ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2004Universitäten: Habilitation in der Medizin – kein Anachronismus

THEMEN DER ZEIT

Universitäten: Habilitation in der Medizin – kein Anachronismus

Dtsch Arztebl 2004; 101(4): A-168 / B-144 / C-144

Pabst, Reinhard

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LNSLNS Ergebnisse einer Umfrage unter Habilitierten
Reinhard Pabst, Martin Schlaud

Die Habilitation als Nachweis der Qualifikation für selbstständige Forschung und Lehre und Grundlage für die Berufung auf eine Professur wurde oft kritisiert. In der Änderung des Hochschulrahmengesetzes im Jahr 2002 ist die Habilitation nicht mehr erwähnt. Die neu eingeführte Juniorprofessur soll an die Stelle der Habilitation treten und eine frühere Selbstständigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses sichern. Besonders in der klinischen Medizin sind unter anderem die zeitlichen Vorgaben für eine Juniorprofessur kaum mit der Weiterbildung zum Facharzt und qualifizierter Forschung und Lehre zu vereinbaren. Die akademische Medizin unterscheidet sich in vieler Hinsicht von anderen Fakultäten.
Seit 1980 entfällt etwa ein Drittel der Habilitationen in allen Fächern der Universitäten auf die Medizin. Demnach wird durch die neue bundesgesetzliche Regelung kein Fach so betroffen wie gerade die Medizin.
Wenn traditionsreiche akademische Rechte abgeschafft werden, sollten nicht nur persönliche Meinungen und Vermutungen als Argumente dienen, sondern empirisch belegte Daten in die Diskussion einbezogen werden. Deshalb wurden in einer Studie betroffene habilitierte Mediziner um ihre Meinung zu diesem Thema befragt. Es wurden sämtliche 160 Wissenschaftler angeschrieben, die sich in vier Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) habilitiert haben, um die Meinung Betroffener zu diesem Thema zu erhalten. Sie erhielten einen Fragebogen mit 31 Fragekomplexen. Außerdem bestand die Möglichkeit freier Äußerungen. Wegen der Anonymität der Antwortbögen wurden alle Adressaten nach drei Monaten erneut angeschrieben und um Antwort gebeten. Die Auswertung erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS 11.0 unter Anwendung deskriptiver und inferenzstatistischer (Chi-Quadrat-Test, t-Test) Verfahren. Dabei gelten p-Werte von unter 0,05 als statistisch signifikant.
Hoher Rücklauf
Es wurden 130 verwertbare Fragebögen zurückgeschickt (81 Prozent Rücklauf). Die Antworten der Befragung kamen in 16,4 Prozent von Frauen; dies entsprach nahezu einem Anteil in der Gesamtpopulation von 17,1 Prozent an allen Habilitationsverfahren in diesen Jahren an der MHH. Es waren 76,2 Prozent der Befragten verheiratet und 5,4 Prozent geschieden; 74,6 Prozent hatten Kinder. Das Alter beim Studienbeginn lag bei 19,8 ± 1,7 Jahren (Mittelwert ± Standardabweichung) und die Studiendauer bei 6,5 ± 0,8 Jahren. Der zeitliche Abstand zwischen Schulabschluss und Studienbeginn lag bei 0,85 ± 0,98 Jahren. In allen diesen und auch fast allen anderen Parametern gab es keine erheblichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
In 63,8 Prozent erfolgten die Habilitationen in Fächern der klinischen, in 15,4 Prozent der klinisch-theoretischen und in 20,8 Prozent in der theoretischen Medizin. Besonders interessant war die Einschätzung der Dauer von der Zeit zwischen der Promotion und Habilitation, die von fast 61,7 Prozent der Befragten als zu lang bewertet wurde. Als Gründe dafür wurden selten eine mangelnde Betreuung, sondern doppelt so häufig persönliche Gründe, Belastung durch Verwaltungsaufgaben und besonders oft (64,4 Prozent) Belastung durch klinische Aufgaben angegeben. Eine zu große klinische Belastung wurde häufiger von Autoren monographischer Arbeiten (77 Prozent) als bei kumulativen Arbeiten angeführt (43 Prozent).
Die klassische Form der Habilitation (Monographie) wählten 62 Prozent und die kumulative Form 38 Prozent. Von den als Monographie eingereichten Arbeiten waren 78,8 Prozent aus der Klinik, zehn Prozent aus klinisch-theoretischen und elf Prozent aus theoretischen Fächern. Für die kumulative Habilitation waren die Prozentsätze: 40,8 Prozent, 22,4 Prozent und 36,7 Prozent. Das bedeutet in der Tendenz mehr monographische Arbeiten in klinischen Fächern. Bei 75 Prozent der Antworten wurde die jeweilige Form der Habilitation für sich selbst als sinnvoll angesehen. Die überwiegende Mehrheit (85,4 Prozent) fand die Anforderungen an die Habilitation angemessen und die Beschreibung in der Habilitationsordnung eindeutig (74,6 Prozent). Alle Habilitanden waren bereits vor der Habilitation in die Lehre, zum Beispiel Kurse, Seminare und Vorlesungen (Männer 80 Prozent, Frauen 52 Prozent, deutlicher Unterschied), eingebunden. In 39 Prozent würden sich die Befragten ohne die angestrebte Habilitation weniger in der Lehre engagieren. Als Tendenz ergab sich, dass Männer die Habilitationsschrift als zu leicht und zu lang einstuften und eher für eine Abschaffung tendierten als Frauen. In diesen Punkten wurden aber keine Unterschiede festgestellt.
