THEMEN DER ZEIT

Ärztliche Berufung: Vom transzendenten Horizont des Heilens

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3362 / B-2801 / C-2619

O’Donovan, Leo J.

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The Gross Clinic, Gemälde von Thomas Eakins (1844 bis 1916), 1875, Philadelphia, Jefferson Medical College: Hymne auf die Wissenschaft Abbildungen (2): picture-alliance/akg-
The Gross Clinic, Gemälde von Thomas Eakins (1844 bis 1916), 1875, Philadelphia, Jefferson Medical College: Hymne auf die Wissenschaft Abbildungen (2): picture-alliance/akg-
Gesundheitsfürsorge ist kein bloßes Geschäft. Patienten sind nicht
nur Kunden. Und Ärzte sind keinesfalls Maschinisten der Medizin.

Ein Jahr vor dem hundertsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit, im Jahre 1875, begann Thomas Eakins mit der Gestaltung eines Gemäldes für die Internationale Ausstellung zur Jahrhundertfeier, die in seiner Geburtsstadt Philadelphia stattfinden sollte, wo die Unabhängigkeitserklärung verfasst worden war. Nach seiner Rückkehr von einem vierjährigen Studienaufenthalt in Frankreich und Spanien zwischen 1866 und 1870 hatte Eakins im Alter von 26 Jahren bereits lebhafte Darstellungen des Lebens im Freien gemalt – seine Bilder vom Rudersport gehören noch immer zu seinen populärsten – ebenso wie psychologisch sondierende Familien-Porträts. Für die Ausstellung wählte er einen Gegenstand fast ohne Beispiel in der amerikanischen oder in der europäischen Kunst.
Es sollte ein Porträt von Dr. Samuel D. Gross (1805 bis 1884) werden, von einem Chirurgen und Dozenten am Jefferson Medical College, der auch ein Erfinder und ein hoch geschätzter Sprecher für seine wissenschaftliche Disziplin war. Das Bild zeigt – in hohem, vertikalem Format – den Arzt, umgeben von fünf assistierenden Doktoren, bei einer Operation am Oberschenkel eines schlanken jungen Mannes. Er hat sich gerade von seinem Patienten abgewandt und seinen Studenten zugewandt, die, in den aufsteigenden Sitzreihen des Vortragssaales in der Form eines Amphitheaters, ihn umgeben. Licht fällt von der Deckenbeleuchtung auf seinen Kranz von grauem Haar, auf seine Stirn, seine Nase und seine rechte Hand, in der er ein blutiges Skalpell hält, vor dem eine sich krümmende Frau auf der linken Seite, vermutlich die Mutter des Patienten, voller Entsetzen zurückweicht. Der Betrachter des Bildes hat das Empfinden, ebenfalls im Vorlesungssaal zu sitzen, zusammen mit den Studenten in ihren diversen Posen, dem Sekretär der Klinik an seinem Schreibpult und Eakins selber, in einem sehr absichtsvollen Selbstporträt auf der unteren rechten Seite.
