ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/1996DIE PELOPONNES: Aus den Fugen wächst frisches Gras

SUPPLEMENT: Reisemagazin

DIE PELOPONNES: Aus den Fugen wächst frisches Gras

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [16]

Petersen, Elisabeth

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LNSLNS "Die Wandertour durch Colorado habe ich abgesagt. Und nun dies hier!" stöhnt eine Amerikanerin, die sich zwischen den Zyklopenmauern von Mykene in der Gluthitze des späten Vormittags hinschleppt. Zwei- bis dreitausend Kulturbeflissene strömen an jedem Tag, den Zeus in den Monaten März bis Oktober werden läßt, durch die Ausgrabungsstätten vom Mykene, Korinth, Argos, Epidaurus oder Olympia in dem Bestreben, das steingewordene Kreißen des Abendlandes in Andacht, manchmal auch still leidend, nachzuvollziehen.
"Relax!" meinte einer der griechischen Freunde lakonisch, dem ich nach wenigen Tagen Aufenthalt, gehetzt vom eigenen Vollständigkeitswahn, mein Leid klagte. Also beginne ich zu relaxen. Die Peloponnes ist schließlich nicht nur Kulminationspunkt des Werdens unserer Kultur, wie es sich in bröckelndem Gestein manifestiert. Sie ist auch ein sehr lebendiges Land voll unverkennbarer landschaftlicher Reize. Was sie auch in Vorzeiten schon gewesen sein muß, sonst hätte sich hier menschliche Existenz nicht auf so fulminante Weise verdichtet.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf läßt sich dann leichter die ein oder andere Sehenswürdigkeit, dieses oder jenes Museum schwänzen. Der Streß nimmt ab, und aus dem Kreißsaal der Geschichte wird unversehens ein beschaulicher Garten Eden. Versehen mit einigen weniger erfreulichen zivilisatorischen Begleiterscheinungen der Neuzeit, zugegebenermaßen (das Müllproblem steht wohl noch zur Lösung an). Aber die endgültige Schließung des echten Paradieses liegt bekanntlich noch länger zurück als die früheste Besiedlung der Peloponnes.
Die – das belegen alle wissenschaftlichen Nachforschungen – läßt sich bis in dunkelste steinzeitliche Fernen zurückdatieren. Die sogenannte "Fuchslochhöhle" in der Mani diente schon vor mehr als 25 000 Jahren Menschen als Unterschlupf, und die Franchthihöhle in der Argolis war nachweislich schon vor 20 000 Jahren bewohnt.
Angesichts solcher kaum denkbarer geschichtlicher Ferne mögen die jungsteinzeitlichen Funde von Lerna, nicht weit entfernt von Nafplio, der lebendigen Hafenstadt, die als Ausgangspunkt erster Erkundigungen höchst empfehlenswert ist, nachgerade noch in faßbarer zeitlicher Nähe zur Gegenwart erscheinen. Dabei wurde das älteste hier sichtbare Hausfundament im dritten Jahrtausend vor Christus errichtet, vor immerhin fast 5 000 Jahren, und an einem Ort, der schon seit weiteren zwei bis drei Jahrtausenden wegen seines Wasserreichtums von Menschen bewohnt wurde. Teilweise wurde er wohl auch gefürchtet, denn die Sage bezeichnet ihn als den Platz, an dem die neunköpfige Hydra, die Lernäische Wasserschlange, hauste, bis Herakles ihr die Köpfe mit Feuer ausbrannte und sie so unschädlich machte. Das Leben ein Kampf – um nichts anderes scheinen die griechischen Sagen zu kreisen. Das beginnt mit Pelops, dem die Peloponnes ihren Namen verdankt. Sein eigener Vater Tantalos tötete ihn, um ihn den Göttern als Speise vorzusetzen, eine Ungeheuerlichkeit, die mit drakonischen Strafen belegt wurde. Dem unschuldigen Opfer Pelops hingegen schenkten die Unsterblichen neues Leben und damit die Möglichkeit, ein mächtiges Reich zu erringen