu Inszenierungen nach dem Willen der Komponisten und Librettisten hat, da diese von Rezensenten und Kritikern, ungeachtet der Proteste des Publikums, als nicht mehr zeitgemäß abgetan werden. Das betrifft auch die jüngere Ärztegeneration, die zwischen Praxis und Bürokratie nicht mehr genügend Zeit zu objektiver Orientierung findet und den Ausführungen eines Dr. Lange vertraut, der sich zum Sprecher der Kulturverbrechen macht, die sich auf unseren Bühnen abspielen.
Prof. Dr. med. F. H. Franken, Sonnhalde 18, 79104 Freiburg
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