SUPPLEMENT: Reisemagazin

VIETNAM: Verwirrende Eindrücke

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [20]

Burkart, Günter

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LNSLNS Die Bilder auf diesen Seiten geben vielleicht einen Eindruck davon, welchen verwirrenden, unterschiedlichen Eindrücken sich der Reisende in Vietnam ausgesetzt sieht. Fläche und Einwohnerzahl entsprechen etwa Deutschland, nur drängt sich fast alles in den schmalen Küstenstreifen zusammen. Seit zehn Jahren hat die kommunistische Regierung die Wirtschaft liberalisiert und den Dollar zugelassen. Eine Folge: Vietnam exportiert viel Reis, aber es ist immer noch arm (Bruttoin-landsprodukt pro Kopf: 240 Dollar; gesetzlicher Mindestlohn: 30 Dollar – im Monat!).
So sind die Häuser im Mekongdelta häufig noch aus Lehm, Holzstangen und Plastikplanen; selbst im Wirtschafts- und Finanzzentrum Ho Chi Minh City (Saigon) fällt häufig der Strom aus. Transportmittel für Lasten sind altertümliche russische Lkw, überladene Boote, Zweiräder und die Schulter; für Menschen: Fahrrad, Moped und Cyclo. Zum Teil liebevoll gepflegt und aufwendig restauriert werden Tempelanlagen ebenso wie sozialistische Denkmäler und alles, was an "Onkel Ho" erinnert. In seinem Mausoleum in Hanoi – weit bombastischer als das Lenin-Gegenstück in Moskau – herrscht striktes Fotografier-, Handtaschen- und Sprechverbot; ein eigenartiger Kontrast zu seinem bescheidenen Wohnhaus gleich nebenan. Ebenso als Kontrast empfindet man es, wenn einen bei einem halbstündigen Fußmarsch zu einem der Kaisergräber in der Umgebung der alten Hauptstadt Hué ein ganzer Kinderschwarm begleitet. In der glühenden Hitze schleppen sie den ganzen Weg Eisboxen mit in der Hoffnung, der Tourist möge ihnen eine Dose Cola abkaufen (1 Dollar). Sie warten während der Besichtigung draußen und schleppen hinterher alles den ganzen Weg wieder zurück – vielleicht kauft der durstige Tourist ja noch eine Dose? (womit sie für diesen Tag Vaters Einkommen vermutlich verdoppeln!). Und der Tourist gibt danach ein Mehrfaches für ein Mittagessen aus: übrigens selbst in einfachen einheimischen Restaurants sauber, gut, leicht und schmackhaft.
Das touristische Potential ist riesig: meilenweite Strände, menschenleer, blitzsauber; stimmungsvolle Mondaufgänge unter Palmen; Altertümer und Bauten, die die unterschiedlichen Einflüsse (indisch, chinesisch) auf die alte vietnamesische Kultur erkennen lassen; landschaftliche Schönheiten wie die Berge, die Flüsse oder die einzigartigen Tausende von Felsinseln in der Halong-Bucht vor der Nordküste; nicht zuletzt die sichtbaren Zeugnisse der französischen Kolonialherrschaft und des Vietnamkrieges. Nur: eine touristische Infrastruktur gibt es erst punktuell, obwohl die Regierung immer wieder hochgegriffene Ziele über die kommenden Touristenmillionen verkündet.
So wird man noch auf einige Zeit hinaus gut daran tun, sich einer Pauschalreise anzuschließen. Das Reisen auf eigene Faust kann gelegentlich noch zu Unannehmlichkeiten mit örtlichen Behörden führen.
Und noch ein Tip: Für die Lektüre und Planung vorher kaum verzichtbar ist der (englischsprachige) Reiseführer "Vietnam: a travel survival kit" aus der "Lonely Planet"-Serie (etwa 16 US-Dollar). Seine Einfuhr und sein Besitz sind in Vietnam offiziell noch verboten. Aber man lasse ihn gegebenenfalls bei der Einreise ruhig beschlagnahmen – auf dem nächsten Markt kann man ihn als Raubdruck zum halben Preis wieder kaufen. Auch derartige Ungeeimtheiten gehören dazu Vietnam.gb
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