SUPPLEMENT: Reisemagazin

DARSS: Insel der Kraniche

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [22]

Marx, Catrin

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LNSLNS Der scharfe Herbstwind der Ostsee pfeift einem um die Ohren – stundenlang zwischen Bodden und Ostsee spazierengehen, umgeben von einer faszinierenden Natur, die durch "Schicksal" von Industrialisierung und Raubbau verschont geblieben ist. Es hört sich zu schön an, um wahr zu sein. Aber diese Landschaft gibt es wirklich, und sie ist zwei Autostunden von Berlin entfernt und mit dem täglich verkehrenden Intercity problemlos zu erreichen. Die Rede ist von der Halbinsel Darß. Sie liegt westlich von Rügen und Usedom und hat nicht den Chic der beiden großen Damen der Ostsee, die der Gründerzeit hinterhertrauern. Darß liegt in einem der jüngsten Nationalparks Deutschlands, dem Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der vom damaligen Umweltminister Klaus Töpfer als "Tafelsilber" der deutschen Einheit bezeichnet wurde. Die Grundformen dieser Boddenlandschaft entstanden vor mehr als 6 000 Jahren. Als der Meeresspiegel anstieg und das Land überflutete, ragten nur mehr einige Höhenrücken als Inseln aus dem Wasser. Von diesen tragen seitdem Wasser und Wind unermüdlich Material fort, das an anderer Stelle als Sandhaken, Landzunge oder als Halbinsel wieder abgelagert und von Fauna und Flora sofort erobert wird. Diese Prozesse sind heute noch im Gange, so daß sich die Halbinsel Darß und die Inseln Hiddensee und Rügen aufeinander zu bewegen. Auf der Halbinsel Darß, zwischen den uralten Hansestädten Rostock und Stralsund gelegen, kann der Besucher jedes Jahr im Herbst ein einmaliges Naturschauspiel erleben. Auf ihrem Zug gegen Süden machen Kraniche, Wildgänse und Wildenten die nötige Rast und fressen sich sechs Wochen die nötigen Reserven an, um so die Überwinterungsquartiere in Spanien oder Nordafrika unversehrt zu erreichen. Zählungen der Universität Greifswald haben ergeben, daß bis zu etwa 40 000 Kraniche das Land der Bodden im Herbst aufsuchen. Begleitet werden die Kraniche von einer Unzahl von Grau-, Bleß-, Saat-, aber auch Kanada- und Weißwangengänsen, die sich schon am Himmel deutlich von den Kranichen durch ihre V-förmige Flugformation unterscheiden, während die Kraniche, wie an der Perlenkette aufgereiht, im Widerschein der untergehenden Sonne dahinsegeln, ganz zu schweigen von ihren beeindruckenden Lauten.
Um dieses unbeschreibliche Schauspiel zu beobachten, sollte man mit einem der liebevoll restaurierten Boddensegler wie der "Hanna" dorthin segeln. Für Naturliebhaber ist dies nicht nur eine verantwortungsvolle und verträgliche Fortbewegungsart, sondern auch die perfekte Einstimmung für einen Herbsturlaub auf dem Darß. Nach solch einem stimmungsvollen Sonnenuntergang, immer noch die Rufe der Kraniche und Wildgänse in den Ohren, landet man glücklich und zufrieden mit der "Hanna" im Hafen von Wieck. Der Hafen bietet 18 Liegeplätze für Segelboote. Im Hotel Haferland wartet bereits ein steifer Grog. Das Hotel ist von der Familie Evers 1994 eröffnet worden und unterliegt dem Grundkonzept "Integration in die Landschaft". Folge dieses Konzepts sind die anderthalbgeschossige Bauweise, die Riedeindeckung, die wunderschönen massiven Möbel, bei denen Komfort vor unzweckmäßigem Design steht, und das untrügliche Gespür für unaufdringliche Gemütlichkeit, die einen heimisch werden läßt. Hervorragend ist die Küche des Hotel Haferlands, die von Ralf Hiener, ehemaliger Geschäftsführer des "Goldenen Knopfes" aus Bad Säckingen, betrieben wird.
Am nächsten Morgen lugt die Sonne unter dem Vorhang des Fensters hervor und lädt zu einem wunderschönen Herbsttag ein. Nach einem leckeren Müsli Marke Haferland, eine Eigenkreation des Hauses, schwingt man sich auf eines der Fahrräder, die man für sechs Mark am Tag leihen kann. Das Fahrrad ist auf dem Darß eine echte Bereicherung, weil es auch ermöglicht, Strecken zu fahren, die mit dem Auto nicht zu befahren wären. So zum Beispiel die wunderbaren Touren durch den Darßer Wald, der nicht nur eine einmalige ökologische Vielfalt aufweist, sondern auch eine lange Geschichte hat. Der Holzreichtum des 5 300 Hektar großen Darßer Waldes verlockte seit Jahrhunderten seine Besitzer zum Raubbau. Schwedische, dänische und französische Okkupanten bedienten sich. Aber auch die Einheimischen schlugen in Zeiten der Not Holz. Als Ferdinand von Raesfeld, Waidmännern ein Begriff, 1891 das Forstamt Darß übernahm, lag ein Drittel der Fläche brach. Dem legendären Forstmeister ist es zu danken, daß sie wieder aufgeforstet wurde, und zwar in durchaus naturnaher Weise. In den Jahren der SED-Zeit war es dem eigenwilligen "Dickkopf" des damals verantwortlichen Oberforstmeisters zu verdanken, daß aus diesem Wald, der nicht nur zu DDR-Zeiten, sondern schon zu Zeiten Hermann Görings Staatsjagd war, keine reine Monokultur entstand.
Durch den Darßwald kann man über den romantischen Radweg Biebersteg, so benannt nach einem Förster, fahren und dort Wacholdersträuche und eine faszinierende Fauna, bedingt durch den Wechsel von Dünen, Sandboden und Moorsenken, entdecken. Dann ist plötzlich der Weststrand zwischen den Bäumen sichtbar: feinsandig wie die Karibik und dennoch einzigartig, da hier das Meer direkt am Wald nagt und so große Bäume samt Wurzelballen umkippen läßt, die dann, ausgebleicht von der salzhaltigen Luft, vom Meer langsam weggetragen werden. Auf dem Boddenuferradweg geht es dann – auf der einen Seite die Unendlichkeit des Wassers, in der Ferne die Küstenlinie des Festlandes, auf der anderen Seite die weiten Wiesenlandschaften mit Großvögeln wie Störchen, Kranichen, Schwänen und Enten – Richtung Born und zurück nach Wieck. Diese beiden Boddendörfer sind, dank Eigenengagement der Gemeinden, von den möglichen Auswirkungen des Tourismus noch nicht vereinnahmt worden. Besonders beeindruckend sind die überall vorhandenen, liebevoll restaurierten reetgedeckten Wohnhäuser mit ihren alten holzgeschnitzten und bunt bemalten Türen. Da die Menschen auf dem Darß früher sehr arm waren, heuerten die Männer auf Schiffen an, um so das schmale Einkommen aufzubessern. In ihrer freien Zeit schnitzten sie auf hoher See diese Türen, deren Motive, wie Sonnen oder Lebensbäume, Zeichen der Hoffnung und Zuversicht waren. Es bleibt zu hoffen, daß diese beeindruckende Landschaft ihren Reiz, die artenreiche Fauna und Flora, nicht einbüßen wird. Catrin Marx
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