ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996Konzernumwandlung: Hoechst gliedert Pharmabereich aus

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Konzernumwandlung: Hoechst gliedert Pharmabereich aus

Korzilius, Heike

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LNSLNS Wenn die Haupt­ver­samm­lung der Aktionäre im kommenden Frühjahr zustimmt, wird die Hoechst AG rückwirkend zum 1. Januar 1997 in eine Holdinggesellschaft umgewandelt. Bei der grundlegenden Neuorganisation soll das Pharmageschäft von Hoechst Marion Roussel als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert werden. Management-Sitz der Gruppe wird Bad Soden bei Frankfurt.


Die Umstrukturierungen bedeuteten den teilweisen Abschied vom traditionell konservativen Image der Hoechst AG", wertet Dr. Heinz-Werner Meier, Leiter von Hoechst Marion Roussel in Deutschland, die beabsichtigte Umwandlung des Hoechst-Konzerns in eine Holdinggesellschaft mit einem eigenständigen PharmaSubkonzern. Die Zusammenführung der Pharmaaktivitäten der Hoechst AG, des amerikanischen PharmaKonzerns Marion Merrell Dow und des französischen Unternehmens Roussel Uclaf – beides HoechstBeteiligungen – hatte bereits im Herbst 1995 begonnen, nachdem die Kartellbehörden dem zugestimmt hatten. Im nächsten Jahr soll nun das Pharma-Geschäft der Gruppe als Geschäftsbereich mit eigenem Finanz- und Rechnungswesen aus dem Mutter-Konzern ausgegliedert werden. Wie Meier erläuterte, wird dann die deutsche Hoechst Marion Roussel wie auch die anderen Landesgesellschaften Bestandteil der Hoechst Marion Roussel International, die ihren Management-Sitz in Deutschland hat. Ein Börsengang des Unternehmens sei für 1997 vorstellbar, wobei Hoechst sehr viel weniger als 50 Prozent der Aktien an die Börse geben werde.
Von der Neustrukturierung verspreche man sich flache Hierarchien sowie flexible und anpassungsfähige Strukturen. Kerngeschäft von Hoechst Marion Roussel sei die Erforschung und Entwicklung innovativer patentgeschützter Arzneimittel. Meier betonte, daß nicht an einen weltweiten Ausbau des Generika-Geschäfts gedacht werde. Das Unternehmen ziele darauf, die Kunden- und Marktorientierung zu verbessern, innovative Technologien zu fördern und die Marktführerschaft in Deutschland weiter auszubauen.
Im letzten Jahr erzielte Hoechst Marion Roussel mit weltweit rund 42 000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 13 Milliarden DM. Veränderungen im Gesundheitsmarkt, beispielsweise durch Budgetierungen im Arzneimittelbereich, erforderten jedoch neue Angebote der Pharmafirmen. Auf die zunehmende Komplexität des wissenschaftlichen Know-hows über Krankheiten und Therapien sowie die fortschreitende Spezialisierung von Ärzten und Arzneimittelanbietern müsse mit verbesserten Serviceleistungen geantwortet werden. "Die Impulse müssen von Marketing und Vertrieb kommen, da sie dem Kunden am nächsten sind", betont Meier. Deshalb wurden auch Marketing- und Verkaufsorganisation von Hoechst Marion Roussel neu organisiert und in vier Geschäftseinheiten gegliedert: Infektiologie/Gastroenterologie, Herz/Kreislauf, Diabetes/ZNS sowie Allergologie/ Dermatologie/Rheumatologie. Die Geschäftseinheiten agieren dezentral und haben jeweils eigene Außendienstmitarbeiter. Da viele Ärzte offenbar im Umgang mit Pharmareferenten wählerischer werden, sollen die rund 130 Außendienstmitarbeiter zu Indikationsspezialisten und "Partnern des Arztes" weitergebildet werden. Jede Geschäftseinheit verfügt zudem über ein eigenes Service-Büro. Mitarbeiter und Ärzte können sich mit ihren Fragen direkt dorthin wenden.
Im Zuge der Zusammenführung von Hoechst Marion Roussel wurden auch die Bereiche Forschung und Entwicklung neu organisiert, in die 1995 weltweit rund 1,7 Milliarden DM geflossen sind. Die Forschungsstandorte wurden von elf auf drei Hauptstandorte konzentriert. In Frankfurt werden schwerpunktmäßig Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen, Rheumatologie/Immunologie erforscht sowie zentrale Pharmaforschung betrieben. Im französichen Romainville beschäftigen sich die Forscher mit Infektionskrankheiten und Knochenerkrankungen. Im amerikanischen Bridgewater liegen die Forschungsschwerpunkte beim zentralen Nervensystem, der Onkologie und bei Atemwegserkrankungen. Inhaltlich wird die Forschung zentral aus Frankfurt gesteuert. Meier fürchtet keine Nachteile durch die Ausgliederung der Pharmaforschung aus dem Gesamt-Konzern. Es werde weiterhin eine zentrale Forschungsabteilung geben, die bei der Hoechst AG angesiedelt sei. Bei Bedarf könne Hoechst Marion Roussel Aufträge erteilen oder dorthin abgeben.
Der Entwicklungsbereich von Hoechst Marion Roussel wird ebenfalls zentral gesteuert. Sitz des Zentrums, das bis Anfang nächsten Jahres voll handlungsfähig sein soll, ist Bridgewater. Vorteilhaft sei, so die Begründung, dabei die Nähe zur amerikanischen Zulassungsbehörde, der Food and Drug Administration, auf deren Anforderungen die Gruppe sich umstellen will. Im Entwicklungszentrum sind deshalb unter anderem die Bereiche Arzneimittelzulassung, internationales Marketing und neue Technologien angesiedelt.


Ausbau der Biotechnologie
Nach Darstellung von Meier will sich Hoechst Marion Roussel zukünftig vor allem in der Bio- und Gentechnologie engagieren. Neben Bridgewater wird es ein zweites Zentrum in Martinsried bei München geben. Für den Standort spricht laut Prof. Dr. med. Bernward A. Schölkens, Leiter des Forschungsstand-ortes Frankfurt, unter anderem das günstige politische Klima Bayerns gegenüber der Biotechnologie. Auch das wissenschaftliche Umfeld sei mit dem Max-Planck-Institut für Biochemie und Psychiatrie, dem Gen Zentrum München, der Universität München, dem Klinikum Großhadern sowie dem Biotech Founder Zentrum von Vorteil. Das Biotechnologiezentrum soll Anfang nächsten Jahres mit zirka 20 Mitarbeitern seine Arbeit aufnehmen. Schölkens verspricht sich von der neuen Forschungsstruktur eine flexible Zuteilung von Mitteln und kurze Entscheidungswege. H. Korzilius
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