Eine oft geäußerte Meinung: Junge Wissenschaftler fühlen sich in der Forschung eingeengt. Das traf nur bei 2,3 Prozent der Befragten zu. Es waren 27,7 Prozent in größere Forschungsprojekte eingebunden. Bis zur Habilitation hatten 95,4 Prozent eigenverantwortlich Drittmittel für Forschungsprojekte eingeworben. Große Unterschiede wurden deutlich, wenn die Gesamtbetreuung, die Betreuung in Forschungsprojekten oder bei persönlichen Problemen bewertet wurden. Unbefriedigend ist die geringe Vorbereitung auf die Lehraufgaben, die ein Privatdozent nach der Habilitation selbstständig übernehmen soll, 80 Prozent fühlten sich überhaupt nicht oder nur etwas auf diese Aufgaben vorbereitet.
Nur eine Minderheit für die Abschaffung der Habilitation
Für die zukünftigen hochschulpolitischen Entscheidungen zur Habilitation in deutschen Hochschulen sind Gesamtbewertungen besonders interessant: Nur 14 Prozent hielten die Habilitation für ein überholtes akademisches Ritual, wohingegen 47,5 Prozent die Habilitation weiterhin als wissenschaftliche Qualifikation und als Grundlage für eine Berufung in ein Professorenamt einschätzten und 45 Prozent die Habilitation als eine wichtige wissenschaftliche Leistung neben anderen Kriterien für eine Berufung einordneten. Es rieten fast die Hälfte (48 Prozent), die Habilitation beizubehalten, aber 39 Prozent zur Modifikation und nur 12 Prozent zur Abschaffung (Grafik 2). Die abschließende Frage war, ob die Habilitierten jüngeren wissenschaftlichen Mitarbeitern aufgrund der eigenen Erfahrungen raten würden, eine Habilitation anzustreben. In 85 Prozent wurde diese Frage mit Ja beantwortet, was vergleichbar zu den 89 Prozent der Studie von Weber et al. war. Diese Befragung von habilitierten Medizinern kann wegen der hohen Antwortrate als repräsentativ für die Situation an der Medizinischen Hochschule Hannover gelten. Ob es besonders in Hinsicht auf die Alternative kumulative oder „opus magnum“-Arbeit an anderen Fakultäten andere Einschätzungen gibt, sollte aktuell untersucht werden.
Warum müssen gewachsene Fächerkulturen beseitigt und alles vereinheitlicht werden? Was im Maschinenbau sinnvoll ist, braucht nicht das Optimum für die Biologie, Philosophie oder Medizin darzustellen. Pauschale Urteile der Politik, wie in der Begründung vom Hochschulrahmengesetz, sind nicht belegt. Als Anlass für die Einführung der Juniorprofessur war unter anderem eine frühere wissenschaftliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit eigener Drittmittelforschungsprojekte angeführt worden. Diese Aspekte sind aber bereits im bisherigen System gegeben, wie diese Daten belegen. Man muss sich auch der Folgen der Abschaffung der Habilitation bewusst sein. Es wird aus Stellenplangründen nur wenige Juniorprofessuren (besonders in der Klinik) geben. Werden junge wissenschaftliche Mitarbeiter ohne Habilitationsmöglichkeiten in großem Umfang auf Freizeit verzichten, um Experimente durchzuführen, Forschungsanträge und Publikationen zu schreiben, wenn der erfolgreiche Einsatz nicht nach außen dokumentierbar ist? Welchen Anreiz werden junge Wissenschaftler künftig haben, um sich in der Lehre zu engagieren, wenn die Habilitation wegfällt? Als Fazit kann Folgendes festgehalten werden:
- Auf die Lehraufgaben fühlen sich viele Habilitierte zu wenig gezielt vorbereitet.
- Die Habilitation wurde besonders durch zu hohe Belastung in der klinischen Routine und durch Verwaltungsaufgaben behindert.
- Die Mehrheit fühlte sich als Wissenschaftler in der Forschung nicht eingeengt.
- Fast alle hatten selbstständig Drittmittelforschungsanträge gestellt.
- Nur eine kleine Minderheit rät zur Abschaffung, wohingegen 40 Prozent zur Modifikation der Habilitation rieten (zum Beispiel mehr in cumulo als Opus-magnum-Arbeit).
- 85 Prozent der Befragten raten jüngeren Kolleginnen und Kollegen weiterhin zur Habilitation.
Juniorprofessur, eine Alternative zur Habilitation?
Wegen der Besonderheiten in der Medizin mit zum Teil langjähriger Weiterbildungszeit ist die Juniorprofessur als alleiniger Karriereweg auf eine Hochschulprofessur kaum sinnvoll. Deshalb sollte man das Habilitationsverfahren kritisch modifizieren, aber als Alternative zur Juniorprofessur bestehen lassen und nach mehreren Jahren mit repräsentativen Daten die Vor- und Nachteile beider Karrierewege in der Medizin vergleichen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 168–169 [Heft 4]

Eine Langfassung des Beitrags ist beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/plus0404 abrufbar.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med Reinhard Pabst
Abteilung für Funktionelle und Angewandte Anatomie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
E-Mail: pabst.reinhard@mh-hannover.de
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