ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Kunst und Psyche: Schamanisches Ritual

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Kunst und Psyche: Schamanisches Ritual

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3397 / B-2832 / C-2650

Kraft, Hartmut

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Fotos: Eberhard Hahne Steigbügelgefäß der Moche III. bis IV. Kultur (um 500 nach Christus). Gebrannter Ton, beige und braun bemalt, Höhe 24 cm
Fotos: Eberhard Hahne Steigbügelgefäß der Moche III. bis IV. Kultur (um 500 nach Christus). Gebrannter Ton, beige und braun bemalt, Höhe 24 cm
Die Szenenfolge bei dem Skulpturengefäß beginnt mit der Rückenansicht. Es handelt sich um eine Art Comic aus der Moche-Kultur um 500 nach Christus im heutigen Peru.
Zunächst sind der Pilz und der Trommelkörper als Hilfsmittel des Schamanen zu erkennen. In der folgenden Seitenansicht ist die gespannte Trommel als Körper zu sehen. Ansatzweise erkennt man bereits die Tätigkeit des Schamanen: Er angelt. Wahrscheinlich bezieht sich die Darstellung auf das ausbleibende Jagdglück einer Gemeinschaft beim Fischen. Hierbei wird ein Schamane gegebenenfalls zu Hilfe gerufen. Als Kundiger des Jenseits und der verborgenen Ursachen eines Unglücks begibt er sich in Trance und erfährt auf seiner Jenseitsreise von den Gründen für das ausbleibende Jagdglück. So könnte zum Beispiel der Tabubruch eines Stammesmitglieds die Geister erzürnt haben, worauf diese das Missgeschick beim Fischen bewirken. Dann verhandelt der Schamane mit den Geistern, fordert Sühnemaßnahmen vom Tabubrecher – und in der nächsten Darstellung des Gefäßes sieht man jeweils einen Fisch an der Angelschnur. In der vierten und letzten Ansicht ist der Fisch wie auf einem Teller angerichtet, das Problem ist behoben. Über längere Zeit ausbleibendes Jagdglück kann schnell zur existenziellen Gefährdung einer kleinen Gemeinschaft ohne größere Nahrungsvorräte führen. Hilflosigkeit und Mutlosigkeit können sich breit machen.
In dieser Situation einen Tabubruch als Ursache des Übels zu identifizieren und durch Sühnemaßnahmen an einer Versöhnung der Geister arbeiten zu können mobilisiert die Stammesmitglieder und gibt ihnen die Vorstellung zurück, aktiv Einfluss nehmen zu können auf das Jagdglück. Aus ei-nem passiv erlebten Geschehen (ausbleibendes Jagdglück) wird ein begründbarer Zusammenhang (Tabubruch als Ursache), der eine spezielle Strategie der Problemlösung bereithält (Sühnemaßnahmen). Hartmut Kraft

Moche
Kultur vom 1. Jahrhundert vor Christus bis 7. Jahrhundert nach Christus an der nördlichen Küste von Peru. Neben Gold-, Silber- und Kupferarbeiten wurden die Moche vor allem durch ihre Keramik berühmt, die an ihrem Ausguss in Form eines Steigbügels leicht zu identifizieren ist. In lebensnaher Weise werden Situationen aus dem Alltag und der Kultur dargestellt. Als Grabbeigaben haben sich die Gefäße bis heute zum Teil ausgezeichnet erhalten.

Literatur
Donnan Chr: Moche Art of Peru. Museum of Cultural History, Los Angeles 1978.
Kraft H: Über innere Grenzen. Initiation in Schamanismus, Kunst, Religion und Psychoanalyse. Diederichs, München 1995.
Longhena M und Alva W: Die Inka und weitere bedeutende Kulturen des
Andenraumes. Karl Müller Verlag, Erlangen 1999.
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