ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1996Perinatalmedizin: Ultraschall sucht selbständig die Hirnschlagader

VARIA: Technik für den Arzt

Perinatalmedizin: Ultraschall sucht selbständig die Hirnschlagader

Müllges, Kay

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Ultraschalldiagnostik ist seit langem die wichtigste Methode der Schwangerschaftsüberwachung. Mit Ultraschall kann man aber nicht nur Bilder erzeugen und sehen, ob es denn ein Junge oder ein Mädchen wird. Mit Ultraschall als Doppler-Verfahren wird heute auch die Versorgung des Fötus durch die Nabelschnur oder der Blutfluß in Gefäßen, im Herzen und im Gehirn gemessen. Der Nachteil: bislang lassen sich Organe und Blutdurchflüsse nur in einer Schallebene senkrecht unterhalb des Schallkopfes darstellen. Will der Arzt ein bestimmtes Bild gewinnen oder ein Organ gezielt beobachten, muß er den Ultraschallkopf per Hand bewegen. Jede Schwangere kennt diese oft mühsamen und anstrengenden Suchbewegungen des Arztes auf der Suche nach bestimmten Körperteilen des Ungeborenen.


Überwachung rund um die Uhr
Einen dreidimensionalen Ultraschallwandler, der sich sein Ziel selbständig sucht, haben jetzt Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) in St. Ingbert gemeinsam mit Ärzten der Universitätskinderklinik in Münster entwickelt. Damit können Frühgeborene rund um die Uhr überwacht und Komplikationen vermieden werden. Hintergrund für die Neuentwicklung ist ein bekanntes Problem: Die medizinischen Fortschritte haben zwar die Überlebenschancen sehr kleiner "Frühchen", die weniger als 1 500 Gramm wiegen, deutlich verbessert. Unglücklicherweise erleiden aber immer noch bis zu zwanzig Prozent während der ersten drei Tage Gehirnblutungen. Lebenslange geistige und körperliche Behinderungen sind oft die Folge. Allein in Deutschland trifft jährlich rund 1 600 Frühgeborene dieses Schicksal. Eine kontinuierliche Beobachtung der Hirnströme von Frühchen könnte solche Komplikationen vermeiden helfen und ein rechtzeitiges Eingreifen des Arztes ermöglichen. Doch bisherige Systeme waren dazu nicht in der Lage. Die Ultraschallsensoren verloren ihr Ziel – die Hirnschlagader – spätestens nach zwei Stunden, weil die Babys sich bewegten. Die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts konnten jetzt weltweit als erste ein Sensorsystem entwickeln, das sich sein Ziel selbständig sucht. Die dazu erforderliche Mikroelektronik ist hochkompliziert. Die Ultraschallsensoren sind nur neun Millimeter groß und zehn Gramm schwer, haben es aber in sich. Mehr als zehntausend Wandlerelemente sind auf diesem kleinen Raum miteinander verdrahtet und verschaltet. Jedes Einzelelement fungiert dabei sowohl als Sender als auch als Empfänger. Die Steuerungselektronik justiert den Schallstrahl automatisch auf die Hirnschlagader. "Das System speichert das Rauschen des Blutflusses. Verliert der Schallstrahl dieses Geräusch, tastet er die Umgebung so lange ab, bis es wiedergefunden ist", erläutert Klaus Presser vom Fraunhofer IBMT.
Die Mediziner an der Universitätskinderklinik in Münster haben jetzt ein wirksames diagnostisches Werkzeug in der Hand, das neue Wege auch in der Therapie von Hirnblutungen bei Frühgeborenen eröffnet. Doch die potentiellen Anwendungsgebiete des Systems reichen weit über diesen Bereich hinaus. Insbesondere in der minimal-invasiven Chirurgie braucht man das dreidimensionale Sehen, um Sonden exakt führen zu können. Klaus Presser hat denn auch eine Vision: "Eines Tages werden wir die innere Gefäßwand so inspizieren, wie wir heute Rohre auf Ablagerungen oder Risse untersuchen. Dafür müssen die Wandler aber noch um eine weitere Dimension verkleinert werden." Kay Müllges

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote