THEMEN DER ZEIT

Berufsreport 2003: Zufriedenheit von Ärztinnen und Ärzten

Dtsch Arztebl 2004; 101(1-2): A-28 / B-24 / C-24

Bestmann, Beate; Rohde, Volker; Wellmann, Axel; Küchler, Thomas

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Die Kooperation mit dem Deutschen Ärzte-Verlag ermöglichte
es erstmals, eine repräsentative Stichprobe aller Ärztinnen und
Ärzte in Deutschland zu ihrer beruflichen Situation zu erheben.

Das soziale Sicherungssystem in Deutschland steht auf dem Prüfstand. Dies gilt auch für das Gesundheitswesen. Dabei wird die Basis dieses Gesundheitssystems, nämlich die Leistungserbringer, in sehr unterschiedlichem Maß in die Veränderungsdiskussion einbezogen. Gleichzeitig fehlen in Deutschland valide empirische Daten zur Berufssituation eben dieser Leistungserbringer. Es gibt eine ganze Reihe sozialwissenschaftlicher Studien zur beruflichen Situation von Ärztinnen und Ärzten, jedoch vor allem im angloamerikanischen Raum (1).
In den bisherigen Studien zur Situation in Deutschland wurde in der Regel immer nur ein Thema fokussiert. Die meisten Studien waren auf bestimmte Gruppen konzentriert (nur Kliniker, nur Niedergelassene [2]; nur bestimmte Fachgruppen [3] [4]). Teilweise wurden auch nur bestimmte Aspekte der Arbeit (Arbeitszeit, Weiterbildung), sozialwissenschaftliche Konzepte wie Berufswahl, berufliche Sozialisation (5) oder die individuelle Perspektive (Burnout-Studien [6]) untersucht. Ergebnis der meisten dieser Studien ist eine große und zunehmende Unzufriedenheit unter deutschen Ärztinnen und Ärzten.
Die Zahl der Medizinabsolventen wächst kontinuierlich. 2002 steigerte sich die Anzahl um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (7). Dennoch wird vielerorts ein Ärztemangel prognostiziert (8). Wenn das Arbeitszeit-Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom
9. September 2003 umgesetzt werden soll, müssen mindestens 15 000 Stellen neu geschaffen werden. Heute entscheidet sich jedoch jeder vierte Medizinabsolvent für eine Tätigkeit außerhalb der Patientenversorgung. Dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, zufolge sind zurzeit 4 800 Arztstellen in Krankenhäusern vakant (9). Es stellt sich also die Frage, was aus dem ehemals so attraktiven Arztberuf geworden ist.
Hohe Repräsentativität
In Kooperation mit dem Deutschen Ärzte-Verlag war es erstmals möglich, eine repräsentative Stichprobe aller deutschen Ärztinnen und Ärzte schriftlich zu diesen Aspekten zu erheben. Voraussetzung dafür war die Entwicklung eines Instrumentariums, das ein breit gefächertes Themenspektrum mit hohem methodischem Standard verbindet. Zugleich soll durch eine hohe Repräsentativität eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme der beruflichen Situation von Ärztinnen und Ärzten gewährleistet werden. Die Grundgesamtheit der Studie bilden daher alle Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, Kliniker wie Niedergelassene.
Basierend auf den oben genannten Ergebnissen verschiedener Teilstudien, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Untersuchung der (Lebens-)Zufriedenheit deutscher Mediziner, wobei die Berufszufriedenheit als wesentliche Determinante für Zufriedenheit einen Schwerpunkt bildet. Um die Befunde objektiv bewerten zu können, wurde der Fragebogenteil zur Lebenszufriedenheit analog zu den Lebenszufriedenheitsfragen aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) (10) gestaltet, für den deutschlandweit repräsentative Vergleichswerte vorliegen. Es ist also möglich, die Zufriedenheitswerte der Ärzte mit der „Normalbevölkerung“ zu vergleichen.
