ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2004Berufsreport 2003: Beurteilung der Fort- und Weiterbildung

THEMEN DER ZEIT

Berufsreport 2003: Beurteilung der Fort- und Weiterbildung

Dtsch Arztebl 2004; 101(5): A-233 / B-202 / C-194

Rohde, Volker; Wellmann, Axel; Bestmann, Beate

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Die Zufriedenheit mit der Fort- und Weiterbildung ist unter anderem abhängig von der Position und der Fachzugehörigkeit. Das ist eines der Ergebnisse der ersten bundesweit repräsentativen Umfrage unter deutschen Ärztinnen und Ärzten.

Über Quantität und Qualität ärztlicher Fort- und Weiterbildung ist im Zusammenhang mit der Reform des Gesundheits- und Sozialsystems viel diskutiert worden. Die Verquickung von Fortbildung und Pharmasponsoring sorgt ebenso wie die geplante verbindliche Einführung von Fortbildungsnachweisen (Continuous Medical Education; CME-Punkte) für viel Zündstoff und wird politisch je nach Interessenlage unterschiedlich bewertet und zum Teil auch instrumentalisiert. Mängel in Form und Inhalt der Fort- und Weiterbildung werden immer wieder als Gründe für Arbeitsunzufriedenheit angeführt und vor allem von jungen Ärztinnen und Ärzten häufig als ein Ansatz für nachhaltige Verbesserungen genannt (1).
Die Lan­des­ärz­te­kam­mern in Baden-Württemberg, Hessen, Berlin, Thüringen und Rheinland-Pfalz haben größere Umfragen zu Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen in deutschen Kliniken durchgeführt (2). Doch scheint das Phänomen der Unzufriedenheit vielschichtiger zu sein als bisher in der Öffentlichkeit und in den Berufsverbänden diskutiert und nicht allein auf die hohe Arbeitsbelastung reduzierbar. Darüber hinaus sind die Ergebnisse dieser Studien nur begrenzt miteinander vergleichbar.
Ziel der vorliegenden Studie ist es hingegen, ein repräsentatives und umfassendes Meinungsbild zur gegenwärtigen Situation in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung zu skizzieren. Zugrunde liegt ein einheitlicher Fragebogen für Kliniker und niedergelassene Ärzte, der die Bereiche beruflicher Hintergrund, Arbeitszeiten/Überstunden, Organisation und Leitung, Fortbildung, Weiterbildung, Wissenschaft und Lehre, Allgemeine Lebenszufriedenheit, Verbesserungspotenziale und Soziodemographie abfragt. Folgende Fragestellungen sollten hierbei beantwortet werden:
- Gibt es Unterschiede in der Beurteilung der Fort- und Weiterbildung zwischen den einzelnen Fachbereichen, den hierarchischen Positionen oder der Versorgungsstufe des jeweiligen Arbeitgebers?
- Gibt es Unterschiede in der Beurteilung und Finanzierung der Fort- und Weiterbildung zwischen Niedergelassenen und Klinikern?
Methodik
Das Deutsche Ärzteblatt verfügt über eine komplette Adresskartei aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Aus dieser Grundgesamtheit ist eine Zufallsstichprobe der Größe N = 7 000 gezogen und angeschrieben worden. Bei der Stichprobenziehung wurden die Merkmale Bundesland, Geschlecht und Tätigkeit (je 50 Prozent Niedergelassene und 50 Prozent Klinikärzte) berücksichtigt. Optisch wurde der Fragebogen nach Dillmanns „Total-Design-Method“ gestaltet (3). Auf weitere Aktivitäten zur Erhöhung der Rücklaufquote (Nachfassaktion, Einsatz von Incentives und Ähnliches) wurde verzichtet, um eine größtmögliche Anonymität der Befragung zu gewährleisten.