Trotz der Ablehnung durch die für die Ausstellung zuständige Jury wurde die „Gross-Klinik“ dennoch auf dem Gelände der Hundertjahrfeier beim United States Army Post Hospital zur Schau gestellt – in einem Raum voller Krankenbetten und Mobiliar (1). Heute ist das Bild ein anerkanntes Meisterwerk, in hervorragender Weise die subtilen Differenzierungen einer im Allgemeinen gedämpften Farbenskala meisternd, dabei gleichzeitig immer noch die Zentralfigur in strahlendem Licht enthüllend und Anerkennung zollend nicht nur ihr, sondern auch dem Berufsstand und seinen Errungenschaften (die Operation war ein Erfolg). Diese Hymne auf Kunst und Wissenschaft steht würdig in der Gesellschaft von einer seiner wenigen wahrhaften Vorgänger, Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“, und der führende Kunstkritiker der New York Times hat bei seiner Besprechung der bedeutsamen Rückschau auf Eakins’ Werk im Metropolitan Museum in New York das Bild in zutreffender Weise das größte amerikanische Gemälde des 19. Jahrhunderts genannt. (2)
Der Arzt als Held 14 Jahre später hat Eakins das gleiche Thema wieder aufgenommen, als Studenten der medizinischen Fakultät der University of Pennsylvania ihn damit beauftragten, ein Porträt von ihrem in den Ruhestand eintretenden Chirurgie-Professor Dr. D. Hayes Agnew (1818 bis 1892) zu erstellen. Das großartige Ergebnis, dieses Mal im horizontalen Format, zeigt wiederum den Geehrten in leitender Funktion bei einer Operation in einem Amphitheater, aber jetzt hat jeder anwesende Student ein individuelles Porträt. Drei Doktoren und eine Operationsschwester, nun alle im weißen Antiseptik-Kittel, und mit verbesserter Anästhesiologie, assistieren Dr. Agnew bei einer Brustkrebsoperation vor der gebannten Studentengruppe. Man kann darüber streiten, ob dieses Gemälde, das Eigentum der University of Pennsylvania, in vollem Maße das Niveau der vorherigen „Klinik“ erreicht, aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass beide Werke, jedes auf seine eigene Weise, eine Liebe für die malerischen Möglichkeiten mit einer Verehrung für den medizinischen Beruf verbindet – geradezu in Ergriffenheit vor der heroischen Zentralfigur.
Seine Mitmenschen heilen
Wenn vieles in der medizinischen Praxis sich zwischen Rembrandts Zeit und der von Eakins verändert hat, so haben sich doch noch viel bedeutsamere Entwicklungen in dem Jahrhundert ereignet, nachdem der große amerikanische Realist seine zwei „Kliniken“ gemalt hat. Um nur einen Gesichtspunkt anzuführen: Die Herausgeber der Edition zur Hundertjahrfeier des Merck Manual, eines in den Vereinigten Staaten häufig gebrauchten medizinischen Nachschlagewerks, haben eine Liste der bedeutsamsten Fortschritte des 20. Jahrhunderts in der Medizin zusammengestellt. Die zehn wichtigsten von ihnen lassen sich so zusammenfassen: bessere Kontrolle von ansteckenden Krankheiten; Fortschritte in der Immunologie und Massenimpfungs-Kampagnen; die Identifikation und Verfügbarkeit von Vitaminen; die Framingham-Herzstudie und ihr Beitrag zum besseren Verständnis von kardiovaskulärer Erkrankung und ihrer Risikofaktoren; die zielgerichtete Gestaltung von pharmazeutischer Forschung; die Entwicklung molekularer Genetik und das daran geknüpfte Versprechen von Gentherapie; der für viele Patienten typische größere Kenntnisstand und als Begleiterscheinung eine kritische Verbraucherhaltung hinsichtlich des Gesundheitswesens; Fortschritte im Verständnis, in der Entdeckung, Diagnose und Behandlung von Krebsarten; Organtransplantationen, nicht nur Herz und Leber betreffend, sondern jetzt auch Lunge, Pankreas und Hornhaut des Auges und so weiter einschließend; und endlich, die größere Vielfalt diagnostischer Werkzeuge, die wesentlich anspruchsvollere ärztliche Untersuchungen möglich machen (3).
Selbst von den erstrangigen Kapazitäten würden es wenige wagen, die wahrscheinlichsten bahnbrechenden Entwicklungen des Jahrhunderts vorauszusagen, in das wir gerade erst eingetreten sind. Vom hinter uns liegenden Jahrhundert scheint jedoch keine Errungenschaft fundamentaler zu sein als die der molekularen Genetik. Die weltweite Aids-Epidemie wird ohne Zweifel mehr aufeinander abgestimmte, internationale Maßnahmen erfordern. Auch ist es nicht wahrscheinlich, dass irgendein Fortschritt dauerhaft und gerecht sein wird, es sei denn, dass größere Aufmerksamkeit der Art und Weise gewidmet wird, wie unsere Gesellschaften ihr Gesundheitswesen organisieren. In meinem eigenen Land bleibt die Reform des Gesundheitswesens, 1993 kühn, aber verfrüht von der Clinton-Administration versucht, eine dringliche Priorität für die unmittelbare, und vermutlich auch langfristige, Zukunft.
