ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/1996SEGLER-KREUZFAHRT: Auf weißen Flügeln durchs Mittelmeer

SUPPLEMENT: Reisemagazin

SEGLER-KREUZFAHRT: Auf weißen Flügeln durchs Mittelmeer

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [10]

Scheiper, V.

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LNSLNS Das Großsegel soll gesetzt werden. Der Wind hat gedreht, steht günstig zu unserem Kurs. Ajaccio auf Korsika ist das Ziel. "All helping hands to station!" ertönt es über Megaphon. Zeitungen und Bücher fliegen in die Ecke; im Salon wird das Schachspiel unterbrochen; aus den zwei Swimmingpools klettern und springen – je nach Konstitution – triefend nasse Figuren; von den Liegestühlen rappelt man sich auf. Und auch wir turnen aus dem Bugsprietnetz heraus, klettern über die Reling und sind zur Stelle. Kapitän Lickfett und Uli, der 1. Offizier, geben kurze, knappe Anweisungen. Wir freiwilligen Helfer spucken in die Hände, packen an. Knatternd im Wind geht das Segel hoch. Phantastisch sieht es aus, wenn an den vier Masten der weißen, stolzen Star Flyer alle Segel gesetzt sind. Sogar in dem verwöhnten Cannes, unserem Starthafen, waren wir eine Attraktion. Heute kommen sogar noch die fünf Rahsegel hinzu. Schräg neigt sich das Schiff nach Steuerbord, als alles Tuch oben ist. Wir machen gute Fahrt, etwa 14 Knoten.
Nach dem Vorbild der Clipperschiffe hat vor knapp fünf Jahren der schwedische Eigner Mikael Krafft diesen Großsegler und das Schwesterschiff, die Star Clipper, bauen lassen, die im vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts von San Francisco aus Kap Hoorn umrundeten, ihre Fracht nach Rio und New York brachten.
Als wir, von Cannes kommend, am Sonntag den ersten Hafen Ajaccio anlaufen, erwartet uns außer einer Menschenmenge, die das Schiff bestaunt, ein erster Höhepunkt an Land: hier wurde 1769 der erste französische Kaiser Napoleon Bonaparte geboren. Fast an jeder Ecke steht natürlich ein Denkmal des berühmten Sohnes der Stadt. Das Imposanteste aber ist zweifellos seine Statue hoch zu Roß mit funkelnd-goldenem Lorbeerkranz gegen den tiefblauen Himmel. Palmen säumen die Hafenpromenade, wo Cafés und kleine Restaurants typisch südländisches Flair ausstrahlen.
Ein Tauchkurs in den Swimmingpools bereitet vor auf erste Tauchexperimente vor griechischen Inseln und an der türkischen Küste. Wer lieber Bridge oder Schachspielen lernen oder einfach genüßlich vor sich hinfaulenzen möchte – chacun à son goût. Eine feine Sache ist auch, daß es bei den Mahlzeiten im Restaurant keine feste Tischordnung gibt.
Jeden Morgen informiert Kapitän Lickfett in seiner "Storytime" über die Route und das nächste Ziel. Nachdem wir im Norden Siziliens die berühmte Costa Smeralda mit ihren Millionärsvillen bestaunt haben, nehmen wir Kurs auf die atemberaubende Steilküste Sorrents. Der Ausflug nach Pompeji von hier ist ein weiteres Highlight. Allein die Busfahrt entlang der bezaubernden Küste ist ein Genuß. Nach Sprachen getrennt – deutsch, englisch, französisch, italienisch – werden wir von lokalen Führern durch die riesige ausgegrabene Stadt geführt. Erhaben und unschuldig bildet heute der 79 n. Chr. ausgebrochene Vesuv eine gigantische Kulisse. Geschickt weicht Antonio, unser Guide, anderen Touristengruppen aus, führt uns in Villen mit eindrucksvollen Wandmalereien und rekonstruierten antiken römischen Möbeln. Wir bestaunen die technische Perfektion einer öffentlichen Therme. Bei einer "Eckkneipe" demonstriert er durch gekonnte Gestik und Mimik, wie den Passanten vor fast 2 000 Jahren aus den in einer Art Theke eingemauerten großen Gefäßen Suppe oder kühle Getränke aller Art ausgeschenkt wurden.
Als wir am späten Nachmittag die Anker lichten, kommt der grüne Papagei Loretta, das beliebte Schiffsmaskottchen, aus seinem schattigen Schlupfwinkel hervor. Lautstark energisch fordert sie ihre Nüsse. Doch wer nicht beim Segelsetzen mit zupackt, steht gebannt an der Reling und bewundert die vorbeigleitende Küste. Also stürmt Loretta entschlossen die Bar, umgeht vorsichtig die halbleeren Gläser und widmet sich ungestört einer Schale mit Erdnüssen.
"Knotenstunde" ist angesagt. Uli, der 1. Offizier, erklärt Pal-, doppelten Pal- und andere -steke. Es ist gar nicht so einfach für blutige Laien. Indessen darf Walter, Chirurg seines Zeichens und erfahrener Segler, das Ruder übernehmen. Natürlich unter aufmerksamer Überwachung eines Offiziers. Sein Kurs "eins neun fünf" beschert uns ein fast unwirkliches Erlebnis: Rotgold versinkt bei Capri die Sonne im Meer, zaubert eine Straße flüssigen Goldes auf das Wasser, direkt bis zum Schiff. Es ist märchenhaft romantisch, fast unwirklich und wahnsinnig schön. Kaum jemand, der hinunter geht ins Restaurant, trotz der ausgezeichneten Küche. Die können wir ja aber noch täglich genießen.