und zu beherrschen. Das ließ sich freilich nicht ohne List und Betrug, ohne Kampf und Morden bewerkstelligen. Oinamaos, Schwiegervater des Pelops, war das erste Opfer. Ihm folgte Chrysippos, der von Pelos besonders geliebte Sohn, der Opfer brüderlicher Eifersucht wurde. Im weiteren Kampf um die Herrschaft scheuten dieselben Brüder vor keiner Scheußlichkeit zurück: Der eine, Atreus, bereitete schließlich dem anderen, Thyestos, ein abscheuliches Gastmahl, in dessen Verlauf er ihm die eigenen Kinder zur Speise vorsetzte. Eine Tochtes des Thyest hatte Atreus verschont. Mit dieser zeugte der Vater den Rächer Aigisthos, der später den Atreus töten und Klytaimnestra, die Gattin des Atreus-Sohnes Agamemnon, zur Geliebten nehmen sollte.
Bluttaten, die neue Bluttaten gebaren: Agamemnon, der vor der Fahrt nach Troja die eigene Tochter Iphigenie den Göttern zum Opfer dargebracht hatte, wurde bei der Heimkehrt durch Klythamnestra ermordet – und durch seinen Sohn Orest bitter gerächt. Die Schauplätze solch handlungsreicher Menschheitsdramen lassen sich alle in kurzer Fahrt durch Landstriche von (erstaunlicher Gegensatz!!) beruhigender Schönheit und geradezu satter Üppigkeit von Nafplio aus erreichen. Zwischen den Zyklopenmauern Tiryns und Mykenes haben Liebe und Haß, Neid und Eifersucht, Güte und Angst, alle Gefühle, derer der Mensch fähig ist, ein Gesicht bekommen und einen Namen. Hier verzweifelt Klythaimnestra über den vermeintlichen Opfertod der Tochter, Rache sinnend und schrecklich ausübend am Gatten, den sie für schuldig hält. Hierher kehrt Agamemnon ohne Arg nach den langen Jahren des trojanischen Kampfes zurück, die wohlverdiente Ruhe des erfolgreichen Schlachtenlenkers vor Augen. Aber im Leben ist solche Ruhe nicht, nur im Grab.
Da erscheint es nur richtig, daß aus mykenischer Zeit riesige, kuppelüberkrönte Gemächer erhalten sind, kunstvolle steinerne Totenstätten, die immer wieder Vergleiche mit den Relikten ägyptischen Totenkults laut werden lassen. Wer allein in der Stille des Grabes der Klythaimnestra steht, weit ab von der babylonischen Sprachenvielfalt, mit der Tour Guides die Schönheit des Löwentores preisen, der mag einen Hauch dessen verspüren, was all diese gigantischen mykenischen Mauerreste dereinst beseelt hat: der Versuch des Menschen, sich selbst zu begreifen, seine Kräfte und Möglichkeiten, das Schöpferische wie das Zerstörerische ganz auszuloten, um immer wieder vor der Endlichkeit seines Seins zu erschrecken und diesen Schrecken durch die "Erschaffung" des Übermenschlichen und Zeitlosen zu bannen zu suchen.
Maßloses Ringen, Suchen und Fühlen der Vorzeit – in den Hinterlassenschaften auf der Akropolis von Mykene hat es sich ebenso über die Jahrtausende Ausdruck und Gestalt bewahrt wie in den Ruinen der Burganlage von Tiryns. Und zeigt es nicht selbst in den verzerrenden Begleiterscheinungen der touristischen Pilgerzüge unserer an wahren Emotionen ärmlichen Zeit noch kuriose Lebenskraft?! In der weiten Ebene zwischen den alten mykenischen Burgen biegen sich die Äste der Aprikosenbäume unter der Last duftender Früchte. Reife Orangen und Zitronen prangen im blaugrünen Blattwerk. In den Olivenhainen zirpen die Grillen ihren ohrenbetäubenden Gesang freudiger Nichtsnutzigkeit. Dunkel recken sich Zypressenfinger in den Himmel. Eine Herde Schafe wird zur Weide getrieben. Satt und prall atmet das Land – voll ungebrochener Jugend und Ewigkeit.