Da sich die berufliche Situation von Niedergelassenen und Klinikern erheblich unterscheidet, wurden zwei Fragebogenversionen erarbeitet. Aus Gründen der Vergleichbarkeit wurden möglichst viele Fragebogenteile identisch gestaltet. In beiden Fragebogenversionen sind folgende Themenblöcke enthalten: Einleitung/beruflicher Hintergrund, Arbeitszeiten/Überstunden, Organisation und Leitung, Fortbildung, Weiterbildung, Wissenschaft und Lehre, Verbesserungspotenziale, Allgemeine Lebenszufriedenheit sowie Soziodemographie. Der Teil zur Allgemeinen Lebenszufriedenheit wurde analog zum Fragebogenmodul Lebenszufriedenheit im Sozioökonomischen Panel (SOEP) gestaltet und um sechs Items erweitert. Insgesamt enthält der Kliniker-Fragebogen 65 Fragen. Der Fragebogen für die niedergelassenen Ärzte besteht aus 42 Fragen. Ein Experten-Panel (Soziologen, Psychologen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, Alters, Geschlecht und hierarchischer Position) hat die Fragebögen erarbeitet. Der Deutsche Ärzte-Verlag hat die Befragung logistisch abgewickelt. Vor der Versendung durchlief der Fragebogen eine Feasibility-Studie, in der verschiedene Aspekte der Durchführbarkeit überprüft wurden.
Aus der Grundgesamtheit aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland wurde eine Stichprobe der Größe N = 7 000
(je 3 500 Kliniker und Niedergelassene) angeschrieben. Bis zum Stichtag am 20. April 2003 gingen 2 165 Fragebögen beim Deutschen Ärzte-Verlag ein. Die Rücklaufquote betrug 30,9 Prozent, die Rücklaufquoten von Klinikern und Niedergelassenen waren mit 31,2 und 30,2 Prozent beinahe identisch.
Zur Überprüfung der Repräsentativität wurden die Stichproben mit der Grundgesamtheit (4) hinsichtlich soziodemographischer Merkmale verglichen. Während die niedergelassenen Ärzte in der Stichprobe gut abgebildet waren, wurde bei den Klinikern eine geringfügige Korrektur durch Gewichtungsfaktoren (5) hinsichtlich der Variablen Alter und Geschlecht vorgenommen, um auch hier Repräsentativität zu erreichen.
Für die Datenanalyse kamen je nach Fragestellung unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Im ersten Auswertungsschritt wurden Kliniker und Niedergelassene zunächst einmal deskriptiv dargestellt. Unterschiede zwischen den Gruppen (zum Beispiel Fachbereich, berufliche Position) wurden varianzanalytisch untersucht (ANOVA mit Post-hoc-Tests). Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen wurden anhand von multiplen Korrelationen beziehungsweise Regressions-Analysen untersucht. Als „Overall-Signifikanzniveau“ wurden fünf Prozent festgelegt.
Für die vorliegenden Ergebnisse wurden 17 Fragen aus dem Gesamtfragebogen herangezogen. 1 730 Befragte (80,5 Prozent) gaben an, ihre Facharzt-Weiterbildung abgeschlossen zu haben. Mit 85,3 beziehungsweise 82,9 Prozent ist der Anteil der Befragten mit abgeschlossener Facharzt-Weiterbildung bei den Anästhesisten und Gynäkologen überdurchschnittlich hoch. Auch auf die Frage „Konnten Sie Ihre Weiterbildung gemäß der Weiter­bildungs­ordnung in der vorgesehenen Zeit abschließen?“ antwortete der Großteil der Befragten mit „ja“. Während in der Anästhesie und in der Kinderheilkunde jeweils 17,7 Prozent der Befragten ihre Weiterbildung nicht in der vorgesehenen Zeit absolvieren konnten, liegt der Anteil in der Chirurgie (21,3 Prozent), in der Inneren Medizin (28,6 Prozent) und in der Psychiatrie (32 Prozent) deutlich höher. In der vorliegenden Stichprobe haben prozentual in etwa gleich viele Männer und Frauen ihre Weiterbildung nicht zeitgerecht beendet. Als Hindernis führen dabei Frauen dienstliche Gründe seltener (57,1 Prozent) an als Männer (62,6 Prozent). Frauen geben „persönliche Gründe“ mit 48 Prozent signifikant häufiger an als Männer (25,9 Prozent). Zwar wurden die Gründe nicht weiter aufgeschlüsselt, doch antworteten viele Frauen in der Kategorie „Sonstige Gründe“ mit „Babypause“.
Die Befragten wurden außerdem gebeten, Schulnoten zur Bewertung der theoretischen und praktischen Weiterbildung zu vergeben. Zur Vereinfachung der Darstellung sind für die vergebenen Noten (1 bis 6) zwei Kategorien, „bis Note 2“ sowie „Note 3 und schlechter“ gebildet worden. Die älteren Befragten bewerten theoretische und praktische Weiterbildung signifikant positiver als die jüngeren (Varianzanalyse ANOVA; p < .05). Zur detaillierten Analyse wurde für beide Variablen ein Post-hoc-Test nach Scheffé durchgeführt. Für die Variable „Wie beurteilen Sie die theoretische Weiterbildung?“ zeigten sich statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen „35 bis 39 Jahre“, „40 bis 49 Jahre“ und den Befragten, die 50 Jahre und älter sind (p < .05). Bei der Variablen „Wie beurteilen Sie die praktische Weiterbildung?“ zeigten sich statistisch signifikante Unterschiede zwischen den ganz jungen Befragten (bis 34 Jahre) und den Befragten, die 50 Jahre und älter sind (p < .05).
Gleiches gilt für die Variable Berufserfahrung („Wie lange sind Sie bereits als Arzt tätig?“). In der Bewertung der theoretischen und praktischen Weiterbildung zeigen sich hier statistisch signifikante Unterschiede zwischen denjenigen, die seit fünf bis neun Jahren als Ärzte tätig sind, und den „Älteren“ (> 20 Jahre Berufserfahrung). Weibliche Befragte geben sowohl der theoretischen als auch der praktischen Weiterbildung schlechtere Noten als die Männer. Obwohl sich der überwiegende Teil der Befragten von seinem Weiterbilder unterstützt fühlt, ist der Anteil derer, die sich „eher nicht“ beziehungsweise „überhaupt nicht“ unterstützt fühlen, in der Kinderheilkunde sehr hoch (29,8 Prozent). Auch in der Psychiatrie fühlt sich jeder Fünfte (19,9 Prozent) eher nicht vom Weiterbilder unterstützt.
Analyse
Für eine sinnvolle Analyse einzelner Fachgruppen kommen nur diejenigen mit ausreichend hohen Fallzahlen (N ³ 50) in Betracht: Anästhesiologie und Intensivmedizin (N = 128), Chirurgie (N = 182), Frauenheilkunde und Geburtshilfe (N = 63), Innere Medizin (N = 266), Kinderheilkunde (N = 68) und Psychiatrie (N = 50). Die praktische Weiterbildung bewerten die Befragten je nach Fachzugehörigkeit recht unterschiedlich. Während Chirurgen und Kinderärzte – über die verschiedenen Versorgungsstufen hinweg – die praktische Weiterbildung überwiegend (> 50 Prozent) positiv beurteilen, zeigt sich in der Inneren Medizin ein gegenläufiger Trend. Auch die theoretische Weiterbildung beurteilen konservative und operative Fächer zum Teil gegenläufig.
Aus der Perspektive der jeweiligen hierarchischen Position bewerten 60 Prozent der Assistenten, 56,9 Prozent der Stationsärzte, aber auch 62,6 Prozent der Oberärzte die theoretische Weiterbildung mit der Note 3 und schlechter. Deutlich besser schneidet sie in der Bewertung von Chefärzten und Klinikdirektoren ab. Lediglich 44,7 beziehungsweise 36,8 Prozent geben die Note 3 oder schlechter.
Noch schlechter als die theoretische Weiterbildung bewerten Assistenten (65,4 Prozent) und Stationsärzte (58,7 Prozent) die praktische Weiterbildung. Die Oberärzte vergeben zu 41 Prozent die Note 3 und schlechter, wohingegen die Chefärzte die praktische Weiterbildung noch besser bewerten als die theoretische. Lediglich 29,3 Prozent der Chefärzte und 28,2 Prozent der Klinikdirektoren geben die Note 3 und schlechter.
