SUPPLEMENT: Reisemagazin

TUNESIEN: Traumtage für Senioren

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [13]

Cohnen-Brenig, Ilse

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LNSLNS Bei einer herbstlichen Reise trafen sich einige hundert unternehmungslustige deutsche Senioren im sonnigen Tunesien. In Sousse, der drittgrößten Stadt des Landes und an einem wunderschönen Küstenabschnitt gelegen, war man in prachtvollen Hotels an der Peripherie etabliert. Alle liegen am Meer, sind komfortabel bis luxuriös mit herrlichen Palmengärten, phantasievoll gestalteten Pools und einem Interieur, das mit viel weißem Marmor und maurischen Säulen an orientalische Paläste erinnert. Am ersten Abend in Sousse stellte sich "die Crew" vor: Außer dem Boß gab es vier deutsche Reiseleiterinnen, zwei tunesische Kenner von Land, Leuten und Geschichte und last, not least zwei deutsche Ärzte.
Die Abende konnten lausig kühl werden, aber in den behaglichen Hotels war jede Menge Programm. Wollte man sich kulturell und historisch über das Land informieren, so hatte man Gelegenheit, Vorträge der versierten tunesischen Mitarbeiter zu besuchen. Außerdem gab es medizinische Diskussionsabende mit den deutschen Ärzten – ganz individuell und zugeschnitten auf Senioren. Man bot sogar ein Bauchtanz-Seminar an, das besonders gefragt war und sowohl physio- als auch psychotherapeutische Erfolge versprach. In der Altstadt von Sousse tauchte man in eine andere Welt ein. Die bezinnte alte Stadtmauer umschließt eine Medina, die mit ihren pittoresken Gassen, Basaren und der malerischen Buntheit der Menschen einen Traum wahr werden läßt: Tausendundeine Nacht!
Nachdem wir in einem typischen Männercafé (für Touristinnen durchaus zulässig) einen Mokka geschlürft und dann die Wahrzeichen der Stadt: Kasbah, Ribat und archäologisches Museum besichtigt hatten, wagten wir uns in den Tumult des sogenannten "Kamelmarktes". Heute werden dort keine Kamele mehr gehandelt, aber sonst wird jede Art von Kaufbarem in verwirrender Fülle und mehr als lautstark angepriesen.
In diesem orientalischen Ambiente wirkt es fast grotesk, daß so viele tunesische Händler deutsch sprechen. Aber manche Seniorin ergötzte sich an einer galanten Ansprache wie: "Guten Tag, schönes Schätzchen, wie geht’s, alles klar?" Schlitzohrigkeit gehört zum Geschäft. Vielleicht wird auf diese Weise etwas weniger als die Hälfte vom Preis heruntergehandelt! Ganz großer Beliebtheit erfreute sich das kleine Wort "Tschüs". Ob Händler, Taxifahrer oder Hotelkellner – alle liebten dieses Wort. Bei einer Halbtagestour konnte man das stimmungsvolle Kairouan kennenlernen, eine Stadt in der Steppe, rein arabischen Ursprungs und ehemaliger Karawanenstützpunkt (Kairouan = Karawane). Man nennt es die "heilige Stadt". Nach Mekka, Medina und Jerusalem ist Kairouan die wichtigste heilige Stätte der islamischen Welt. Neben seiner Bedeutung als Pilgerziel gilt Kairouan auch als Mittelpunkt von Kunst und Wissenschaft.
Durch eines der großen Tore der Stadtmauer gelangten wir in die Souks (Verkaufsgassen) von Kairouan. Teppiche, so weit das Auge reicht – wo gebetet wird, gibt es auch Teppiche! Die Stadt ist weithin bekannt für ihre besonders schönen und guten Exemplare.
Die Hauptstadt Tunis empfand man zunächst als hypermoderne Metropole mit breiten Prachtstraßen, Hochhäusern, zahlreichen Banken, Einkaufscentern und modernen Kinos. Der Verkehr ist umwerfend lebendig und freizügig, ein Tumult erster Güte.