Aber es gibt doch auch gewisse relative Konstanten, welche die gesamte Geschichte der Gesundheitsfürsorge überdauert haben.
(1.) Im griechischen Altertum wurde der präventive Aspekt der Medizin von der Göttin Hygeia überwacht, ihr kurativer Aspekt vom Gott Äskulap. Heute unterscheiden wir auch zwischen chronischer Fürsorge, akuter Fürsorge und rehabilitativer Medizin; wir bieten Behandlung für Geistes- ebenso wie körperliche Krankheit an und glauben, dass die ganze Breite dieser Dienstleistungen jedermann zur Verfügung stehen sollte.
(2.) Für den Schamanen oder den Medizinmann in traditionellen Gesellschaften war die Heilkunst ein Geschenk, das man selektiv vergeben musste, und verfeinert wo möglich. Die in hohem Maße organisierte gegenwärtige Medical School und Klinik ist eine, historisch gesprochen, verhältnismäßig junge Entwicklung. Bei diesen Institutionen unterscheiden wir einen dreifach gegliederten Aufgabenbereich: Klinik, Ausbildung und Forschung. Unsere Hospitäler sind natürlich ebenfalls von sehr unterschiedlicher Art, von städtischen Kliniken bis hin zu Fachkrankenhäusern und Universitätskliniken mit Forschungsetats, die mit Hunderten von Millionen Dollar aus öffentlicher und privater Hand getragen werden.
(3.) Schließlich, da traditionelle Gesellschaften rituelle und gemeinschaftliche Mittel und Wege gefunden haben, sich mit menschlicher Krankheit und Sterblichkeit auseinander zu setzen, ziehen wir heute Nutzen, außerhalb des Bereichs unserer Hospitäler, aus der Entwicklung des Hospizes, der alternativen Medizin und, in den Vereinigten Staaten, aus Health Maintenance Organizations (zumindest in ihren günstigsten Erscheinungsformen).
Und dennoch hat es für nunmehr gerade eine Generation eine bemerkenswerte Reaktion gegeben auf das, was ein gewitzter Kommentator charakterisierte als „den technologischen Triumphalismus, der die Medizin von den Dreißiger- bis Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts beherrscht hat“ (4). In „The Patient as Person“ (Der Patient als Person), ein wichtiges frühes Buch über medizinische Ethik, verfolgt Paul Ramsey über eine Anzahl von kritischen Punkten in medizinischer Moral die These, dass Ärzte nicht Krankheitsfälle, sondern Personen behandeln, und zwar Personen, denen gegenüber sie ohne Frage treu sein müssen. Für Ramsey „trifft der Doktor Entscheidungen als ein Experte, aber auch als ein Mensch unter Menschen“, und die Frage „was sollte ein Doktor eigentlich tun?“ ist bloß eine spezielle Form der (fundamentaleren ethischen) Frage, „was sollte getan werden?“ (5). Sein eloquentes und scharfsinniges Werk war „ein Plädoyer, dass, um ein Ethiker oder ein Moraltheologe zu werden, Doktoren bloß ihren Widerstand dagegen aufgeben müssen, einer zu sein“ (6). Während für die meisten Mediziner die tagtägliche Situation ganz gewiss viel komplexer ist als die eben erwähnte, so erkennt man doch, worum es Ramsey geht. Aber nur dann, möchte ich meinen, wenn bei jener Situation immer an der fundamentalen, dreifachen Frage festgehalten wird: Als ein Vermittler von Gesundheitsfürsorge: Was tue ich, für wen und warum?
Erwartungen der Patienten
Wie Paul Ramsey vor ihm, aber in einer konzeptuell weiter entwickelten Weise, erinnert sich William F. May an die Geschichte von Israel und seinem Gott, in der eine Schenkung (Befreiung von Sklaverei in Ägypten) gekoppelt ist an ein Versprechen, das auf Schenkung basiert (zeitlose Treue), und als Ergebnis eine Anhäufung von rituellen und moralischen Verpflichtungen hat. Das resultierende Beziehungsverhältnis etabliert, was man in zutreffender Weise eine Ethik des Bundes nennen kann.