Differenziert nach Geschlecht geben in der praktischen Weiterbildung 54,7 Prozent der Frauen, aber nur 38,3 Prozent der Männer die Note 3 und schlechter. Die theoretische Weiterbildung bewerten 60,9 Prozent der Frauen und 54,3 Prozent der Männer mit der Note 3 und schlechter.
Auf die Frage „Wie viel Zeit wenden Sie in der Woche auf, medizinische Literatur zur Fortbildung zu lesen?“ (Literatur zur wissenschaftlichen Arbeit sollte explizit nicht mitgezählt werden) gaben sowohl Niedergelassene als auch Kliniker zu fast 41 Prozent an, hierfür ein bis zwei Stunden zu investieren. 31 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie 25 Prozent der Kliniker wendeten wöchentlich sogar zwei bis vier Stunden auf. Als Form der Fortbildung gaben die Befragten zu 95 Prozent Fachzeitschriften und Fachbücher sowie Veranstaltungen an.
Nur 0,3 Prozent der Niedergelassenen und 0,4 Prozent der Kliniker gaben an, keine Fortbildungsmittel zu nutzen. Die am häufigsten genutzten Formen der Fortbildung sind mit mehr als 80 Prozent bei beiden Gruppen die Fachzeitschriften, Veranstaltungen und Fachbücher. Deutliche Unterschiede zeigen sich in der Nutzung von Qualitätsszirkeln und strukturierten, interaktiven Fortbildungen. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte nutzen sie wesentlich häufiger zur Fortbildung als Kliniker (T-Test für unabhängige Stichproben, p < 0.001).
Das Prinzip der zertifizierten Fortbildung (CME) scheint noch nicht allgemein etabliert. 41,3 Prozent der Niedergelassenen und 60 Prozent der Kliniker geben an, keine CME-Punkte zu sammeln. Die Gründe liegen vor allem im hohen administrativen Aufwand und darin, dass es noch nicht verbindlich vorgeschrieben ist.
In puncto Finanzierung ergibt die Analyse nach Fachrichtungen, dass überdurschnittlich viele Internisten (29,2 Prozent) ihre Fortbildung aus Industriemitteln finanzieren. Die Höhe der Zuwendungen lässt sich aus den Daten nicht ableiten.
Die vorliegenden Ergebnisse beruhen auf einer Untersuchung, in der erstmals eine Stichprobe aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland gezogen wurde. Sie geht damit in Bezug auf Umfang und Repräsentativität deutlich über die bisherigen Befragungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern hinaus. Die Rücklaufquote von 30,9 Prozent ist in Anbetracht des umfangreichen Fragebogens gut. Verglichen mit der zweier Umfragen vom Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen in Mannheim (ZUMA), in denen 13,6 Prozent beziehungsweise 13,1 Prozent der Befragten (6) antworteten, lässt die vorliegende Rücklaufquote auf eine hohe Akzeptanz und damit auch Relevanz der Themen schließen. Die Ausgewogenheit der Rücklaufquote bei Klinikern und Niedergelassenen ist beachtlich und ein weiteres Indiz für die Repräsentativität der Stichprobe.
Interpretation
Übereinstimmend führen junge Ärztinnen und Ärzte in Berlin und Sachsen in Umfragen zur Weiterbildung eine unzureichende abteilungsinterne Rotation sowie fehlende inhaltliche und zeitliche Weiterbildungspläne als wesentliche Hindernisse zur Komplettierung des Facharztkataloges an (1, 2). Insbesondere in den Fächern Anästhesie, Chirurgie, Innere Medizin und Psychiatrie sind mehr als 50 Prozent der Meinung, ihre Facharztweiterbildung nicht in der vorgesehenen Zeit beenden zu können. Der Berufsreport 2003 beleuchtet diesen Aspekt aus einer anderen Perspektive. Da die Mehrzahl der Befragten Facharztstatus hat, ist darstellbar, ob sie ihre Weiterbildung in der vorgegebenen Zeit abschließen konnten. Während in der Anästhesie und in der Kinderheilkunde jeweils 17,7 Prozent der Befragten ihre Weiterbildung nicht in der vorgesehenen Zeit absolvieren konnten, liegt der Anteil in der Chirurgie (21,3 Prozent), in der Inneren Medizin (28,6 Prozent) und in der Psychiatrie (32 Prozent) deutlich höher. Obwohl die Daten der beiden Studien nicht unmittelbar miteinander verglichen werden können, scheinen sich im Spiegel einer bundesweiten repräsentativen Befragung die negativen Erwartungen der Berliner Umfrage nicht im vollen Umfang zu bestätigen. !