Ein absolutes Kontrastprogramm erlebte man beim Eintritt in die Altstadt. Eine andere Welt und Zeit tat sich auf: Orient pur. Die Medina der Hauptstadt wird als die interessanteste im ganzen Lande bezeichnet. Dicht bei der Ölbaummoschee beginnt das weitläufige Terrain der Souks. In einem Labyrinth verwinkelter überdachter Gassen sind Händler und Handwerker aller erdenklichen Zünfte zu finden. Jede Gasse vertritt ihre eigene Zunft, die der Kleidermacher, Silberschmiede, Schuhmacher, Töpfer, Taschenmacher oder Parfummischer. In der besonders traditionsreichen Gasse der Fezmacher trafen wir einen betagten, aber sehr aufgeschlossenen Meister, der in einer der fensterlosen Kammern hockte und versuchte, uns mit Händen und Füßen sein altes, leider allmählich aussterbendes Handwerk zu erklären.
In den Haremsgemächern des "Bardo-Museums", früher Palast eines türkischen Bei, befinden sich die heutigen Ausstellungsräume. Hier kann man die größte Mosaikensammlung der Welt bewundern: Kostbarkeiten römischen Ursprungs mit Motiven aus dem Leben vor 1 600 Jahren, Funde aus byzantinischer Zeit und echte Schätze arabisch-islamischer Kunst. Nach dem ägyptischen Museum in Kairo ist das BardoMuseum das berühmteste in Nordafrika.
Die Fahrt ging weiter ins nahegelegene Karthago, einst Hauptstadt der größten Seemacht am Mittelmeer. Seit langem wird hier nach Überresten aus dem Altertum gegraben, nach Spuren der Phönizier, Römer und Byzantiner. Von der Stadt Hannibals ist nicht viel übriggeblieben. – Unser tunesischer Reiseleiter führte uns zu den wunderschön gelegenen Thermen des Antonius Pius. Sie liegen direkt am Meer, und ihre weißen Säulen hoben sich wirkungsvoll vom tiefblauen Wasser ab.
Weiße Häuser, blaues Holzwerk, vergitterte Fenster, mit Schmiedeeisen beschlagene Türen und eine besonders schöne Lage auf einem Hügel am Meer charakterisieren das bekannte, ehemals beschauliche Künstlerdorf, Sidi Bou Said, in dem auch Klee und Macke ihre Bilder schufen. Leider war die romantische Atmosphäre des Ortes nicht voll zu genießen, es gab zu viele Touristen. Ein kleiner Trost: Im Traditionscafé "Des Nattes" konnten wir – auf mattenbelegten Steinstufen sitzend – in aller Ruhe und stilvoll einen klassischen, starken Pfefferminztee zu uns nehmen.
Was man in den letzten Urlaubstagen noch unbedingt kennenlernen wollte, waren die Dörfer der Berber (jener nichtarabischen Urbevölkerung Nordafrikas, die sich bis heute ihre eigenen Sitten, Gebräuche, Kleidung und Sprache bewahrt hat).
Eine kleine Gruppe entschloß sich zu einer Individualreise per Taxi, recht preisgünstig. Der tunesische Fahrer – von der Hotelrezeption als besonders seriös empfohlen – spricht neben seiner Muttersprache fließend Französisch, Englisch und Deutsch. Er gestattete sich uns – als Vertreter der älteren Generation – gegen-über eine recht unumwundene Meinungsäußerung, die ihm offensichtlich sehr am Herzen lag. Sie gipfelte in der traurigen Klage: "In diesem Land ist es nicht unbedingt notwendig, daß die Touristinnen in Minihöschen spazieren und ,oben ohne' baden." – Wohl oder übel mußte man ihm in diesem speziellen Punkt absolut recht geben. Zudem würden sich dann vielleicht manche Reklamationen einiger Touristinnen über die allzu galante "Anmache" seitens der einheimischen Männer erübrigen!
Vollgepackt mit den vielseitigen Eindrücken dieser schönen Reise in ein faszinierendes Land ging’s am Abend zum Flughafen Monastir und dann ab in die kalte Heimat. Vom Zollbeamten tönte uns noch ein freundliches "Tschüs" nach.
Dr. Ilse Cohnen-Brenig


Veranstalter dieser Tunesien-Reise für Senioren war Hapag-Lloyd Tours GmbH, Schwachhauser Heerstraße 30a, 28209 Bremen, Tel 04 21/34 86-0, Fax 34 86-1 36. – Ein weiterer Anbieter von Senioren-Reisen, auch mit ärztlicher Begleitung, ist: Kreativ Reisen, Zeppelinstr. 38, 28309 Bremen, Tel 04 21/ 41 18 20, Fax 41 17 42.

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