Da sich die berufliche Situation von Niedergelassenen und Krankenhausärzten deutlich unterscheidet, wurden zwei Fragebogenversionen erarbeitet – aus Gründen der Vergleichbarkeit mit möglichst vielen identischen Teilen. Der Fragebogen für die Krankenhausärztinnen und -ärzte umfasste 65 Fragen und war in neun Teile eingeteilt. Der erste Teil erfasste den beruflichen Hintergrund der Befragten, darunter Fachgebiet, derzeitige Position, Beschäf-
tigungsstatus, wissenschaftliche Abschlüsse oder Titel, derzeitiger Arbeitgeber und Berufserfahrung. Der zweite Teil widmete sich dem Bereich Arbeitszeit und Überstunden. Hier wurden die Zusammensetzung der Arbeitszeit (Prozentanteil für Patientenversorgung, administrative oder wissenschaftliche Tätigkeiten), die wöchentliche Arbeitszeit (mit und ohne Bereitschaftsdienste), die Anzahl der Dienste pro Monat, die Anzahl wöchentlicher Überstunden sowie Erfassung und Vergütung von Überstunden abgefragt. Im dritten Fragebogenteil zur Fortbildung wurde gefragt, welche Formen genutzt werden, wie verschiedene Fachinformationsquellen bewertet werden, in welchem zeitlichen Umfang Fortbildung betrieben und wie sie finanziert wird, wann sie stattfindet und ob die Befragten CME-(Continuous Medical Education-)Punkte sammeln. Der vierte Teil („Weiterbildung“) umfasste Fragen zum Facharztstatus sowie eine Bewertung der theoretischen und praktischen Weiterbildung. Im fünften Teil wurden vor allem Aufwand, Umfang, Ausrichtung und Finanzierung wissenschaftlicher Tätigkeit und Lehre erfragt. Im sechsten Teil wurden die Befragten gebeten, verschiedene Aussagen zu „Organisation und Leitung“ zu bewerten. Der Fragebogenkomplex sieben stand unter der Überschrift „Reformansätze im Gesundheitswesen“ und umfasste Einschätzungen zur Integrierten Versorgung, Einführung von DRGs, Disease-Management-Programmen (DMP), Bewertung der Interessenvertreter, Aktionsbereitschaft im Falle einer harten Konfrontation zwischen Politik und Ärzteschaft sowie Verbesserungsansätze sowohl im persönlichen Berufsfeld als auch systemimmanent. Der Fragebogenteil zur allgemeinen Lebenszufriedenheit wurde in Absprache mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Anlehnung an den Fragebogenteil zur Lebenszufriedenheit im Sozioökonomischen Panel SOEP konstruiert und um drei Items zur Zufriedenheit mit dem Arztbild sowie zwei Items zur Zufriedenheit mit dem Verhältnis zu Patienten sowie Freunden und Bekannten ergänzt. Im neunten und letzten Fragebogenteil wurden soziodemographische Daten erhoben: Geschlecht, Alter, Familienstand, Bundesland der Arbeitsstätte, eigenes und Haushaltseinkommen, Anzahl der behandelten Patienten pro Tag sowie Verbesserungsvorschläge wurden abgefragt. Die letzte Frage lautete, ob die Befragten sich zu den gegenwärtigen Bedingungen noch einmal für diesen Beruf entscheiden würden.