In der Originalausgabe seines Buches und in der kürzlich erschienenen zweiten Auflage untersucht May fundamentale Bilder oder Metaphern für medizinische Aktivitäten und überprüft ihre erfahrungsmäßige und ethische Adäquatheit. Während er klar erkennt, dass Bilder Kritik erfordern, verweist er darauf, wie wirksam sie sein können, soziale Rollen zu bestimmen, eine Vorstellung von den menschlichen Bedingungen zu vermitteln und den institutionellen Kontext der menschlichen Aktivität anzudeuten. Wie der Schamane in traditionellen Gesellschaften, der gegen dämonische zerstörerische Macht ankämpft (eine negative Theorie von Krankheit) und die Macht des Heilens wirksam werden lässt (ein positives Konzept), so werden die Ärzte oft einem Bild gleichgesetzt von Eltern als Beschützer und Ernährer. „Traditionell beherrscht das Bild des Gegners die Praxis der Jurisprudenz; das Eltern-Bild die Praxis der Medizin. Das erste evoziert ein Schwert, das zweite ein Schild gegen Probleme“ (7). Während dieses Bild der Kritik ausgesetzt ist, dass es Paternalismus begünstigt, und seine Verbreitung zurückging, als die Medizin in zunehmendem Maß spezialisiert und bürokratisiert wurde, lebt es dennoch weiter in dem geläufigen Ausdruck „family physician“ (Hausarzt) und in den Erwartungen von vielen Patienten, die auf ihre Ärzte schauen, um von ihnen Anordnungen und Pflege zu erhalten, selbst wenn sie gleichzeitig an der Absicht festhalten, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen (um somit ihre Autonomie gegenüber den Missbräuchen des Paternalismus zur Geltung zu bringen).
The Agnew Clinic, Gemälde von Thomas Eakins, 1889, Philadelphia, University of Pennsylvania, School of Medicine
The Agnew Clinic, Gemälde von Thomas Eakins, 1889, Philadelphia, University of Pennsylvania, School of Medicine
Ein zweites Bild der Arbeit des Arztes ist das des Kämpfers, des zuversichtlichen, unbezwinglichen Streiters gegen die großen Feinde, Tod und Invalidität. In der militärischen Metapher für den medizinischen Beruf bricht Krankheit aus, Fachkräfte werden aufgerufen, um sich gegen sie zu verteidigen und sie zu bezwingen, um öffentliche Unterstützung (sowie Finanzierung) wird nachgesucht, und bedingungsloser Sieg über den Feind ist das Ziel. Eine mit diesem Bild zusammengehende Sprache wird oft von den Patienten selber oder von ihren Angehörigen benutzt („sie kämpft sehr dagegen an“), obgleich sie (und wir hoffen auch ihre Ärzte) noch zwischen maximaler und optimaler Fürsorge unterscheiden und zur Erkenntnis gelangen, dass der Tod zu Unrecht als ein absoluter Feind verstanden wird.
Abbild des biblischen Bundes
Mit einem dritten Bild, dem des Technikers, verhält es sich ähnlich. Zurückgehend auf Bacons Identifikation von Wissen und Macht stellt es die hoch entwickelten Fähigkeiten heraus, die in einer sorgfältig disziplinierten Weise nach sorgfältigem Testen benutzt werden, und präsentiert den Arzt unter einem anderen Gesichtspunkt als einen Helden. Aber Vortrefflichkeit in technischer Leistungsfähigkeit ist nicht erst ein modernes Ideal, woran uns May erinnert: „Zwei Liebesbeziehungen gaben nach Pedro Lain Entalgo, dem spanischen Medizinalhistoriker, im klassischen Griechenland dem Arzt Energie: philantrôpia und philotechnia, Liebe zur Menschheit und Liebe zur Kunst.“ (8) Dennoch hatte das Ideal im Großteil des vergangenen Jahrhunderts die Tendenz, die medizinische Szene zu beherrschen. Das zeigt sich sehr klar an den Aufnahmebedingungen für die medizinischen Hochschulen, an der Organisation der Intensivstationen bis hin zu dem Prestige und den Ehrenbezeugungen, die den Kollegen in der medizinischen Gilde dargeboten werden.