Symbol immerwährender Erneuerung, sich ausdrückend im Prozeß der Häutung, ist die Schlange. Zugleich ist sie das Erkennungszeichen des Asklepeios, des zum Heilgott aufgestiegenen Sohnes des Apollon und der sterblichen Koronis. Dreißig Straßenkilometer und "nur" zweieinhalbtausend Jahre liegen zwischen dem aircondition-gekühlten Hotelzimmer in Nafplio und Epidaurus, dem Ort, an dem ihm im Altertum größte Verehrung zuteil wurde. Von etwa 450 vor bis 430 nach Christus, rund 900 Jahre lang also, war Epidaurus nicht nur Kultstätte des Gottes, sondern vor allem Kur- und Heilbetrieb.
Bekannt ist es heute vor allem durch sein Theater, eines der am besten erhaltenen der Antike, weithin berühmt wegen seiner Akustik. Die Dramen menschlicher Existenz, wie sie dem Mythos gemäß zwischen mykenischen Mauern abliefen, wiederholten sich hier, durch den dichterischen Genius griechischer Klassiker gestaltet, vor dem ursprünglich 7 000 Zuschauer fassenden Halbrund der in den Hang gebauten Tribüne. Die Kraft dieser Geschichten, die durchaus auch die Menschen am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrtausend noch zu berühren weiß, wie sich bei den alljährlich hier abgehaltenen Festspielen erfahren läßt, diente den Ärzten derAntike als therapeutisches Mittel. Was heute langsam wiederentdeckt wird, war ihnen vertraute Gewißheit: Körper und Geist bilden eine untrennbare Einheit. Was im historisch zeitlichen Ablauf sich als Nacheinander darstellt, erfährt der Reisende als harmonisches Nebeneinander. Und dabei erfährt er genau das, was die Peloponnes ausmacht. Die steinernen Zeugnisse der verschiedenen Epochen, Relikt aus grauester Steinzeit, aus mykenischer und klassischer Zeit, Hinterlassenschaften römischer, byzantinischer, venezianischer oder türkischer Provenienz mischen sich hier zu einem harmonischen Bild der Menschheitsgeschichte. Sie scheinen sich ineinander zu schieben wie die blauen Silhouetten peloponnesischer Bergwelt im Dunst des Abendlichtes: Schatten von scheinbar fragiler Transparenz und erstaunlich zarter Schönheit.
Also: Nichts gegen Colorado, aber manche Erfahrungen lassen sich dort eben nicht machen. Dort könnte ich nicht mit dem frommen Schauder des Bildungsbürgers, der man nun mal ist, die Stufen zu dem Ort hinaufsteigen, an dem der Bildhauer Phidias vor nunmehr fast zweieinhalbtausend Jahren sein sagenumwobenes Zeusbildnis, eines der sieben Weltwunder, schuf. Seine Werkstatt befand sich mitten im Heiligen Hain von Olympia, wo sich alle vier Jahre die griechische Jugend wahrscheinlich im Andenken an den Heros Pelops "zum Kampf der Wagen und Gesänge" traf. Das ursprüngliche Bauwerk wurde später in eine christliche Basilika umgestaltet.
Auf der obersten Stufe zum Eingang stoße ich beinahe mit einem jungen Schwarzen zusammen. Er grinst breit: "Hi!" Seine Kauwerkzeuge bearbeiten un-übersehbar ein Chewing-gum. Dann schiebt er den Schirm seiner Baseballmütze in den Nacken und springt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, seiner Gruppe nach, die sich im Angesicht der gestürzten Säulen des Zeustempels schon um den Guide gesammelt hat. Mag sein, daß ihn und mich, aus völlig unterschiedlichen Lebenszusammenhängen kommend, nur wenig mehr verbindet als die gleichzeitige Erfahrung ein und desselben Ortes. Aber in Colorado hätten wir nichts als die schweißtreibende Wirkung des Ausflugs gemeinsam . . . Elisabeth Petersen


Auskünfte: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt, Tel 0 69/23 65 61-63, Fax 23 65 76.

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