THEMEN DER ZEIT

Weihnachten

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3368 / B-2806 / C-2624

Böhmeke, Thomas

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Die Erde hat sich erfolgreich einmal um sich selbst gedreht, wir haben, trotz Budget und Bürokratiewahn, wider Erwarten auch dieses Jahr überlebt. Und blicken, wie jedes Jahr, angstvoll in die Zukunft, ob die Politik uns noch zu den selbstversorgenden Lebensformen zählen lässt. Aber Weihnachten ist das Fest der Hoffnung, Liebe und Zuversicht. Ich weiß nicht, ob Sie gerade Plätzchen schlagen oder Weihnachtsbäume backen; ich für meinen Teil schreibe eifrig: „Weihnachtsmann, schau mich an, ich bin fürwahr ein fleiß’ger Mann, mach, dass ich trotz Reform überleben kann!“ Nee – das landet sofort im weihnachtsmännlichen Papierkorb. Ich muss fordernd auftreten, insistierend, meine Rechte ausschöpfend, so wie ich es von der Sprechstunde her kenne: „Weihnachtsmann! Sorgen Sie gefälligst dafür, dass ich weiterhin die Medikamente zum Nulltarif bekomme und die Fahrtkostenbefreiung und den Kurantrag und den Schwerbehindertenausweis und die Arbeitsunfähigkeit . . .“ Das ist auch keine gute Idee. Was nutzt mir schon die AU? Ich bin schließlich selbstständig: Wenn ich 40 Grad Fieber habe, spritze ich mir Metamizol intravenös und arbeite weiter. Vielleicht sollte ich es mal à la Regress probieren: „Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann! Ich liege, verglichen mit meinem Altersdurchschnitt, hundert Prozent über dem Arbeitszeitaufkommen und fordere Sie daher auf, meine Überstunden einschließlich Nacht- und Feiertagszuschlag . . .“ Nein, auch das ist Quatsch; vor dem Prüfungsausschuss erscheinen immer nur arme Teufel und keine Weihnachtsmänner. Ich muss es bescheidener formulieren: „Lieber Weihnachtsmann! Gibt es in dieser Republik noch ein Plätzchen für mich, wo ich meine Fähigkeiten im Rahmen einer 60-Stunden-Woche bei tatsächlichem, nicht nur punktuellem Einkommen entfalten darf?“ Das kann ich auf gar keinen Fall riskieren, das führt mit Sicherheit zum letalen Lachkrampf beim Adressaten, dann gäbe es keinen Weihnachtsmann mehr. Je länger ich nachdenke, desto mehr reift die Erkenntnis, dass ich meine knappe Zeit nicht mit völlig sinnlosen Briefen vergeuden sollte. Denn die Steuerbescheide müssen überprüft werden und die Angestelltenverträge angepasst und die Versicherungspolicen aktualisiert und die Regressforderungen abgewehrt und die Zertifizierungsbögen ausgefüllt und . . . und . . . und dafür sind die Weihnachtsfeiertage wirklich etwas kurz. Dr. med. Thomas Böhmeke
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