Aber das zentrale Bild für das Arzt-Patient-Verhältnis, nach Professor May, und ein Bild, das die positiven Charakteristiken der anderen Bilder beibehält, sie gleichsam in Balance hält, ist das des biblischen Bundes (covenant). Auf etwas Bleibendes wird durch die anderen Bilder hingedeutet, doch erhalten sie ihren wahrhaft menschlichen Fokus durch ein Bild, das die Asymmetrie zwischen Wohltäter (Arzt) und Begünstigtem (Patient) einräumt, aber auch die Wechselseitigkeit des Gebens und Empfangens in der Beziehung herausstellt, die Dankesschuld der Ärzte gegenüber ihren Lehrern wie auch die Pflichten, die gegenüber ihren Patienten eingegangen werden, und die letztlich unberechenbare Dimension von Vertrauen, welche die medizinische Behandlung durchzieht.
Der Historiker Ludwig Edelstein hat ebenfalls dieses Bild in seiner Studie zum hippokratischen Eid benutzt (9).
Höchstwahrscheinlich hat das Bild sogar in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen, da die Medizin in zunehmend vertraglichen Termini diskutiert worden ist. Die auf Verträge bezogene Sprache erkennt natürlich die ökonomische Wirklichkeit der Medizin an; sie ist nicht gänzlich vermeidbar. Sie unterdrückt jedoch die Dimension des Geschenkes im Band zwischen Ärzten und Patienten: die Gabe der Gesundheit, die durch den begabten Heiler umsorgt werden muss, der wiederum seinen begabten Lehrern verpflichtet ist. Die Medizin in vertraglichen, finanziellen Begriffen zu verstehen („unsere Patienten sind unsere Kunden“) vermindert ebenfalls unsere Gemeinschaftserfahrung und kann grob unrealistisch sein hinsichtlich des Schweregrades der tatsächlichen Bedrohungen der menschlichen Gesundheit, besonders in Bezug auf die Mittellosen. Es sind darüber hinaus nicht nur einzelne Ärzte, die diesen Bund eingehen. „Institutionen verkörpern bewusst oder unbewusst einen Bund, einen sozialen Zweck, ein menschliches Gut, zu dem sie sich bekennen und dem sie dienen“(10).
Die medizinische und die menschliche Gemeinschaft
Bis jetzt hat sich diese Diskussion primär auf die Beziehung zwischen Doktor und Patienten bezogen. Bei den wissenschaftlichen und organisatorischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte ist es jedoch deutlicher geworden als je zuvor, dass „seine Mitmenschen zu heilen“ ein gemeinsames Unternehmen einer Gemeinschaft der Gesundheitsfürsorgespezialisten ist. Das Konzept des Arztes selbst ist kaum eindeutig, da wir alle wissen, wie unterschiedlich voneinander die Orthopäden, Internisten, Gynäkologen, Rheumatologen, Anästhesisten, Psychiater und alle anderen Spezialisten sein können – gar nicht zu reden von, sozusagen, dem Hauptanalogat, dem Chirurgen. Und damit ist nur erst der Anfang gemacht mit dem Hinweis auf die Individuen, die insgesamt in einem größeren medizinischen Zentrum die heilende Gemeinschaft konstituieren: die Krankenpfleger, ohne die kein Hospital funktioniert und kein Patient sich wohl fühlt, die Pathologen, das technische Personal, die Diätetiker, die Sanitäter, das Empfangs- und Verwaltungspersonal, Rechtsanwälte, Öffentlichkeitsreferenten, die Seelsorger, die freiwilligen Helfer, und ja bestimmt auch, der Krankenhausvorstand noch dazu. Selbst wenn der primäre Arzt
immer noch mit der Verantwortung betraut sein mag, sowohl die erste Geige zu spielen als auch der Dirigent dieses Orchesters zu sein, so ist doch das Wohlbefinden der Patienten völlig undenkbar ohne all die anderen Spieler.
