ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Arzneimittel: Fälschern auf der Spur
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zehn Prozent der Arzneimittel sind weltweit gefälscht. Primitivfälschungen wie diese hätten jedoch in Deutschland keine Chance. Foto: FDA
Zehn Prozent der Arzneimittel sind weltweit gefälscht. Primitivfälschungen wie diese hätten jedoch in Deutschland keine Chance. Foto: FDA
Während in Deutschland Fälschungen identische
Wirkstoffe enthalten, kosten unechte Arzneimittel in
Entwicklungsländern vielen Menschen das Leben.

Todesfälle durch gefälschte Arzneimittel gibt es in Deutschland zwar nicht. Doch Medikamentenfälschungen sind längst kein Problem der Dritten Welt mehr. Seit nunmehr sieben Jahren beschäftigt sich auch das Bundeskriminalamt (BKA) mit Arzneimittelkriminalität. Damals konnte der erste Fall einer Totalfälschung – eines Herz-Kreislauf-Präparats – aufgedeckt werden. Trotzdem sei der Umgang mit Arzneimittelfälschungen in Deutschland immer noch eine „unscharfe Geschichte“, sagt Claus-Peter Holz. Der Leiter des Referates Umweltkriminalität, Arzneimittelverstöße und Artenschutz beim BKA kann nur ahnen, wie groß das Dunkelfeld eigentlich ist. Schwierig sei es, den kriminellen Machenschaften auf die Spur zu kommen. Täuschend echt seien ihre gefälschten Produkte und undankbar das deutsche Arzneimittelrecht, das den Fälschern noch zu viele Schlupflöcher biete, berichtet Holz auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) Anfang Dezember in Berlin.
Gepanscht, gestreckt oder gefälscht wird weltweit prinzipiell alles: Wirkstoffe, Dosierungen, Verpackungen, Chargennummern und begleitende Dokumente, selbst „fälschungssichere“ Hologramme. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) geht davon aus, dass weltweit mittlerweile zehn Prozent aller Arzneimittel gefälscht sind. Die Fahnder kennen dabei verschiedene Formen: Original-Arzneimittel mit gefälschter Packungsbeilage und/oder gefälschter Umverpackung sowie Totalfälschungen, die entweder einen anderen oder gar keinen Wirkstoff beziehungsweise nur Teilmengen des Wirkstoffs enthalten. Letztere Varianten sind die gefährlicheren, da sie die menschliche Gesundheit schädigen können. Mit ihnen werden hauptsächlich die Entwicklungsländer überschwemmt. Hierzulande konzentrieren sich die Fälscher vor allem auf hochpreisige Markenmedikamente. Diese Form der Markenpiraterie sei einträglicher, als Geldblüten herzustellen, berichtet Holz. Eine ihm bekannte Fälschergruppe hätte bis zu 150 000 Euro monatlich verdient. Notwendig sei dazu ein gewisses Know-how und eine High-tech-Ausrüstung. „Primitivfälschungen haben in Deutschland keine Chance“, sagt der Kriminalist. Deshalb bestünde für deutsche Patienten auch kein gesundheitliches Risiko. „Schließlich will man an ihnen ja verdienen und sie nicht umbringen.“
Anders ist die Situation in den Entwicklungsländern. Nach Angaben der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA soll dort jedes vierte Arzneimittel gefälscht oder qualitativ minderwertig und damit gesundheitsgefährdend sein. Der Großteil der gefälschten Medikamente, nämlich 59 Prozent, enthielte gar keinen Wirkstoff, berichtet Dr. Michaela Debus von der Novartis Pharma GmbH. Weitere 16 Prozent seien mit gesundheitsschädlichen oder giftigen Stoffen gepanscht. Die Skrupellosigkeit der „Arzneimittelpiraten“ hat nicht selten tödliche Folgen. So starben beispielsweise 1995 in Niger 2 500 Menschen, weil sie im Rahmen einer Meningitis-Epidemie mit einem Impfstoff, der nur Wasser enthielt, geimpft wurden. Im selben Jahr kamen in Haiti 89 Kinder zu Tode, die einen mit Lösungsmittel versetzten Fiebersirup eingenommen hatten. In Nigeria starben 1990 mehr als 100 Kinder an einem „gestreckten“ und damit vergifteten Hustensaft. Im Jahr 2000 wurden aus Kambodscha mindestens 30 Tote gemeldet, die mit gefälschten Anti-Malaria-Medikamenten behandelt wurden. Noch dramatischer ist die Situation in China. Hier starben 2001 mehr als 100 000 Menschen an den Folgen gefälschter Medikamente. Allein 2002 schlossen daraufhin die Behörden etwa 1 300 Betriebe, die illegal Arzneimittel hergestellt hatten.