Betrachtet man die Bewertungen der theoretischen und praktischen Weiterbildung aus der Perspektive der jeweiligen hierarchischen Position, so fallen die der Chefärzte und Klinikdirektoren signifikant besser aus als die Bewertungen der Assistenten, Stations- und Oberärzte. Die Tatsache, dass Chefärzte und Klinikdirektoren lediglich zu 29,3 Prozent beziehungsweise zu 28,2 Prozent die Note 3 und schlechter für die überwiegend von ihnen organisierte praktische Weiterbildung vergeben, wirft die Frage auf, ob eine hierarchisch höhere Position generell zu einer positiveren Bewertung führt.
Für die Interpretation der Weiterbildungsnoten ist es interessant, in welchen Fachbereichen – unter Berücksichtigung der Versorgungsstufe des Krankenhauses – die Bewertungen vorgenommen wurden. In der Chirurgie fällt auf, dass in allen definierten Versorgungsstufen die theoretische Weiterbildung schlechter bewertet wird als die praktische. Besonders negativ fallen die Universitätskliniken heraus, in denen die Befragten zu 82,4 Prozent die Note 3 und schlechter gaben, während dieses Notenspektrum in Kliniken der Maximalversorgung nur zu 43,8 Prozent vergeben wurde. Durchweg positiver bewerteten die Chirurgen die praktische Weiterbildung. In allen Versorgungsstufen gaben mehr als 50 Prozent der Befragten die Note 2 und besser, wobei die Angestellten von Krankenhäusern der Maximalversorgung mit 71,9 Prozent den Spitzenplatz einnehmen, gefolgt von den Universitätskliniken mit 58,3 Prozent.
Einen konstruktiven und viel versprechenden Ansatz, zumindest die theoretische Weiterbildung zu verbessern, verfolgt die „European Society of Residents in Urology“. In so genannten „In-Service-Examinations“ stellt das European Board of Urology 100 Multiple-Choice-Fragen, die in der eigenen Ausbildungsklinik je nach Ausbildungsstand abgelegt werden können (7).
Im Vergleich zu den Chirurgen vergeben die Internistinnen und Internisten bessere Noten für die theoretische Weiterbildung, wobei hier nur 48,6 Prozent der Befragten aus Universitätskliniken die Note 3 und schlechter vergeben. 61,8 Prozent der Befragten aus Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung vergaben ebenfalls die Note 3 und schlechter. Bei der praktischen Weiterbildung in der Inneren Medizin werden im Vergleich zur Chirurgie deutlich schlechtere Noten vergeben. Lediglich 15,4 Prozent der Befragten aus AHB- und Rehabilitationskliniken und nur 30 Prozent der Befragten aus Universitätskliniken vergaben die Note 2 und besser. In den Kliniken der Maximalversorgung verteilten immerhin 57,1 Prozent der Befragten diese Note, in den Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung 58,2 Prozent.
In den USA befragte die „Society of General Internal Medicine Career Satisfaction Study Group“ 2 326 Internisten unter anderem danach, ob sie Medizinstudierenden ihr Fach weiter empfehlen können. Dabei konnten die „general internists“ ihr Fach deutlich weniger empfehlen als die Gruppen der „family physicians“ und der „internal medicine subspecialists“. In dieser Studie hatten „general internists“ längere Arbeitszeiten und mussten mehr ambulante Patienten und komplexere medizinische und psychosoziale Krankheitsbilder versorgen (8).
