ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Berlin: Auf der Suche nach der verlorenen Identität

VARIA: Feuilleton

Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Berlin: Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3327 / B-2769 / C-2589

Lenze, Susanne

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Waltraud B., 65 Jahre, Bäckermeisterin, betreibt eine 1926 gegründete Bäckerei in Berlin-Spandau.
Waltraud B., 65 Jahre, Bäckermeisterin, betreibt eine 1926 gegründete Bäckerei in Berlin-Spandau.
Studie: Massentourismus zerstört Lebensqualität.

Als kleiner Junge wollte ich keine Gelegenheit verpassen, ins Stadtzentrum zu gehen, es war wie eine Reise für mich.“ Das Interesse am Besuch des Florentiner Zentrums hat sich etwa 40 Jahre später im Jahr 2002 für Massimo M., Buchhändler in Florenz, verändert.
„Wenn ich sehe, dass das Zentrum immer weniger Aktivitäten innerhalb des Viertels hat und stattdessen immer mehr Kommerz für Touristen entsteht und der eigentliche Charakter der Stadt abhanden geht, dann beunruhigt mich das“, sagte Massimo M. zu Studierenden, die in Florenz Menschen befragten: Wie es sich aus ihrer Sicht (der Sicht der Bewohner) in den historischen Vierteln europäischer Städte lebt? Wie wirkt sich Massentourismus und ökonomische Aufwertung auf das urbane Sozialgefüge und die lokale Kultur aus?
Giannozzo P., 57 Jahre alt,Verleger, Nachfahre einer der ältesten Familien von Florenz
Giannozzo P., 57 Jahre alt,Verleger, Nachfahre einer der ältesten Familien von Florenz
Die Fragen wurden in Florenz, Berlin und Neapel gestellt, und aus den Antworten daraus wurden 60 fotografische und psychologische Bewohnerporträts erstellt – vom illegalen Parkplatzwärter über den Geigenbauer, die Professorin für Urbanistik, den Verleger bis zum Bundestagspräsidenten. Die Ausstellung „Erzählungen und Bilder der Stadt: Lebensqualität und Tourismus in historischen Vierteln von Florenz, Berlin und Neapel“ ist noch bis zum 30. Dezember im Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg zu sehen.
Gibt es einen Ausweg für den Identitätsverlust berühmter Städte und ihre Plätze? Antworten auf diese Frage versucht die Ausstellung zu geben. „Die Vielfalt der Antworten und Perspektiven, die in der Ausstellung zu Wort kommen, ergibt jedoch keine einheitliche politische Botschaft“, sagte Prof. Dr. med. Dr. phil. Heiner Legewie bei der Ausstellungseröffnung Anfang November in Berlin. Er absolvierte mit einer Gruppe von Studierenden und Mitarbeitern von 2000 bis 2002 ein Feldforschungsprojekt in zwei historischen Vierteln Berlins – Spandauer Vorstadt (Berlin-Mitte) und Kollwitzplatz-Viertel (Prenzlauer Berg) und als Gast der Universität Florenz im historischen Zen-trum (Centro storcio). Legewie war von 1977 bis zu seiner Emeritierung 2002 Professor für Klinische Psychologie, Gesundheits- und Gemeindepsychologie an der Technischen Universität Berlin. Die Kuratoren der Exposition sind Legewie und Dr. Maurizio Mordini, der als klinischer Psychologe und Gemeindepsychologe in Stadtteilprojekten in Florenz arbeitet und einen Treffpunkt für Obdachlose leitet.
Die Antworten der Bewohner sind vielfältig. Manche beschwören nostalgisch das „alte Kiezmilieu“, andere entwickeln Ideen, wie dieser Wandel nach „menschlichem Maß“ vollzogen werden sollte, wieder andere fühlen sich durch Tourismus verdrängt. Den Auswirkungen des ökonomischen Wandels steht auch der Geigenbauer Jörg L. kritisch gegenüber. Er betreibt seine Werkstatt in der Spandauer Vorstadt. „Das war früher mal ’ne schlichte Wohngegend und droht zu einem Ausstellungsstück, zu einer Kulisse, zu verkommen. “ Mariella Z., Professorin für Urbanistik in Florenz, konstatierte, dass nur etwa fünf Prozent der Besucher wirkliche Kulturtouristen seien. Die Stadt werde durch die Massen in Mitleidenschaft gezogen, dass der eigentliche Alltag, die Identität, verloren geht. Der Reiz von Florenz war aber gerade dieses Verhältnis zwischen den Trattorien, den Handwerkerwerkstätten und der Kunst. Die steigenden Mieten könnten sich die Künstler nicht mehr leisten.
Wolfgang T., 59 Jahre, Bundestagspräsident, lebt seit 25 Jahren am Kollwitzplatz in Berlin- Prenzlauer Berg. Fotos: Willy-Brandt-Haus
Wolfgang T., 59 Jahre, Bundestagspräsident, lebt seit 25 Jahren am Kollwitzplatz in Berlin- Prenzlauer Berg. Fotos: Willy-Brandt-Haus
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Über schmerzliche Veränderungen durch die ökonomische Aufwertung in Touristenvierteln weiß auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) zu berichten. Er lebt am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Thierse räumt ein, dass der Kollwitzplatz 1989 ein Mythos wurde, was sich sofort verteuernd auswirkte. Da seien manche verdrängt worden, weil die Mieten gestiegen sind. „Es sind manche Geschäfte kaputtgegangen, die vierzig Jahre Kommunismus überstanden haben, aber zehn Jahre Kapitalismus nicht“, sagte Thierse. Er sehe das mit Trauer. „Aber ich habe immer gesagt, man konnte den Kollwitzplatz nicht unter eine Käseglocke stellen“, so Thierse. Vorschläge zur Verbesserung der Situation hat der Florentiner Buchhändler Massimo M.: „Die begehrten Plätze müssen mit kulturellen Veranstaltungen wie Bücherverkäufen, Theatervorführungen oder Konzerten belebt werden. Wir brauchen Qualität, nur so können wir zu unser Identität zurückfinden und wirklich etwas Nützliches tun, auch für die, die nur einen Tag kommen.“ Susanne Lenze

Die Ausstellung läuft bis zum 30. Dezember im Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 141 in Berlin-Kreuzberg und ist von Dienstag bis Sonntag, außer montags, täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet sechs Euro.

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