ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Die „Krankheitserfinder“: Der ehrliche Arzt ist der Dumme

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Die „Krankheitserfinder“: Der ehrliche Arzt ist der Dumme

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3352 / B-2791 / C-2611

Flintrop, Jens

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Indem man zappelnde Kinder medikamentös ruhig stellt oder Cholesterin zum Risikofaktor Nummer eins erklärt, kann man viel Geld verdienen, meint Jörg Blech.
Indem man zappelnde Kinder medikamentös ruhig stellt oder Cholesterin zum Risikofaktor Nummer eins erklärt, kann man viel Geld verdienen, meint Jörg Blech.
Ärzte im Zwiespalt zwischen Ökonomie und Medizin

Trotz offensichtlicher Meinungsverschiedenheiten konnten sich die Diskutanten am 2. Dezember in der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität dann doch auf einen gemeinsamen Nenner einigen: Jörg Blech hat mit seinem Buch „Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden“ und der dazugehörigen „Spiegel“-Titelgeschichte vom 11. August dieses Jahres den Zeitgeist getroffen. Diese Einschätzung lässt sich freilich vielfältig auslegen.
Viele normale Prozesse des Lebens – Geburt, Alter, Sexualität, Nicht-Glücklichsein und Tod – sowie normale Verhaltensweisen würden gegenwärtig systematisch als krankhaft dargestellt, schreibt Blech in seinem Buch. Die Pharmaindustrie definiere die Gesundheit des Menschen neu, sodass Gesundheit ein Zustand sei, den keiner mehr erreichen könne. Global operierende Konzerne sponserten die Erfindung ganzer Krankheiten und Behandlungsmethoden und schafften so ihren Produkten neue Märkte. Dies sei aber nur möglich, wenn die Ärzte mitspielten. „Die Ärzte sind in diesem System die Erfüllungsgehilfen der Industrie“, sagte der „Spiegel“-Redakteur in Düsseldorf. Er betonte aber auch, dass der ehrliche Arzt der Dumme ist: „Denn wer die Leute nach Hause schickt, kann nichts verdienen.“
Dass Blech mit seinen Thesen die Stimmungslage vieler Menschen getroffen hat, belegen die Zahlen: Sein Buch entwickelte sich zum Bestseller und wurde soeben vom S. Fischer-Verlag zum
4. Mal aufgelegt (Gesamtauflage bislang: 65 000). Das Heft mit seiner Titelgeschichte verkaufte sich ebenfalls ungewöhnlich gut (mehr als 1,1 Millionen Mal), und die rund 370 eingegangenen Leserbriefe sind auch mehr als üblich.
Regierungsberater Prof. Dr. Karl W. Lauterbach nutzte Blechs These als Steilvorlage, um im Hörsaal 3A Beispiele für Überversorgung im deutschen Gesundheitswesen zu nennen – ein Thema, das er selbst seit Jahren öffentlichkeitswirksam präsentiert. Der Ökonom und Arzt argumentierte, dass der typische Hausarzt inzwischen bei vielen Erkrankungen die Studienlage nicht mehr überblicke und deshalb auf industriegestützte Informationen zurückgreife. Lauterbach: „Aus Sicht der Pharmaindustrie werden aber meist die falschen Menschen krank – nämlich die armen und alten, mit nur noch kurzer Lebenserwartung.“ Ziel der Industrie sei es deshalb, die Krankheiten zu den Zahlungsfähigen zu tragen. Als Beispiel nannte Lauterbach die früher nicht therapierten Wechseljahre. Diese Entwicklung sei nur zu stoppen, wenn die ärztliche Fortbildung unabhängig erfolge. „Denn ob jemand krank ist oder nicht, entscheidet immer noch der Arzt.“
Dr. Walter Dresch vom Deutschen Hausärzteverband sieht die Ärzte vor allem mit einer veränderten Erwartungshaltung der Patienten konfrontiert. Diese hätten, wenn sie in die Arztpraxis kommen, über die Medien oft schon ein sehr genaues Bild darüber gewonnen, was ihnen (vermeintlich) fehlt und welche Therapie angezeigt ist. Die Hausärzte seien dann teilweise auch medizinisch überfordert und gerieten schnell in die Ecke des Verweigerers, wenn sie bestimmte Leistungen ablehnten. Um fachlich auf der Höhe zu bleiben und auch, um sich von den „Überstülpungen der Spezialisten“ zu emanzipieren, seien die Hausärzte auf unabhängige Studien angewiesen. Wie man aus den Untersuchungen zu einzelnen Krankheitsbildern die guten herausfiltere und die dann auch richtig verstehe, dazu biete sein Verband Hilfestellung.
Nach Überzeugung von Prof. Dr. Jörg Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), beschreibt Blech in seinem Buch die Folgen der Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens in Deutschland. Dadurch seien die Ärzte gezwungen, sich anders zu verhalten als früher. Zudem gebe es heute mehr Menschen als früher, die bereit sind, für Gesundheit Geld auszugeben. Hoppe: „Das entspricht dem Zeitgeist.“ Es sei aber Aufgabe der Ärzte, die ärztlichen Leistungen im Zaum zu halten. Die Grenze zum Lifestyle dürfe nicht überschritten werden. Dies gelte vor allem innerhalb der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung: „Die Ärzte sind Vertragspartner und müssen sich dagegen wehren, unnötige Leistungen zu erbringen“, stellte der BÄK-Präsident klar. Hoppe betonte aber auch, dass einzig das Individuum entscheide, ob es sich krank fühle oder nicht. Für den Einzelnen könne seine Kahlköpfigkeit oder seine Kleinwüchsigkeit einen Krankheitswert haben.
Prof. Dr. Johannes Köbberling, Leiter Zentrum für Innere Medizin Kliniken St. Antonius in Düsseldorf, verwies auf die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient, die eine externe Kontrolle notwendig machen könne. Köbberling: „Wir dürfen die Medizin nicht alleine den Kräften des Marktes überlassen.“ Grenzen dürften nicht rein ökonomisch definiert werden. Jens Flintrop
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