Das Gesundheitskonzept selber bezieht die gemeinschaftliche Dimension ebenfalls mit ein. Wenn Ärzte und ihre Kollegen Patienten heilen – das deutsches Wort für diese Handlung impliziert auf schöne Weise seine vollste Bedeutung – so bringen sie sie zurück in den Zustand der Gesundheit und machen sie ganz. Doch mit Gesundheit meinen wir nicht bloß das adäquate Funktionieren eines Organismus. Wir meinen das Wohlbefinden der Person als eine Ganzheit, organisch, psychisch, spirituell. Wir meinen damit auch die Wiedereingliederung einer Person in die Welt der sich Wohlbefindenden, wo sie sich ganz anders verhält als in der Welt der Kranken. Und fürwahr, nach vielen Prozeduren heute – man denke nur an Bypass-Operationen oder künstliche Hüftgelenke – funktioniert der Patient hinterher viel besser als zuvor. Und für den Fall, dass Patienten zum Beispiel in Folge eines Unfalls mit schweren Behinderungen leben müssen, so ist es ganz gewiss die ärztliche Absicht, dass die Patienten es so vollkommen human tun, wie Ärzte und Patienten selber es möglich machen können. (11)
Denn die Rolle des Patienten unterscheidet sich heute eindeutig von der in früheren Zeitaltern der Medizin. Einige werden sogar sagen, dass die bedeutsamste Entwicklung in den letzten Jahren die Freisetzung der Patienten gewesen ist. Kulturen, die sich zu sozialer Gerechtigkeit verpflichtet haben, betrachten die Gesundheit, ganz so wie Erziehung und Arbeit, als ein Grundrecht des Individuums. Demzufolge muss auf einer Partnerschaft zwischen Heilenden und Patienten bestanden werden, ein Beziehungsverhältnis, das, wie der vorherige Leiter der obersten US-amerikanischen Gesundheitsbehörde, Surgeon General Dr. C. Everett
Koop, überzeugend dargelegt hat, ganz erheblich gestärkt werden wird durch die gegenwärtige Informationsrevolution und das Internet. (12)
Die Entwicklung der Bioethik während der letzten drei Jahrzehnte ist ein weiteres Anzeichen für die gemeinschaftliche Dimension der Medizin – und deren gemeinschaftliche Verantwortlichkeit. In den Vereinigten Staaten ist kein Text einflussreicher für die Entwicklung der Disziplin gewesen als die „Prinzipien der biomedizinischen Ethik“ (Principles of Biomedical Ethics) von Thomas L. Beauchamp und James F. Childress (13). Beauchamp und Childress wenden den Begriff der Prima-facie-Prinzipien von W. D. Ross auf die sich rapide ausweitenden Diskussionen in medizinischer Ethik an und entwickeln damit, was oftmals „das Georgetown-Mantra“ genannt worden ist, so genannt wegen des Einflusses, den ihr Text während der intensiven Bioethik-Kurse ausgeübt hat, die vom Kennedy Institute of Ethics in Georgetown/USA angeboten wurden. Vier zentrale Prinzipien wurden vorgeschlagen: Nichtschaden – die Patienten sollten keinen Schaden erleiden; Fürsorgepflicht – das für die Patienten Gute sollte angestrebt werden; Autonomie – die Zustimmung eines wohl informierten Patienten ist erforderlich; und Gerechtigkeit – die Vergünstigungen der Gesundheitsfürsorge sollten so gerecht wie möglich verteilt werden.
„Prinzipilismus“ (principlism), wie das Verfahren oft genannt wird, ist in den letzten Jahren in verschiedener Weise kritisiert worden – die Gründe waren: exzessive Abstraktion, unzureichende Einbeziehung von tatsächlicher klinischer Praxis, mangelnde Fähigkeit zur Behandlung von aktuellen Fällen. Edmund D. Pellegrino ist ein Spitzenvertreter unter Gelehrten, der darauf dringt, dass dieses Verfahren ergänzt werden soll durch eine Wiedergewinnung der Tugend-Theorie in der Medizin, zu betonen seien, zum Beispiel Wertlegen auf Vertrauen, Mitgefühl sowie ein klassisches, aristotelisches und thomistisches Verständnis der Klugheit (14). Und in Europa ist eine bedeutsame Variation zum prinzipilistischen Ansatz vorgeschlagen worden, und zwar von einer Gruppe von Wissenschaftlern, die auch das Prinzip der Autonomie akzeptieren, aber doch argumentieren, dass man seine Beschränkungen erkennen und durch drei weitere Prinzipien ergänzen müsste: Würde, Integrität und Verwundbarkeit. „Die drei alternativen und ergänzenden ethischen Prinzipien zur Autonomie . . .,“ so stellen sie fest, „haben den Vorrang gegenüber der utilitaristischen Einschätzung von Lebensqualität, die im biomedizinischen Entscheidungsprozess eine enorme Rolle spielt. Man sollte sie dahingehend interpretieren, dass sie die konkrete phänomenale Realität der menschlichen Lebenswelt zum Ausdruck bringen. In dieser Weise werden sie verstanden als Einschätzungen des ethischen Verständnisses der Existenz und der menschlichen Person im alltäglichen Leben“ (15).