Wie in China fehlen in vielen Ländern die Möglichkeiten, die Qualität der angebotenen Arzneimittel zu untersuchen. Fälschungen werden meist erst dann entdeckt, wenn sie bereits Menschen geschädigt haben. Abhilfe soll ein Minilabor schaffen, das vom German Pharma Health Fund e.V. (GPHF), einer Initiative der Forschenden Arzneimittelhersteller in Deutschland, entwickelt wurde. „Mit dem GPHF-Minilab kann seit 1998 die Qualität von Fertigarzneimitteln auch unter den besonderen Bedingungen von Entwicklungsländern schnell, zuverlässig und kostengünstig geprüft werden“, erklärt die Vorsitzende des GPHF, Dr. Gabriele Küsters. Mittlerweile befänden sich weltweit mehr als 130 der koffergroßen Minilabs im Einsatz – vor allem in Asien und Afrika. Mit ihnen kann untersucht werden, ob antiretrovirale Wirkstoffe, Antibiotika, Antiasthmatika, Antiallergika, Analgetika, Antiinfektiva, Malariamittel und Tuberkulose-Medikamente in ausreichender Quantität und Qualität in einem Arzneimittel vorhanden sind.
In Deutschland konnten in den vergangenen Jahren nur drei Fälle von Totalfälschungen entdeckt werden. Einen davon bearbeitet Kriminaldirektor Holz zurzeit. Es handele sich dabei um ein Aidsmedikament. Das Original stamme aus Südafrika, der Wirkstoff sei in China oder Indien hergestellt worden. „Nur in chemischer Feinanalyse waren die Präparate unterscheidbar“, berichtet Holz. Häufiger als Totalfälschungen seien hierzulande allerdings illegale Reimporte. Dabei packen Fälscher Arzneimittel, die für ein Land außerhalb der EU bestimmt waren, illegal um und schleusen sie wieder in den deutschen Markt ein. Einfallstor scheint dabei der Großhandel zu sein. Neben den 18 Großhändlern in Deutschland, die die Apotheken mit dem vollen Medikamentensortiment beliefern, gibt es etwa 2 000 Zwischenhändler, die häufig „Sonderposten“ anbieten. Dies können Muster- oder Restchargen, aber auch Fälschungen sein. Nachzuweisen sei selten etwas, zudem schützten sich die Händler mit dem Argument des „gutgläubigen Erwerbs“, sagt Holz.
Fälschungen werden künftig härter bestraft
„Die Zahl der Arzneimittelfälschungen nimmt in Deutschland zu“, bestätigt auch Prof. Dr. Barbara Sickmüller. Die stellvertretende Geschäftsführerin des BPI fordert deshalb Regelungen, die den Arzneimittelverkehr transparenter erscheinen lassen. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte die 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes sein. Danach sollen der pharmazeutische Großhandel genehmigungspflichtig und die Strafen bei Arzneimittelfälschungen verschärft werden. Es droht dann eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, während bisher nur bis zu einem Jahr Gefängnis verhängt werden konnte. Leichter wird dies die Arbeit von Holz und seiner fünf Kollegen im BKA jedoch nicht machen. Denn die Globalisierung des Arzneimittelmarktes sowie der Versand- und Internethandel würden das Einschleusen von gefälschten Medikamenten künftig noch vereinfachen, vermutet der Kriminalbeamte.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote