ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Hans Erhard Bock: 100 Jahre

VARIA: Personalien

Hans Erhard Bock: 100 Jahre

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3405 / B-2837 / C-2653

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Hans Erhard Bock Foto: privat
Hans Erhard Bock Foto: privat
Der emeritierte Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Erhard Bock, vollendet am 31. Dezember sein 100. Lebensjahr. Wenigen ist es bestimmt, diesen Geburtstag noch in völliger geistiger Frische und Präsenz ohne lebensbedrohliches Leiden zu erleben. Noch seltener kann ein Hundertjähriger auf ein so erfolgreiches und erfülltes Leben zurückblicken. Die Gene stimmten: Vater und Mutter haben das 90. Lebensjahr weit überschritten; der Vater war Lehrer und Rektor in Waltershausen/Thüringen.
Hans Erhard Bock hat Medizin in Marburg, München, Bonn, Jena und Hamburg studiert. Dort legte er 1927 das medizinische Staatsexamen ab. Sein Ziel war es gewesen, Hausarzt wie der der Familie befreundete Dr. Sperling zu werden; auch später hat er mehrfach niedergelassene Ärzte vertreten. Von dieser Synthese stammt wohl mit seine diagnostische wie therapeutische Brillanz sowie sein Interesse an allen medizinischen und berufspolitischen Fragen, wie sie in so vielen Vorträgen und Publikationen zum Ausdruck kommen. Musisch und sportlich gleich begabt, war er in seinen frühen Jahren zusätzlich geprüfter Schulsportlehrer, Luftsportarzt und Schiffsarzt. Die akademische Ausbildung begann er bei Wohlwill in pathologischer Anatomie, bei Bornstein in Pharmakologie, bei Pette in Neurologie. Mit der Inneren Medizin kam er durch C. Hegler in Berührung, dessen berühmtes Buch über Infektionskrankheiten er viele Jahre später neu aufgelegt hat. 1933 wechselte er an die von Franz Volhard geleitete Medizinische Universitätsklinik Frankfurt; Volhard betrachtete er als seinen eigentlichen klinischen Lehrer. 1936 erfolgte dort die Habilitation mit einer Arbeit über die (medikamentös-allergische) Agranulozytose, die er 1946 in einer besonderen Monographie dargestellt hat.
Obwohl Bock sich in allen Gebieten der Inneren Medizin auskannte, blieben Hämatologie und Onkologie sein eigentliches Gebiet. 1938 nahm ihn der Volhard-Schüler F. Koch als Oberarzt mit nach Tübingen und später an die Charité in Berlin. 1942 bis 1945 war er als beratender Internist in Italien; 1946 bis 1949 Oberarzt an der von Hans-Hermann Bennhold geleiteten Medizinischen Universitätsklinik in Tübingen. 1948 erhielt er den Ruf an die Medizinische Universitätsklinik Marburg. Dort entwickelte er – mit einer glücklichen Hand in der Auswahl – seine Schule, die der „große Brockhaus“ (1967) als „eine der größten Internistenschulen der Gegenwart“ betrachtet. Als Dekan und Rektor hat er auf die Entwicklung der Marburger Fakultät maßgeblichen Einfluss genommen; die Universität dankte ihm 1968 mit Verleihung der Ehrendoktorwürde. Aus der aufstrebenden Medizinischen Fakultät heraus nahm er Rufe an andere Universitäten nicht an, so nach Düsseldorf 1956, nach Hamburg 1958. Dagegen konnte er sich einem Ruf an die inzwischen neue Tübinger Medizinische Klinik seines früheren Chefs Bennhold 1960 nicht verschließen; wegen seines Rektorats in Marburg folgte er – ganz pflichtbewusst – dem Ruf erst 1962. Dort übergab er seine Klinik 1972 stufenweise an seine vier Nachfolger (darunter zwei Tübinger Schüler).
Bei diesen Erfolgen konnten Ämter und Ehren nicht ausbleiben. Genannt seien: Ehrenmitglied der „Leopoldina“ in Halle, Mitglied des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (1968), der Deutschen Krebsgesellschaft, Vorstand der Hufeland-Stiftung, Vorstandsmitglied der Thyssen-Stiftung, Paracelsus-Medaille, vor allem auch: 1966 bis 1975 Vorsitz der Therapiewoche in Karlsruhe, die ihm auch ei-nen Band mit seinen berühmten, ganz verschiedenen Themen gewidmeten Eröffnungsreden gewidmet hat.
Sein Anliegen war es, vor allem als Lehrersohn, dem aus Krieg oder Kriegsgefangenschaft Heimgekehrten sowie den neu in der Medizin Beginnenden Übersichten, Pathophysiologie, Differenzialdiagnostik, klinische Pharmakologie („conditiones sine qua non“) zu vermitteln. Seine meisterhafte Differenzialdiagnostik, sein therapeutisches Können, seine Organisation sind in früheren Beiträgen seiner Schüler schon gewürdigt worden. Auch der effektive Einsatz für deren Weiterkommen, der in rund zehn Ordinariaten und fast 20 Lehrstühlen der „Enkel“ zum Ausdruck kommt, sind weithin bekannt. Persönlich bewundere ich etwas am meisten, was in den bisherigen Würdigungen wenig Niederschlag findet: Neid oder Missgunst waren ihm völlig fremd. Heute noch nimmt er in regelmäßigen Gesprächen und Briefwechseln Anteil am weiteren Schicksal seiner Mitarbeiter und Freunde: beratend und sich beraten lassend. Nach dem Tod seiner Gattin stehen ihm zwei Töchter mit ihren Familien treu zur Seite.
H. E. Bock pflegte gerne einen Vortrag mit einem Goethe-Zitat zu beenden. So möchte ich ihm zu seinem 100. Geburtstag zurufen: „Denn das ist, bei manchem Entbehren, der große Vorteil des hohen Alters. Sich ein ganzes Jahrhundert vorführen zu können und es beinahe als persönlich gegenwärtig anzuschauen.“ (Goethe, Schriften zur Literatur, Biografische Denkmale, Varnhagen, v. Ense). Rudolf Gross, Köln
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