Medizin als Berufung
Rembrandt: Jesus heilt einen Aussätzigen. Federzeichnung, um 1655/60 Abbildung: Amsterdam, Rijksprentenkabinet
Rembrandt: Jesus heilt einen Aussätzigen. Federzeichnung, um 1655/60 Abbildung: Amsterdam, Rijksprentenkabinet
Jeder Arzt (und natürlich jede Ärztin) wird seine eigene Geschichte haben, wie die Medizin ihn angezogen hat, wie er zutiefst motiviert worden ist, diesem Ruf weiterhin zu folgen, was ihn aushalten lässt in Zeiten größter Bedrängnis, auf beruflicher oder persönlicher Ebene. Sie alle, die Sie diesen Artikel lesen, haben Ihre eigene Werteskala oder Glaubenskonstellation, die Sie durchs Leben geleiten. Und in einer pluralistischen Gesellschaft, wie die in Deutschland oder den Vereinigten Staaten, wäre es vermessen von mir, den Versuch zu unternehmen, Ihnen einen einzigen Weg vorzuschreiben für das Verständnis der tiefsten Wurzeln Ihrer Profession als einer Berufung.
Und dennoch spüre ich bei manchen Vermittlern von Gesundheitsfürsorge, dass ihre Verpflichtung etwas ist, zu der sie nahezu unausweichlich hingezogen wurden. Sie scheuen instinktiv davor zurück, ihre Arbeit als eine bloße Karriere aufzufassen. Sie verehren die Männer und Frauen, die sie der Medizin zugeführt haben. Sie wissen um ihre Dankesschuld der größeren Gesellschaft gegenüber, die ihre Arbeit unterstützt und gebührend würdigt. Sie erkennen ohne viel Aufhebens die Dankesschuld jener Gesellschaft ihnen gegenüber an. Und sie verabscheuen die Reduzierung ihres Berufes in den Bereich reiner kommerzieller Kategorien: Gesundheitsfürsorge ist nicht bloß ein Geschäft, ein Business, Patienten sind nicht nur Kunden, und Sie selber sind keinesfalls Maschinisten der Medizin.
Ist es demnach nicht etwas mehr als die Liebe zur Wissenschaft, die Sie zu Ihrem beschwerlichen Beruf hingezogen hat? Ist es denn nicht etwas, das in höherem Maße unmittelbar persönlich ist als selbst eine generalisierte Philanthropie, die leicht zum Eigendünkel einer komfortbeflissenen und nur an sich selbst interessierten Bourgeoisie-Gesellschaft werden kann? Ist es vielleicht mehr als ein Aufgehen in das Mysterium des Lebens und dessen Schutz, Verbesserung und Heilung? Besteht da nicht wirklich eine implizierte Verpflichtung in der Gesundheitsfürsorge jedes Individuums für die Gesundheit von allen, eine unausgesprochene Anerkennung, dass Fürsorge für einen einzelnen Patienten getragen wird von der Fürsorge für das Wohlbefinden von allen Patienten, von allen Menschen, von der ganzen Menschheit? Und ist es daher nicht wahrscheinlich, dass Ihr Leben in der Medizin getragen wird durch einen Traum von einer ganzheitlichen und gesunden menschlichen Gemeinschaft, für die es wohl wert ist, dass Sie allen und jeden Aufwand an Intelligenz und Hingabe zum Einsatz bringen?