Am nächsten Morgen bestaunen wir fasziniert den dampfenden Stromboli. Dann nähern wir uns der Straße von Messina. Einst hatte der listenreiche Odysseus auf seiner zehnjährigen Irrfahrt ebenfalls diese enge Durchfahrt zwischen der Stiefelspitze Italiens und Siziliens zu passieren. Fast wäre sein Schiff zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis zermalmt worden. Der kluge Rat der Göttin Aphrodite, so schnell wie möglich zwischen zwei Strudelintervallen hindurchzurudern, rettete ihn und die meisten seiner Gefährten. Nur das Heck wurde zerschmettert, konnte aber am nahen Ufer repariert werden. Uns hingegen riß durch den wirbelnden Wind in der Meerenge mit seinen gefährlichen Strömungen lediglich ein Segel. Der näherfahrene Matrose Sergej reparierte den Riß mit einer Spezialnähmaschine. Auch der Ätna verhält sich ruhig, den wir aus sicherer Entfernung vom römischen Theater in Taormina aus betrachten. Statt wegen des Abendessens auf das Schiff zurückzukehren, wie die meisten, genieße ich mit den zwei Mexikanern den lauen Sommerabend in einem kleinen Lokanta unter riesigem Gummibaum. Ob der Ätna leuchtet im Dunkel der Nacht? Nein, er dampft nur weiß vor sich hin. So können wir uns ganz dem vino tinto und den Pasta mit frischen Vongole widmen.
Während der Rückkehr mit dem Taxi zum Hafen von Naxos fällt mir ein, daß Odysseus erschöpft nach der letzten Gefahr hier am Strand einschlief. Seinen Genossen hatte er streng verboten, sich über die heiligen, fetten Rinder des Sonnengottes Helios herzumachen, die dort ver-gnügt weideten. Natürlich hielten diese sich nicht an das Verbot, denn ihnen brummte der Magen vom Rudern. Kaum schnarchte Odysseus, schlachteten sie ein oder zwei saftige Tiere – das fiel bei der Menge bestimmt nicht auf, meinten sie –, grillten das Diebesgut, würzten es mit rundum wachsendem Thymian, beträufelten das Ganze mit Zitrone und "erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle", wie Homer es so appetitanregend schilderte. Als dem müden Helden Odysseus der Duft in die Nase stieg, war alles zu spät. Auch Helios hatte den Frevel bemerkt. Zornig beauftragte er seinen Vetter Poseidon, den Meeresgott, diesen Frevel zu ahnden. Was dieser gern tat und das Schiff auf der Weiterreise wieder entsprechend beutelte.
Wir aber gelangen auf der Fahrt zur griechischen Insel Santorin heil und mit gutem Wind im Süden der Peloponnes am gefürchteten Kap Málea vorbei. Genau hier bei Kap Málea wurde seinerzeit Odysseus, von Troia kommend, vom Sturm gepackt und nach Djerba verschlagen, anstatt nach Itaka, in seine Heimat, zu gelangen. So behauptete er jedenfalls.
Bei Santorin gibt es keinen Ankergrund. Denn genau so steil, wie die faszinierende schwarzockerweiße Insel senkrecht aus dem Meer aufragt, geht es auch unter Wasser steil in die Tiefe. An einer Tonne wird die Star Flyer, wie alle Kreuzfahrtschiffe, festgemacht. Per Tender geht’s an den kleinen Betonkai. Die Maultiere stehen schon Schlange, um uns die vielen breiten Stufen hinauf in den Ort Thera zu bringen. Es ist ein Riesenspaß. Nur wenige benutzten die Seilbahn. Eng sind oben die Gassen des quirligen Hauptortes der Insel, flankiert von Souvenirläden aller Art, vor allem aber von Juwelieren mit funkelnden Augen.
Ruhig, aber staubig und heiß ist es dagegen in der Ausgrabung Akrotiri an der Südküste der Insel, deren Zentrum vor dreieinhalb tausend Jahren bei einem schrecklichen Vulkanausbruch im Meer versunken ist. Atlantis?
Wie erfrischend ist nach dieser staubigen Hitze ein Bad im Pool des Schiffes und ein wahrhaft onassisches Gefühl, vom Pool aus während der Weiterfahrt die grandiose Küste Santorins vorbeiziehen zu sehen. Heute sollen andere helfen, die Segel zu setzen. Ich habe schließlich Urlaub.
Auch Rhodos wird ein weiterer Höhepunkt werden mit dem hoch auf steilem Fels in den blauen Himmel ragenden Tempelrest von Lindos, bevor es weiter an die Südküste der Türkei geht.
Renate V. Scheiper


Informationen: Jahresprogramm 1996 und Buchungen bei Star Clippers Kreuzfahrten, Hildesheimer Straße 53, 30169 Hannover, Telefon 05 11/807 11 44. Mittelmeerkreuzfahrt verschiedener Routen ohne Flug ab 2 475 DM; mit Lufthansa- oder Air-France-Flug ab 3 390 DM. Das Schwesterschiff Star Clipper kreuzt ganzjährig in der Karibik.

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