ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2004Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte: Das Fundament ist gelegt

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Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte: Das Fundament ist gelegt

Dtsch Arztebl 2004; 101(1-2): A-20 / B-17 / C-17

Merten, Martina

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Foto: BMGS
Foto: BMGS
Mit der elektronischen Gesundheitskarte wird ab dem 1. Januar 2006 auch die EU-Karte eingeführt. Getestet wird das Projekt bereits in diesem Jahr.

Noch müssen Reisende, die für eine ärztliche Behandlung während eines Kurzaufenthalts im europäischen Ausland gewappnet sein wollen, zuvor ihre Krankenkasse kontaktieren. Diese stellt ihren Versicherten dann das Formular „E 111“ aus, das sie im Krankheitsfall an den ausländischen Arzt weitergeben. Der Auslandskrankenschein muss vor jeder Reise neu von der Krankenkasse genehmigt werden. Mit diesem Verfahren ist bald Schluss: Ab Mitte 2004 werden zunächst Patienten in ausgewählten Testregionen eine Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte (EU-Karte) erhalten, die den bisherigen Vordruck ersetzt. Anfang 2006 soll die EU-Karte dann zusammen mit der elektronischen Krankenversichertenkarte, auf deren Rückseite sie sich befinden wird, flächendeckend eingeführt werden.
„Wir haben für Deutschland eine gute Lösung gefunden, da wir beide Karten zu einem Fahrplan zusammenführen“, so Norbert Paland, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) und Leiter der BMGS-Projektgruppe Telematik gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die Karte werde das jetzige System entbürokratisieren, weil das Genehmigungsverfahren bei den Krankenkassen wegfalle. Zudem werde der Patient nicht durch unterschiedliche Karten und Zeitpläne verwirrt. Auch die verschiedenen Funktionen der neuen Doppelkarte seien einfach nachzuvollziehen: Auf der Vorderseite ist ein Chip mit den Versicherungsangaben, auf der Rückseite ein bloßes Sichtdokument, das die Informationen des bisherigen E-111-Vordrucks enthält. Geplant ist, später einen europäischen Not­fall­daten­satz auf einen medizinischen Teil der Karte zu legen. In welchen Regionen die Doppelkarte getestet wird, ist noch offen. Denkbar wäre ein Bundesland wie Schleswig-Holstein. Hier wird schon jetzt im Rahmen eines Kartenprojekts in Flensburg geprüft, ob die elektronische Karte funktioniert.
Die Einführung der europäischen Gesundheitskarte geht auf die Gipfelbeschlüsse des Europäischen Rates von Barcelona vom März 2002 zurück. Dort hatte man sich darauf geeinigt, „sämtliche Vordrucke, die zur Inanspruchnahme von Leistungen in einem anderen Mitgliedsstaat erforderlich sind, zu ersetzen“. Die Kommission legte im Februar letzten Jahres einen Vorschlag vor, wie die Einführung einer EU-Karte zu realisieren sei. Danach sollte es den Mitgliedsstaaten überlassen werden, ob sie die neue Karte in ihre Karten integrieren oder eine neue Versichertenkarte einführen. Mitgliedsstaaten, die keine Karten verwenden, sollten längere Übergangszeiten erhalten.
Um die Gleichbehandlung aller Versicherten zu gewährleisten, wurde die EWG-Verordnung 1408/71 geändert (Verordnung des Rates zur Anwendung der Systeme der sozialen Sicherheit auf Arbeitnehmer und Selbstständige sowie deren Familienangehörige, die innerhalb der Gemeinschaft zu- und abwandern). Räumte diese den verschiedenen Gruppen von Versicherten – also Arbeitnehmern, Selbstständigen, Rentnern oder Arbeitslosen – ursprünglich unterschiedliche Sachleistungsansprüche bei vorübergehenden Auslandsaufenthalten ein, haben nun alle Versichertengruppen Anspruch auf dieselben medizinisch erforderlichen Sachleistungen.
Hans Willi-Schemken, AOK-Rheinland Düsseldorf, ist von der jetzigen Konzeption der EU-Karte nicht überzeugt. „Dabei wird ja nur Papier zu Plastik“, kritisiert Schemken. Überzeugender sei der eigene Weg: Seit drei Jahren können Versicherte der niederländischen CZ Groep mithilfe einer „GesundheitsCard international“ ambulante fachärztliche Leistungen einschließlich Arzneimittel in Anspruch nehmen – umgekehrt können Versicherte der AOK-Rheinland Ärzte und Krankenhäuser in den Niederlanden aufsuchen. Inzwischen gibt es 20 000 Karten in den Niederlanden und 5 000 Karten in Deutschland. Diese „grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung“ geht noch weiter: Ergänzend zum Karten-Projekt kooperiert die AOK seit einem halben Jahr mit neun niederländischen und drei belgischen Krankenhäusern. Durch eine Internet-Serverlösung in den beteiligten Krankenhäusern muss der Versicherte nur seine Krankenversichertennummer und das Geburtsdatum in das örtliche Portal eingeben. „Stimmen die Daten überein, erteilen wir eine Leistungszusage“, so Schemken. Die Krankenhäuser können dann wie bisher mit der CZ nach inländischen Tarifen und Verfahren abrechnen. Die AOK Rheinland erstattet der CZ die Kosten.
Auch Experten wissen, dass die geplante Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte noch ganz am Anfang steht: „Die Karten auf europäischer Ebene dialogfähig zu machen nimmt noch fünf bis zehn Jahre in Anspruch“, räumt der nationale Experte für Telematikfragen in der Europäischen Kommission, Dr. Sigurd von Ingersleben, ein. Ministerialrat Dr. Arno Bokeloh, im BMGS zuständig für die Koordinierung der Sozialrechtssysteme, sieht dies ähnlich: „Eine elektronische europäische Gesundheitskarte ist die Architektur der Zukunft.“ Immerhin ist das Fundament schon gelegt. Martina Merten
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