ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2003Fusionshemmer: Neue Wirkstoffklasse für die HIV-Infektion

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Fusionshemmer: Neue Wirkstoffklasse für die HIV-Infektion

Dtsch Arztebl 2003; 100(50): A-3330

Leinmüller, Renate; Hoc, Siegfried

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LNSLNS Nach einem Zeitintervall von acht Jahren wurde jetzt erstmals wieder ein neues Prinzip für die Therapie der HIV-Infektion verwirklicht. Der Wirkstoff Enfuvirtide verhindert als Fusionshemmer das Andocken des HI-Virus an die Haftungsstelle der Zielzelle, die Fusion der Zellmembranen und damit die Einschleusung der viralen RNA in menschliche Wirtszellen.
Das seminsynthetische Peptid Enfuvirtide (Fuzeon®) wurde als spezifischer Inhibitor entwickelt, nachdem die Haftungsstelle an der Zielzelle (gp 41) identifiziert war. Der Fusionshemmer hat damit – im Vergleich zu den Reverse-Transkriptase-Inhibitoren und den Protease-Inhibitoren – einen wesentlich früheren Ansatzpunkt im Zyklus der HIV-Replikation.
Mit diesem Wirkprofil gewann Fuzeon den Innovationspreis der Pharmazeutischen Zeitung (PZ), der seit 1995 jährlich an Pharmahersteller verliehen wird. „Zum vierten Mal wird die Hoffmann-La Roche AG mit dem Innovationspreis ausgezeichnet, nun für das HIV-Medikament Enfuvirtide“, betonte PZ-Chefredakteur Prof. Hartmut Morck. Von diesem Wirkstoff profitieren auch HIV-Infizierte mit Multiresistenz gegenüber Protease-Inhibitoren sowie nukleosidischen und nichtnukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren.
Das neue Medikament ist ein relativ großes Peptid, dessen Herstellung mehr als 100 Produktionsschritte umfasst. Es besteht aus 36 Aminosäuren und muss zweimal täglich subkutan appliziert werden. Bei langjährig – im Durchschnitt sieben Jahre – vorbehandelten Patienten (Viruslast > 5 log 10 Kopien/ml, CD4-Zellzahl < 100/µl) wurde die Viruslast signifikant stärker gesenkt, und die Zahl der CD4-Zellen stieg deutlich stärker als im Vergleichsarm der Phase-III-Studien. Hier erhielten die Patienten ein optimiertes, individualisiertes Therapieregime über 48 Wochen.
Nach elf Monaten zeigten die Patienten, die zusätzlich zum optimierten antiretroviralen Regime Enfuvirtide erhielten, eine mittlere Reduktion der Viruslast um 1,48 log 10 Kopien/ml im Vergleich zur Kontrollgruppe mit einer Verringerung von 0,63 log 10 Kopien/ml, berichtete Dr. Stefan Esser (Essen). Der Unterschied in der virologischen Ansprechrate war hochsignifikant, wie auch der Vergleich der Patienten, bei denen die Viruslast unter die Nachweisgrenze von 400 Kopien/ml gesenkt werden konnte: Während in der Gruppe ohne Enfuvirtide zwölf Prozent dieses Therapieziel erreichten, zeigten die Patienten mit der Kombinationsbehandlung mit Enfuvirtide mit 30,4 Prozent eine mehr als doppelt so hohe Ansprechrate. Hochsignifikant war auch der Unterschied im immunologischen Ansprechen: Nach den 48 Behandlungswochen hatte die Zahl der CD4-Zellen in der Enfuvirtide-Gruppe um 91/µl zugenommen, in der Gruppe ohne Enfuvirtide nur um 45/µl.
Die Experten werten den neuen Fusionshemmer als wichtiges Medikament für Patienten mit fortgeschrittener HIV-Infektion, die ohne eine Substanz mit neuem Wirkmechanismus keine wirksame Kombinationstherapie erhalten können. Zu einer Eradikation der Viren werde es jedoch auch hier nicht kommen; es müsse nach einiger Zeit auch mit Resistenzen gegen Enfuvirtide gerechnet werden. Diese könnten möglicherweise mit einem noch in Entwicklung befindlichen Fusionshemmer überwunden werden. Dr. Renate Leinmüller
Siegfried Hoc

Einführungspressekonferenz „Fuzeon®: Der erste Fusionshemmer“ in Frankfurt/Main und Pressekonferenz „Verleihung des PZ-Innovationspreises 2003“ anlässlich der Exopharm in Köln, Veranstalter: Hoffmann-La Roche AG
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