ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996375 Jahre Klein-Amsterdam im hohen Norden: Die Holländersiedlung Friedrichstadt feiert Jubiläum

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375 Jahre Klein-Amsterdam im hohen Norden: Die Holländersiedlung Friedrichstadt feiert Jubiläum

Kistenmacher, Holger

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LNSLNSLNSLNS Stolz hält der fünfjährige Sebastian das große Ruderrad fest in der Hand. Den Blick stur geradeaus auf die näher kommenden Brückenpfeiler der "Bürgermeisterbrücke" (ein sinnloses Bauwerk, weil als Klappbrücke noch nie in Benutzung getreten, deshalb im Volksmund schelmisch nach seinem verantwortlichen Erbauer benannt) gerichtet, um die Durchfahrt ohne Gefahr zu durchschippern. Als Aushilfskapitän hat der Kleine den Posten unseres Bootsführers übernommen, der es sich in der Sonne gemütlich gemacht hat und sein "Publikum" mit so mancher Anekdote oder typisch norddeutschen "Döntjes" zu unterhalten weiß.
Wer im Sommer "Klein-Amsterdam", wie sich das beschauliche Grachtenstädtchen an Eider und Treene auch gerne selbst nennt, besucht, dem dürfte die frische Brise an Bord eines der Rundfahrtschiffe eine willkommene Abkühlung bringen. Obwohl ein Besuch des sehenswerten 2 500-Seelen-Städtchens für den Nordseeurlauber sowieso zum obligatorischen Muß-Programm gehört, ist ein Abstecher nach Friedrichstadt in diesem Jahr besonders zu empfehlen.
Ganzjährig ziehen sich Veranstaltungen zum 375. Geburtstag von Friedrichstadt. Als Gründung aus der Zeit der Spätrenaissance mit Baudenkmälern aus verschiedenen Epochen bietet es ein bezauberndes Stadtbild. Seit dem Jahre 1621 bauten holländische Religionsflüchtlinge (Remonstranten und Arminianer) die Stadt mit Giebelhäusern und Grachten originalgetreu nach dem Vorbild ihrer verlorenen Heimat auf. Schon die Lage auf einer Insel inmitten der Marschenlandschaft, ringsum von Wasser umgeben und in der Stadtmitte vom Wasserlauf einer Gracht durchflossen, macht den Reiz der Stadt aus und weist auf diese Ursprünge hin.
Erforschen läßt sich die Stadt bestens bei der genannten Bootstour, wobei der Schipper Erläuterungen zum Stadtbild und zur Geschichte gibt, aber auch viel Humoristisches über Stadtinterna "ausplaudert". So führt zum Beispiel die "Hebammenbrücke" auf die Insel im Ostersielzug, weil sich deren Bewohner früher in der ehemaligen Arbeiter- und Armensiedlung als besonders fortpflanzungsfreudig erwiesen. Auch wurde die "Alte Münze", bedeutendster Profanbau von Friedrichstadt, seit Lebzeiten nicht zum Groschenprägen genutzt, sondern diente seit je als Statthalterhaus. Die vom Bootsmann groß angekündigte "Hafenrundfahrt" erwies sich ebenfalls als amüsanter kleiner Flop. Eine kräftige Drehung am Steuerrad, und schon hatte unser Aushilfskapitän Sebastian den Alten Hafen, heute Sportboothafen, durchrundet. Alles ist klein und überschaubar in Friedrichstadt. Die Gefahr des Verlaufens besteht nicht. Beim Spaziergang landet man aufgrund der sich rechtwinklig schneidenden Straßen immer wieder auf dem Marktplatz. Hier trifft man sich am wunderschönen Brunnenhäuschen, um seinen Rundgang zu beginnen oder um sich unter den schattigen Bäumen – die Hälfte des geräumigen Platzes ist als Park angelegt – auszuruhen. Begrenzt wird der schönste Platz der Stadt durch eine geschlossene Reihe von alten Treppengiebelhäusern aus dem 17. Jahrhundert. Weitere sehenswerte Gebäude sind die Remonstrantenkirche, der Alte Speicher in der Westerhafenstraße oder das Paludanushaus in der Prinzenstraße.
Besonders auffällig ist die prächtige Gestaltung der meisten Fassaden mit wunderschönen farbigen Fensterläden und Türen in allen erdenklichen Variationen. Eine weitere Spezialität und ein Genuß für die Sinne sind die allgegenwärtigen Rosenstöcke, die sich an vielen Häusern hochranken und im Sommer jeden Vorübergehenden mit ihrem Duft betören.
Auch für kulinarische Genüsse ist bestens gesorgt. Nordfriesische Lokalgerichte, viel leckerer Fisch oder frische Nordseekrabben stehen auf fast jeder Speisekarte. Gemütliche Straßencafés oder historische, hochherrschaftliche Gasthäuser – für jeden Geschmack oder Geldbeutel ist etwas dabei. Bei sommerlichen Temperaturen greift man aber meist doch lieber auf ein Eis zurück, wie auch unser Aushilfskapitän bestätigen konnte. Mit stolzgeschwellter Brust verließ Sebastian das Schiff an der Hand des Vaters und durfte noch so manchen Fuffziger für sein Eis als Lohn von seinen Passagieren entgegennehmen. Eine Bootstour, die sich nicht nur für unseren kleinen Kapitän gelohnt hat.
Holger Kistenmacher


Während des Festjahres gehört die Remonstrantenfeier ebenso zum Jubiläum wie ein Gildefest oder eine historische Handwerkerstraße.
Abfahrt der Grachten-, Treene- und Hafenrundfahrten in der Zeit vom 1. April bis zum 31. Oktober ab Landungsbrücke im Halbstundentakt. Weitere Auskünfte: Tourist-Information, Am Markt 9, 25840 Friedrichstadt, Telefon 0 48 81/72 40, Fax 70 93.

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