Abgefragt wurde auch die Einstellung zu Reformen
Der Fragebogen für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte war weniger umfangreich. Er bestand aus 42 Fragen, die sich auf sechs Themenkomplexe verteilten. Der erste Teil bestand wie bei den Klinikern aus Fragen zum beruflichen Hintergrund: Fachgebiet, Beschäftigungsstatus, Praxisform, wissenschaftliche Abschlüsse und Titel; durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit und Berufserfahrung wurden erfragt. Der zweite Teil fragte ab, welche Formen der Fortbildung genutzt werden, wie verschiedene Fachinformationsquellen bewertet werden, in welchem zeitlichen Umfang Fortbildung betrieben und wie sie finanziert wird, wann sie stattfindet und ob die Befragten CME-Punkte sammeln. Im dritten Teil wurden unter dem Stichwort „Weiterbildung“ Facharztstatus, Vergütung während der Weiterbildung, Gründe, warum die Weiterbildung nicht in der vorgesehenen Zeit abgeschlossen wurde, Unterstützung durch den Vorgesetzten, Bewertung der theoretischen wie praktischen Weiterbildung sowie Verbesserungsansätze erhoben. Reformansätze im Gesundheitswesen waren zentrales Thema des vierten Fragebogenteils. Abgefragt wurde die Einstellung zu Einzelverträgen mit Krankenkassen, zur Qualitätssicherung ambulanter ärztlicher Leistungen durch staatliche Institutionen und zur Abrechnung der ärztlichen Leistungen durch andere Einrichtungen als die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Ebenfalls untersucht wurde die Einstellung zur Integrierten Versorgung, zur Einführung von DRGs und Disease Management Programmen, zu den ärztlichen Interessenvertretern sowie zur Handlungsbereitschaft im Falle einer harten Konfrontation zwischen Politik und Ärzteschaft. Zum Schluss wurden Verbesserungsansätze im persönlichen Berufsfeld und im System an sich abgefragt. Die Teile fünf und sechs des Fragebogens entsprachen denen des Klinikerfragebogens zur allgemeinen Lebenszufriedenheit und zu den soziodemographischen Daten.
Der Deutsche Ärzte-Verlag verschickte die Fragebögen mit personalisiertem Anschreiben und Rücksendeumschlag am 17. Februar 2003 per Post. Verschickt wurden jeweils 3 500 Praktikerbögen mit 42 Fragen und 3 500 Klinikerbögen mit 65 Fragen. Vor Versendung durchlief der Fragebogen eine Feasibility-Studie, das heißt, er wurde an einer kleinen Stichprobe (N = 15) auf alle Aspekte von Durchführbarkeit geprüft.
Der Deutsche Ärzte-Verlag verfügt über eine komplette Adresskartei aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Aus dieser Grundgesamtheit wurde eine Zufalls-Stichprobe von N = 7 000 Befragten gezogen, die die Merkmale Bundesland, Geschlecht und Tätigkeitsmerkmal (je 50 Prozent Niedergelassene und Klinikärzte) berücksichtigte. Empfehlungen zu Anschreiben, Versandkuvert, Druckdesign des Fragebogens sowie Zusicherung von Anonymität und Vertraulichkeit gemäß Dillmanns „total design method“ wurden berücksichtigt (11) (12). Auf weitergehende Aktivitäten zur Erhöhung der Rücklaufquote (Nachfassaktionen, Versand von Inzentives) wurde verzichtet, um eine vollständige Anonymität der Befragten zu gewährleisten. Alle Fragebögen, die bis zum 20. April 2003 bei der Abteilung Markt-Media-Service des Deutschen Ärzte-Verlags eingingen, wurden in der Auswertung berücksichtigt. Zum Stichtag lagen 2 165 Fragebögen vor. Die Gesamtrücklaufquote betrug damit 31 Prozent – ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis –, die sich gleichmäßig auf Kliniker und Niedergelassene verteilte.
Um die Repräsentativität der Stichprobe zu beurteilen, wurde sie hinsichtlich verschiedener soziodemographischer Merkmale mit der Grundgesamtheit verglichen (Ärztestatistik, Stand 31. 12. 2002). Während die Niedergelassenen nahezu perfekt in der Stichprobe abgebildet wurden, zeigte sich bei den Klinikern eine leichte Verzerrung zu-
ungunsten der jüngeren Befragten und der Frauen. Die Verteilung der übrigen soziodemographischen Merkmale entsprach der Population. Diese Verzerrung hinsichtlich Alter und Geschlecht wurde durch Gewichtungsfaktoren (13) ausgeglichen, sodass die Stichprobe jetzt auch als repräsentativ für alle Kliniker angesehen werden kann.