Das ist der transzendente Horizont des Heilens, und er hat eine lange narrative Geschichte. In den Heiligen Schriften des Judentums und der Christenheit gibt es wenige Symbole der göttlichen Liebe, die häufiger auftreten als das von Gott als dem Heilenden. Selbst Männer und Frauen, die nicht formell an ihn glauben, sind angetan von den packenden Erzählungen, die uns über Jahrhunderte hin überliefert sind und die Zeichen des Heilens durch Jesus von Nazareth betreffen: Wiederherstellung der Seh- und Hörkraft, Befreiung von zwanghafter Besessenheit, sogar die Auferweckung von den Toten. In jedem Fall ist das, von dem die christliche Tradition als einem Wunder spricht, keine endgültige Lösung für die Probleme der menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit: Die Person, die wieder sieht, die psychisch frei wird oder eine neue Lebensfrist erhält, muss trotzdem noch in der Zukunft dem Tod ins Auge schauen. Aber in jeder dieser Geschichten ist es der Glaube der Kranken oder ihrer Fürsprecher, der heilt – und rettet –, dadurch dass in dem heilenden Jesus das Zeichen des höchsten Willens eines gütigen Gottes für die menschliche Familie und ihre Welt erkannt wird.
Deshalb ist Grund dafür vorhanden, Sie aufzufordern, Ihre Profession als eine Berufung zu erwägen, sie nicht nur unter dem Gesichtspunkt des wissenschaftlichen Idealismus, einer Liebe zur Menschheit oder eines Traumes von der Gesundheitsfürsorge für alle anzusehen. Es gibt Geschichten und persönliche Beispiele in Hülle und Fülle, die uns ermutigen, diesen Sachverhalt als Gottes ureigenste Einladung zu verstehen, ein Leben von edelster Zweckbestimmtheit zu führen.


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 3362–3368 [Heft 51–52]


Literatur
1. Eakins T: organisiert von Darrel Sewell mit Aufsätzen von Kathleen A. Foster u.a. Philadelphia: Philadelphia Museum of Art, 2001. Zu „The Gross Clinic“, vgl. Marc Simpson, „The 1870s“; 32–34.
2. Kimmelman M: „A Fire Stoking Realism“, The New York Times, 21 June 2002, E31, Vor New York ist
die Ausstellung auch in Philadelphia und Paris erschienen.
3. The Washington Post, Health, 21 Dec 1999.
4. May WF: The Physician’s Covenant: Images of the Healer in Medical Ethics, 2. Aufl. (Louisville, Kentucky: Westminster John Knox Press, 2000); 106–107.
5. Ramsey P: The Patient as Person: Explorations in
Medical Ethics (New Haven and London: Yale University Press, 1970) xi.
6. Ebd., xvii.
7. May, ebd., 29.
8. ebd. 96.
9. Ancient Medicine, ed. by Temkin O, Temkin CL (Baltimore: Johns Hopkins University Press, 1967); 40–48.
10. May, ebd., 189.
11. Vgl Gadamer HG: Die Verborgenheit der Gesundheit (Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1995).
12. Vgl „Dialogues between Koop CE and Goldberg A“ at CHEST 1999 and CHEST 2000 on the web at http://www.chestnet.org/CHEST/koop_goldberg/
13. New York: Oxford University Press, 1. Aufl 1979,
3. Aufl 1989.
14. Vgl Pellegrino ED, M.D, Thomasma DC, Ph.D.: The Virtues in Medical Practice (New York: Oxford University Press, 1993).
15. Rendtorff JD, Kamp P eds., Basic Ethical Principles in European Bioethics and Biolaw, Vol I: Autonomy,
Dignity, Integrity and Vulnerability. Report to the
European Commission of the BIOMED-II Project
(Centre for Ethics and Law, Copenhagen, Denmark, and Inst. Borja de Bioètica, Barcelona, Spain, 2000): 19.
Anschrift des Verfassers:
Pater Leo J. O’Donovan
Präsident emeritus
Georgetown University Washington
106 West 56 Street, New York, NY10019


Der Artikel geht auf einen Vortrag anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Unfallkrankenhauses Berlin am 1. September 2002 zurück. Das Manuskript wurde im Einvernehmen mit dem Autor bearbeitet und gekürzt.
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