ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Aids in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst: Die Tragödie nimmt ihren Lauf

VARIA: Feuilleton

Aids in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst: Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3396 / B-2831 / C-2649

Bühring, Petra

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Sue Williamson, From the inside: Benjamin Borrageira, 2000, im Besitz der Künstlerin
Sue Williamson, From the inside: Benjamin Borrageira, 2000, im Besitz der Künstlerin
Die Ausstellung „Sexualität und Tod“ im Kölner Museum für Völkerkunde
zeigt den facettenreichen Umgang afrikanischer Künstler mit Aids.

Der Kongolese Chéri Samba war einer der ersten afrikanischen Künstler, die Aids in ihren Werken thematisierten. Kunst stellte zu Beginn der 80er-Jahre, mit dem Auftreten der ersten Aids-Fälle, eine der wenigen legitimierten Freiräume in Afrika dar, in denen Erfahrungen mit der Krankheit zum Ausdruck gebracht werden konnten. Der aus der Tradition der Schildermaler kommende Samba bricht mit dem 1988 entstandenen Bild „Marche de soutien à la campagne sur le sida“ (Demonstration zur Unterstützung der Aids-Kampagne) das Schweigen über das tabuisierte Thema. Die Demonstranten auf dem Bild machen das Private öffentlich: Sie tragen sonst verdeckt getragene Dessous zur Schau. Die in Comic-Blasen gestellten Aussagen der Marschierenden, die eigentlich das Problem Aids anprangern, sind widersprüchlich: „Pariser? Wie soll man denn da Kinder bekommen? Wie die Frau Lust verspüren?“ Die Forderung nach sexueller Freizügigkeit auf der einen Seite – todkranke Freunde und Verwandte meist direkt vor Augen. Der Zusammenhang scheint verdrängt zu werden.
Rund 19 Millionen Menschen sind in Afrika bisher an Aids gestorben. Von den 40 Millionen HIV-Infizierten leben mehr als 70 Prozent in Afrika. Dennoch: „Die meisten Afrikaner haben viel drängendere Probleme als die Aids-Prävention“, sagt Dr. med. Kay Schäfer, Gastkurator der Ausstellung. „Was interessiert mich, ob ich in zehn Jahren an Aids sterbe, wenn ich heute nichts zu essen habe für mich und meine Kinder“, zitiert der Tropenmediziner, der regelmäßig nach Afrika reist, eine allein erziehende Mutter. Zunehmend seien insbesondere junge Frauen gezwungen, sich durch den Austausch von Sex gegen Geld, Nahrungsmittel und Medikamente ihren Lebensunterhalt zu sichern. „Sexualität und Tod“ ist Titel ebenso wie didaktischer und gestalterischer Leitfaden dieser Gruppenausstellung mit 20 Künstlern aus elf afrikanischen Ländern. Die Ursachen und Konsequenzen von HIV und Aids werden thematisiert. Sexualität – Infektion – Krankheit – Tod: Der Besucher kann diesen Kreislauf auch räumlich im Ausstellungsraum nachvollziehen. Lust und Laster sind die zentralen Themen der ersten Bilder: Die Künstler führen die Jagd nach schnellem Sex vor, die auf den Bildern das Leben in afrikanischen Städten bestimmt. Der Besucher tritt in eine visuelle und akustische afrikanische Welt ein und wird dabei zunächst zum Voyeur: Bei der Holzskulptur „Strong Guy“ von Zephania Tshuma zum Beispiel sitzen auf dem grotesk verlängerten Penis eines afrikanischen Mannes seine Frauen aufgereiht wie die Hühner auf der Stange.
Dann nähert sich der Besucher einem Wendepunkt in der Ausstellung. Die atmosphärische Inszenierung der Exponate wird düsterer. Das Spiel mit Lust und Liebe fordert seinen Tribut. Aus den infizierten Menschen werden Kranke – die Krankheit fordert ihre Opfer. Die melancholischen Gesänge von Papa Wemba, Omar Pene, Cheb Mami und anderen, die in ihren Texten einen nahe stehenden an Aids gestorbenen Menschen betrauern, verstärken die Stimmung.
Chéri Samba. Marche de soutien à la campagne sur le SIDA, 1988, Centre George Pompidou, Paris Fotos: Rautenstrauch-Joest-Museum/Köln
Chéri Samba. Marche de soutien à la campagne sur le SIDA, 1988, Centre George Pompidou, Paris Fotos: Rautenstrauch-Joest-Museum/Köln
Ein bedrückendes Foto-Diptychon der in Südafrika lebenden Engländerin Sue Williamson rückt in den Blick: „From the Inside: Benjamin Borrageira“. Links liegt Benjamin, ein südafrikanischer Aids-Kranker, auf dem Sterbebett. Rechts prangt seine Aussage an der Wand einer Unterführung in Kapstadt: „I’m sick of Mbeki saying HIV doesn’t cause Aids“. „Der Satz steht stellvertretend für die Wut und Resignation vieler Aids-Patienten, die sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen“, sagt Schäfer. Williamson interviewte mehrere todkranke Aids-Patienten und malte die Kernaussagen jeweils an zentrale Stellen in südafrikanischen Städten. Die Sprüche wurden meist nach wenigen Wochen überpinselt. Doch diese Verbindung zwischen Kunst und politischem Aktionismus – festgehalten in dem Diptychon – behält seine Wirkung.
Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Der Besucher kann sich der grausamen Realität nicht mehr entziehen. Zum Ausgang hin liegt auf dem Boden ein mehr als zwei Meter langer Holzsarg in Form einer Spritze („Syringe coffin“ von Kane Kwei). Der Spritzensarg wurde von jemandem in Auftrag gegeben, der wusste, dass das Virus noch auf anderem Wege übertragen werden kann als durch Geschlechtsverkehr. Petra Bühring


Die Ausstellung „Sexualität und Tod“ ist bis zum 25. Januar 2004 im Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, Ubierring 45, 50678 Köln, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 10.00 bis 16 Uhr, am Wochenende von 11.00 bis 16.00 Uhr. Weitere Informationen unter Telefon: 02 21/3 36 94-13, E-Mail: rjm@rjm.museen.de
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