Die erste Analyse der Daten des Berufsreports 2003 zeigt, dass in nahezu allen Fächern Verbesserungspotenzial in der Weiterbildung gesehen wird. Da die Befragten aber im Detail ganz unterschiedliche Bereiche aufgezeigt haben, müssten im nächsten Schritt fachspezifische Analysen folgen, damit Form und Inhalt der Weiterbildung praxisrelevant angepasst werden können.
Um die Qualität ärztlicher Fortbildung weiter zu erhöhen, werden zunehmend Qualitätszirkel gegründet mit dem Ziel, selbstverantwortlich Prozess- und Ergebnisqualität zu evaluieren und zu verbessern. Dieser derzeit noch freiwillige Zusammenschluss von Kolleginnen und Kollegen wird interessanterweise von Niedergelassenen dreimal so häufig (62,3 Prozent) genannt wie von Klinikern (21,5 Prozent). Somit ist die Forderung des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen von 1992 erfolgreich umgesetzt worden, die eine vermehrte Zusammenarbeit niedergelassener Ärzte in Qualitätszirkeln anregte (9).
Kontrovers diskutiert werden das Wie und Warum einer zertifizierten Continuing Medical Education als für alle Ärzte verbindliche Fortbildungsform. Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg berichtet von ihrem Modellversuch, der bis Februar 2003 lief, dass 2002 jeder Arzt in Baden-Württemberg mindestens vier Fortbildungsveranstaltungen besucht hat (10). Im Berufsreport 2003 verneinten allerdings 43 Prozent der Niedergelassenen und 40 Prozent der Kliniker die Frage, ob sie CME-Punkte sammeln. Die Gründe konnten in freier Antwort gegeben werden. Am häufigsten wurden der unverhältnismäßig hohe administrative Aufwand und die fehlende Verpflichtung genannt. Entgegen den ermutigenden Zahlen der Lan­des­ärz­te­kam­mern legen diese Daten den Schluss nahe, dass viele Kolleginnen und Kollegen nicht von diesem Fortbildungssystem überzeugt sind.
Finanzierung der Fortbildung
Nach Abschluss der Modellphase zum Fortbildungszertifikat sollen die Bewertungskriterien für Fortbildungsveranstaltungen (11) bundesweit vereinheitlicht werden. Der Deutsche Ärztetag 2003 hat unter anderem beschlossen, dass Fortbildungsinhalte unabhängig von Industrieinteressen sein müssen. Gesponserte Veranstaltungen sollen aber weiterhin anerkannt werden, wenn kein Einfluss auf den Inhalt der Fortbildung genommen wurde (11). Auf die Frage „Wie werden Ihre Fortbildungen bezahlt?“ (Mehrfachantwort) gaben weit über 90 Prozent der Befragten an, dass sie einen Teil der Kosten aus privaten Einkünften tragen. Unterschiedlich häufig wurden jedoch Industriemittel eingesetzt. Bemerkenswert ist, dass Angehörige von Universitätskliniken zu 27 Prozent, Angehörige von Kliniken der Maximalversorgung zu 17 Prozent und Mitarbeiter von Kliniken der Grund- und Regelversorgung zu 13,9 Prozent Zuwendungen aus der Industrie erhalten. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte setzen zu 31,6 Prozent Industriemittel ein. Eine Aufschlüsselung nach Fachbereichen zeigt, dass Internisten Industriemittel deutlich häufiger einsetzen (29,3 Prozent) als Chirurgen (14,4 Prozent) oder Anästhesisten (11,3 Prozent). Der prozentuale Anteil von Privat- und Industriemitteln an den Gesamtkosten für den Besuch eines Kongresses oder einer Fortbildungsveranstaltung wurde nicht erfasst.
Die Verflechtung von medizinischer Forschung und Industrie sowie das Sponsoring von Fortbildungsveranstaltungen durch die Pharmaindustrie ist ein vielschichtiges und sensibles Thema. Dieser Problematik hat sich unter anderem Finzen (12) angenommen, der auf inhaltliche Verzerrungen in gesponserten Veranstaltungen hinweist und dies mit Aktionen aus der Zeit der Einführung einer neuen Generation von Antidepressiva belegt. Tatsache ist, dass Fortbildung ohne Unterstützung der Industrie im bisherigen Umfang nicht möglich wäre. Untersuchungen, die objektiv darstellen, wie weit eine Verflechtung tatsächlich vorangeschritten ist oder die Beeinflussung von Verschreibungsaktivitäten durch Sponsoring beschreibt, sind derzeit nicht publiziert.
