ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2003Der Arztberuf im Wandel: Es war einmal...

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Der Arztberuf im Wandel: Es war einmal...

Dtsch Arztebl 2003; 100(51-52): A-3412 / B-2844 / C-2660

Feld, Michael

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Foto: Peter Wirtz [M]
Foto: Peter Wirtz [M]
... ein Land – lange vor unserer Zeit –, in dem es richtige Ärzte gab. Sie trugen weiße Kittel, hatten ein Stethoskop um den Hals hängen und konnten mit ihren eigenen Sinnen Patienten untersuchen. Diese Ärzte waren gerne zur Universität gegangen, hatten bei Professoren „gehört“ und von „klinischen Lehrern“ gelernt. Wenn ihre Kittel befleckt wurden, dann mit Blut und anderen Körpersäften. Wenn diese Ärzte zu Fortbildungen gingen, dann lernten sie etwas über MS, HWI und BSP. Es heißt in der Sage, dass diese Ärzte manchmal sogar freiwillig eine Nacht im Krankenhaus verbrachten, weil sie sich um ihre wenigen, dafür aber ernsthaft kranken Patienten kümmern wollten. Sie sollen auch nicht für jeden „Pipifax“ aus dem Bett geklingelt worden sein. Man hat sie sogar gut bezahlt, und ihr Ansehen im Volk war beträchtlich. So erzählt die Vergangenheit.
Doch dann änderten sich die Zeiten. Die Ärzte, die was werden wollten, trugen nun Anzüge, hielten Zeiterfassungsbögen in der Hand und konnten das Handbuch des Prozessmanagements auswendig herunterbeten. Die Flekken auf ihrer Kleidung – sofern es welche gab – kamen nun von Kugelschreiber-Tinte oder Kopierer-Toner. In ihren Fortbildungen lernten sie etwas über DRG, QM und KTQ. Diese Ärzte saßen manchmal sogar freiwillig nachts noch in ihren Büros, um ausgiebig zu analysieren, wo und wie man noch mehr Stellen im Krankenhaus einsparen könnte. Sie wurden sehr gut bezahlt und genossen eine hohe Anerkennung – bei der Krankenhausleitung. So erzählt die Gegenwart.
Doch eines Tages traute sich einer der wenigen verbliebenen Weißkittel, gegen die Zustände in den Krankenhäusern zu rebellieren. Dieser mutige Arzt aus dem Norden der Republik erstritt für die anderen Weißkittel, dass Bereitschaftszeit Arbeitszeit zu sein hatte. Heißa, was für ein Jubelgeschrei unter dem Fußvolk. Endlich sollte es nicht mehr ausgebeutet werden. Doch leider spielten die Oberen nicht mit: Anstatt
Dukaten für zusätzliche Stellen lockerzumachen, wurde – natürlich personal- und somit kostenneutral – Schichtdienst für alle eingeführt. Dies hatte zur Folge, dass die Ärzte ohne Anzug jetzt zwar mehr Freizeit hatten, diese aber nur selten mit ihren Familien oder Freunden teilen konnten, weil sie tagsüber meist schliefen (sie hatten wochenlang nur nachts gearbeitet). Für sie selbst war das freilich nicht so schlimm, da sie sowieso nicht mehr genug Geld hatten, um ihren gewohnten Freizeitvergnügungen nachzugehen. Durch den Schichtdienst blieb ihnen nämlich nur ihr Grundlohn (plus wenige dürftige Zulagen). Und nebenbei arbeiten durften sie nicht. Ruhezeit war nun einmal Ruhezeit. Dafür lernten die Weißkittel jetzt während ihrer Arbeit viele verschiedene Sprachen kennen. Denn ihre Kollegen kamen nur noch selten aus dem eigenen Land – dort wollte niemand mehr Arzt werden –, sondern aus Polen, der Tschechischen Republik, Russland, Indien und Pakistan. Multikulti am Krankenbett. Blöd war das nur für die Patienten, die wie Oma Müller nun rein gar nicht mehr verstanden, was Herr oder Frau Doktor – die nun auch noch jeden Tag andere waren – auf der viel zu kurzen Visite nun eigentlich von und mit ihnen wollten. Allerdings fiel das
gar nicht so sehr ins Gewicht, weil Oma Müller nach den neun Monaten Wartezeit so unendlich froh war, endlich einen Termin für den Einbau ihrer neuen Hüfte bekommen zu haben (den sie jedoch selbst bezahlen musste). Die vielen Controller, DRG-Beauftragten und der hauptamtliche ärztliche Direktor kosteten eben mehr, als mit inländischen Arbeitszeitmodellen und ausländischen Arbeitskräften eingespart werden konnte. So erzählt die Zukunft.
Dr. med. Michael Feld
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