Für die Analyse der Daten wurden je nach Fragestellung unterschiedliche Auswertungsmethoden eingesetzt. Im ersten Auswertungsschritt wurden Kliniker und Niedergelassene deskriptiv dargestellt. Unterschiede zwischen den Gruppen (zum Beispiel Fachbereich, berufliche Position) wurden varianzanalytisch untersucht; soweit Normalverteilung gegeben war, kamen parametrische Verfahren (beispielsweise T-Test, ANOVA) zum Einsatz, ansonsten wurden nichtparametrische Verfahren (zum Beispiel Kruskal-Wallis-Test, Wilcoxon-Test) angewendet. Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen wurden anhand multipler Korrelationen beziehungsweise Regressions-Analysen untersucht. Zur Untersuchung der allgemeinen Lebenszufriedenheit wurde eine Hauptkomponenten-Analyse mit Varimax-Rotation durchgeführt. Als „Overall-Signifikanzniveau“ wurden fünf Prozent festgelegt. Da aufgrund der hohen Fallzahl statistische Signifikanz verhältnismäßig „leicht“ erreichbar ist, wurde im Fragebogenteil zur allgemeinen Lebenszufriedenheit neben statistischer Signifikanz als bedeutsam im Sinne von „klinisch signifikant“ ein Mittelwertsunterschied von 0,5 Punkten und höher festgelegt.
Ärzte sind unzufrieden mit dem Arztbild in den Medien
Die Hauptfragestellung der Studie bezieht sich auf die Lebens- und Berufszufriedenheit der deutschen Ärzte und Ärztinnen. Da eine solche Frage nicht ohne den Bezug zu kontextualen Variablen sinnvoll zu beantworten ist, ist eine Reihe von zusätzlichen Aspekten in die Studie aufgenommen worden, darunter ein Vergleich der beruflichen Situation von Niedergelassenen und Klinikärzten sowie ein Vergleich mit den Lebenszufriedenheitsdaten aus dem Sozioökonomischen Panel. Weitere Fragestellungen bezogen sich darauf, wie objektive und subjektive Merkmale zusammenhängen und welche Strukturen und Prozesse die Verteilungen bestimmen.
Um die Validität der Fragen zu überprüfen, wurde in einem ersten Auswertungsschritt eine Faktoren-Analyse über die Bereiche der Lebenszufriedenheit durchgeführt. Nach Varimax-Rotation konnten fünf Faktoren (Kaiser-Kriterium, Eigenwerte >1) extrahiert werden, bei der jedes Item (bis auf das Item „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis“, welches hoch [>.04] auf zwei Faktoren lud) eindeutig einem Faktor zugeordnet wurde. Die so gefundene 5-Faktoren-Lösung erklärt 62,1 Prozent der Gesamt-Varianz. Eine solche Faktorenstruktur ist ein deutliches Indiz dafür, dass die gewählten Fragen reliabel und valide im Sinne von „sinnvoll“ sind. Da auch die weiteren statistischen Indikatoren (Cronbach’s Alpha) für gute psychometrische Eigenschaften des Fragebogens sprechen, ist die inhaltliche Bewertung der erhobenen Daten zulässig.
Im Fragebogen wurden die Befragten gebeten, ihre Zufriedenheit mit den verschiedenen Bereichen ihres Lebens auf einer Skala von eins (voll und ganz zufrieden) bis zehn (voll und ganz unzufrieden) zu bewerten. Um diese Komplexe übersichtlicher darstellen zu können, wurden die entsprechenden Variablen umcodiert, sodass jetzt in den Grafiken und Tabellen ein hoher Wert für hohe Zufriedenheit steht.