Der Berufsreport 2003 ist die bislang umfangreichste repräsentative Studie in Deutschland. Die große Bandbreite der Antworten gerade auf diejenigen Fragen, die Bewertungen enthielten, zeigt, dass nicht die „Extremen“ (nur die vollkommen Unzufriedenen oder die vollkommen Zufriedenen) geantwortet haben. Damit deutet sich eine Repräsentativität und Validität nicht nur der Stichprobe, sondern auch der Ergebnisse an. Studiendesign und Themenvielfalt sind geeignet, die vielschichtigen Problemfelder im Ansatz transparent zu machen, aber unzureichend, um konkrete inhaltliche Veränderungen ableiten zu können. Diese Studie kann aber das Problembewusstsein schärfen und damit eine datenbasierte Grundlage für Lösungen darstellen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 233–238 [Heft 5]


Literatur
1. Studie der Lan­des­ärz­te­kam­mer Berlin in Zusammenarbeit mit dem „Arbeitskreis Junge Ärzte“ (http:// aekb.arzt.de/10_Aktuelles/18_BERLINER_AERZTE/BAEthemen/05mai02/10ErgFrageb.html).
2. Kaiser R, Kortmann A: Arbeitszeit hessischer AiP, Assistenten und Oberärzte. Hessisches Ärzteblatt 2/2002.
3. Dillmann D: Mail and telephone surveys: the total design method. New York u. a.: Wiley 1978.
4. Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer/Kassenärztlichen Bundesvereinigung (www.aerztekammer.de).
5. Gabler S (Hrg.): Gewichtung in der Umfragepraxis. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994.
6. Harkness JA: Cross cultural survey equivalence: T`ZUMA-Nachrichten: Spezial Nr. 3, Mannheim, 1998.
7. Simon J, Kubler H, Necknig U, Schmelz HU: Graduate education in Germany. Path out of the dead end. Urologe A. 2002 Mar; 41(2): 174–176.
8. Wetterneck TB, Linzer M, McMurray JE, Douglas J, Schwartz MD, Bigby J, Gerrity MS, Pathman DE, Karlson D, Rhodes E, Society of General Internal Medicine Career Satisfaction Study Group: Worklife and satisfaction of general internists. Arch Intern Med 2002 Mar 25; 162 (6): 649–656.
9. Selbmann HK: Qualitätssicherung in der ambulanten Versorgung. Sicht des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Fortschr Med 1992; 110: 183–186.
10. Erfahrungen mit dem Modellversuch zur CME-Fortbildung in Baden-Württemberg. DMW 2003; 14: 710– 711.
11. Beschlussprotokoll des 106. Deutschen Ärztetages vom 20. bis 23. Mai 2003 in Köln (www.bundesärztekammer.de30/Aerztetag/106_DAET/indes.html).
12. Finzen A: Wir dankbaren Ärzte. Dtsch Arztebl 2002; 99: 766–769 [Heft 12].

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Volker Rohde
Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie
Universitätsklinikum Gießen
Rudolf-Buchheim-Straße 7, 35392 Gießen
E-Mail: vrohde@gmx.de



Der Berufsreport 2003 basiert auf einer Kooperation der Wissenschaftler Beate Bestmann, M.A., Universität Kiel, Dr. med. Volker Rohde, Universität Gießen, Priv.-Doz. Dr. med. Axel Wellmann, Universität Bonn, sowie der Stabsstelle Marktforschung des Deutschen Ärzte-Verlags (Gabriele Reinert) und der Redaktion des Deutschen Ärzteblattes. Der vorliegende Beitrag legt den Schwerpunkt auf die Ergebnisse aus den Bereichen Fort- und Weiterbildung. Weitere Ergebnisse der übrigen Fragebogenkomplexe werden sukzessive publiziert.
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