Am wenigsten zufrieden sind die Ärztinnen und Ärzte mit dem Arztbild in den Publikumsmedien, den Möglichkeiten der Kinderbetreuung und dem Netz der sozialen Sicherung. Nur wenig zufriedener sind sie mit dem Arztbild in den Fachmedien und in der Gesellschaft im Allgemeinen – eine Einschätzung, die Kliniker und Niedergelassene weitgehend teilen. Auseinander gehen dagegen die Einschätzung der Gesundheit, des Einkommens, des Netzes der sozialen Sicherung sowie des Lebensstandards: hier sind niedergelassene Ärzte deutlich unzufriedener als Kliniker, während Kliniker tendenziell unzufriedener mit der Kinderbetreuung und dem Verhältnis zum Patienten sind.
Betrachtet man umgekehrt die Bereiche der höchsten Zufriedenheit, besteht Einigkeit zwischen Klinikern und Niedergelassenen: das Verhältnis zu Patienten und zum Lebenspartner, das Verhältnis zum Freundes- und Bekanntenkreis sowie Gesundheit und die eigene Wohnung sind Quellen der Zufriedenheit. Im mittleren Bereich finden sich die Arbeit insgesamt, Umwelt, Tätigkeit im Haushalt und Lebensstandard. Alles in allem sind Krankenhausärzte etwas zufriedener als Niedergelassene, wobei nur die Unterschiede bei den „Möglichkeiten der Kinderbetreuung“ und der „Sicherung durch das soziale Netz“ im Betrag größer als 0,5 Punkte und damit bedeutend sind.
Mit dem Alter steigt auch die Lebenszufriedenheit
Bezieht man die Verteilung der Variablen „Arztbild in den Publikumsmedien“ in die Überlegungen mit ein, so finden sich hier Unterschiede zwischen Niedergelassenen und Klinikern: ein Viertel der Niedergelassenen (25,2 Prozent, N = 266) ist extrem unzufrieden, während sich bei den Klinikern nur eine leichte Tendenz in Richtung Unzufriedenheit zeigt.
Ein Faktor, der die Lebenszufriedenheit der Befragten deutlich beeinflusst, ist das Alter. Mit zunehmendem Alter steigt die Lebenszufriedenheit stetig an (ANOVA mit post hoc test nach Scheffé, p < .001). Heraus fällt bei diesem linearen Trend nur die Gruppe der ganz jungen Befragten (< 34 Jahre). Sie sind nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – die unzufriedenste Gruppe, sondern liegen im Mittelfeld.
Bei der Frage, ob das eigene Einkommen die Lebenszufriedenheit beeinflusst, zeigte sich ein heterogeneres Bild. Keinen Einfluss hat das Einkommen auf die Bereiche Gesundheit, Freizeit, Netz der sozialen Sicherung, Zustand der Umwelt, Verhältnis zum Partner, Verhältnis zum Freundes- und Bekanntenkreis sowie dem Arztbild in den Publikums- und Fachmedien. In den übrigen abgefragten Dimensionen (Arbeit, Wohnung, Tätigkeit im Haushalt, Kinderbetreuung, Verhältnis zu Patienten sowie Arztbild in der Gesellschaft) zeigte sich zwar die Tendenz, dass die Befragten mit niedrigerem Einkommen unzufriedener sind, in der Regel waren hier jedoch nur die Unterschiede in den Extremen (geringes versus hohes Einkommen) statistisch signifikant. Bei den Dimensionen, die direkt mit dem Einkommen zusammenhängen, der Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen und dem Lebensstandard, zeigt sich wieder ein linearer Trend. Hier steigt die Zufriedenheit erwartungsgemäß mit der Höhe des Einkommens.
Die Zufriedenheitsprofile von Männern und Frauen sind auf den ersten Blick weitgehend deckungsgleich. Statistisch signifikante Unterschiede finden sich in den Bereichen Möglichkeiten der Kinderbetreuung, Netz der sozialen Sicherung, Umwelt und Verhältnis zum Partner sowie in der Zufriedenheit mit dem Arztbild in den Fach- und Publikumsmedien sowie der Gesellschaft im Allgemeinen. In all diesen Bereichen sind die männlichen Befragten zufriedener als die weiblichen. Mit dem Verhältnis zu ihren Patienten dagegen sind die Frauen zufriedener. Die – absolut betrachtet – höchste Zufriedenheit herrscht bei Männern und Frauen in den Bereichen Gesundheit, Wohnung sowie in den sozialen Dimensionen (Verhältnis zu Patienten, zum Partner, zum Freundes- und Bekanntenkreis). Am wenigsten zufrieden sind beide Gruppen mit dem Arztbild in den Publikumsmedien und den Möglichkeiten der Kinderbetreuung, wobei sich hier die Frauen um mehr als einen Punkt unzufriedener äußern als die Männer.
Um die Lebenszufriedenheitswerte der Ärztestudie mit denen der Normalbevölkerung (Sozioökonomisches Panel, N = 22 351) besser vergleichen zu können, wurden die Werte jeweils linear (14) auf den Wertebereich von 0 bis 100 transformiert. Hohe Werte stehen für eine hohe Zufriedenheit, niedrige Werte für geringe Zufriedenheit beziehungsweise hohe Unzufriedenheit.
Tendenziell polarisieren die Ärztinnen und Ärzte stärker als die Normstichprobe, das heißt, sowohl der Anteil der Zufriedenen wie der Unzufriedenen ist in der Ärztegruppe höher, während sich in der Referenzgruppe mehr Befragte im Mittelfeld einordnen. Dennoch lassen sich einige klare Trends aufzeigen: Deutlich unzufriedener als die „Normalbevölkerung“ sind die Ärztinnen und Ärzte mit Arbeit, Freizeit und den Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Zufriedener sind sie hingegen mit ihrer Gesundheit. Beinahe völlige Übereinstimmung herrscht in der Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen.
Der Berufsreport 2003 ist die bislang umfangreichste und repräsentativste Untersuchung zur Berufssituation der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Der Fragebogen war sehr komplex und äußerst differenziert. Dadurch und durch die valide und reliable Methodik ist es erstmals möglich, ein breites Spektrum beruflicher Aspekte repräsentativ für Deutschland darzustellen. Die große Bandbreite der Antworten gerade in denjenigen Fragen, die Bewertungen enthielten, zeigt, dass nicht die „extremen“ (nur die vollkommen unzufriedenen oder die vollkommen zufriedenen) geantwortet haben. Damit deutet sich eine Repräsentativität und Validität nicht nur der Stichprobe, sondern auch der Ergebnisse an. Eine Non-Responder-Analyse war aufgrund der strikten Anonymität nicht möglich.
Kliniker sind zufriedener als Niedergelassene
Die größte Unzufriedenheit äußerten die Befragten – Kliniker wie Niedergelassene – in Bezug auf das Arztbild in den Publikumsmedien. Hier spiegeln sich berufspolitische Entwicklungen zum Zeitpunkt der Befragung Anfang 2003 wider. Damals war die Debatte über Arbeitszeiten und „Dienst nach Vorschrift“ auf dem Höhepunkt. Tendenziell sind die Krankenhausärzte etwas zufriedener als die Niedergelassenen, wobei hier die rechtsschiefe Verteilung verdeutlicht, dass einige Niedergelassene extrem unzufrieden sind, während sich die Unzufriedenheit der Kliniker symmetrisch verteilt. Deutliche Unterschiede zeigten sich dagegen zwischen männlichen und weiblichen Befragten. Die signifikant (inhaltlich wie statistisch) höhere Unzufriedenheit, insbesondere im familiären Bereich, deutet an, dass für Ärztinnen die Kombination „Beruf und Familie“ nach wie vor schwieriger ist als für ihre männlichen Kollegen. Beim Vergleich mit der „Normalbevölkerung“ zeigten sich zwar Unterschiede, aber keine klare Tendenz in die eine oder andere Richtung. Das heißt, die deutschen Ärztinnen und Ärzte sind weder deutlich unzufriedener noch zufriedener als die „Normalbevölkerung“. Die Hypothese, dass die berufliche Unzufriedenheit der Ärzte darauf zurückzuführen ist, dass sie generell unzufriedener sind als der „Durchschnittsbürger“, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht belegen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 28–32 [Heft 1–2]

Literatur
 1. Herschbach P: „Psychische Belastung von Ärzten und Krankenpflegekräften“, Weinheim [u.a.]: Ed. Medizin, VCH, 1991.
 2. Rottenfußer R: „Ausgebrannte Mediziner?: Arbeitszufriedenheit und Burnout-Gefährdung von Vertrags-
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 4. Bestmann B, Schmidt C, Küchler T: „Workload in Nurs-
ing – An Empirical Study Comparing Oncology and Non-Oncology“, Journal of Cancer Research and Clin-
ical Oncology, 128 (suppl); 2002.
 5. Studie der Lan­des­ärz­te­kam­mer Berlin in Zusam-
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 6. Keel P: Psychische Belastungen durch die Arbeit:
Burnout-Syndrom. Soz Präventivmed 1993; 38
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 7. Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer/Kassenärztlichen Bundesvereinigung (www.aerztekammer.de).
 8. Wiegand A: „Frühzeitige Signale für den drohenden Ärztemangel“ in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 99, Heft 20, 17. Mai 2002.
9. Möhrle K: „Klare Absage an die Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus – Der 104. Deutsche Ärztetag in Ludwigshafen“, Hessisches Ärzteblatt 7/2001.
10. SOEP Group (2001): The German Socio-Economic
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11. Porst R: Strategien und Maßnahmen zur Erhöhung der Ausschöpfungsquoten bei sozialwissenschaftlichen Umfragen: ein Literaturbericht, ZUMA Arbeitsbericht 98/07, Mannheim 1998.
12. Dillmann D: „Mail and telephone surveys: the total design method“, New York [u. a.] Wiley, 1978.
13. Gabler S (Hrg.): „Gewichtung in der Umfragepraxis“, Opladen, Westdeutscher Verlag 1994.
14. Cox DR, Wermuth N: Test of linearity, multivariate normality and adequacy of linear scores. Applied Statistics Vol. 43: page 347–355, 1994.

Anschrift für die Verfasser:
Beate Bestmann
Referenzzentrum Lebensqualität in der Onkologie
Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 5, 24105 Kiel
E-Mail: bbestmann@chirurgie-sh.de


Der Berufsreport Ärzte 2003 basiert auf einer Kooperation der Wissenschaftler Beate Bestmann, M.A., Universität Kiel, Dr. med. Volker Rohde, Universität Gießen, Priv.-Doz. Dr. med. Axel Wellmann, Universität Bonn, und Priv.-Doz. Dr. phil. Thomas Küchler, Universität Kiel, sowie der Stabsstelle Marktforschung des Deutschen Ärzte-Verlags (Gabriele Reinert) und der Redaktion des Deutschen Ärzteblattes. Die Hauptfragestellung der Studie bezog sich auf die Lebens- und Berufszufriedenheit der Ärzte und Ärztinnen in Deutschland. Der vorliegende Beitrag legt den Schwerpunkt auf die Vorstellung der Methodik und die Darstellung erster Ergebnisse zur allgemeinen Lebenszufriedenheit. Weitere Ergebnisse der übrigen Fragebogenkomplexe werden sukzessive publiziert.
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