THEMEN DER ZEIT

Frauen in Wissenschaft und Forschung: Chancengleichheit stärken

Dtsch Arztebl 2004; 101(5): A-243 / B-211 / C-203

Seifert, Julia

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Die Autoren geben einen Überblick über deutschlandweite und europäische Förderungsangebote von Frauen aus Wissenschaft und Forschung.
Julia Seifert1, 2, Ute Glißmann3, Axel Ekkernkamp1, 2

Auf die Frage, warum Frauen in Wissenschaft und Forschung einer staatlich-gesellschaftlich basierten Förderung bedürfen, lassen
sich – statistischen Erhebungen zufolge (1) – mehrere Antworten finden: Obwohl die Mehrzahl der Studienanfänger weiblichen Geschlechts ist (52,9 Prozent), führen letztendlich weniger Frauen als Männer ihr Studium zu Ende (49,3 Prozent). Nur noch 33,3 Prozent der Promovenden sind weiblich, und unter den Habilitanden stockt die Frauenquote bei 17,7 Prozent. Darüber hinaus sind nur 6,3 Prozent der C-4-Professorenstellungen durch Frauen besetzt, und in den Führungspositionen der Hermann-von-Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren, einer der größten deutschen Wissenschaftsorganisationen mit etwa 24 000 Mitarbeitern, sind nur 2,6 Prozent der Führungspositionen in weiblicher Hand. Im Bereich der Wirtschaft sieht es mit 11,4 Prozent von Frauen besetzten Führungspositionen nicht deutlich besser aus. Stellt man alles in allem den Anteil der Frauen dem der Männer gegenüber, lässt sich das in Form einer geöffneten Schere darstellen. Die Zahlen der wissenschaftlichen Erhebungen belegen, dass zwischen 1999 und 2002 keine Trendwende eingetreten ist (Grafik).
Obwohl Frauen herausragende wissenschaftliche Leistungen erbracht haben, sind sie weiterhin einem „männlichen Misstrauen“ ausgesetzt. Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Vollhard, Nobelpreisträgerin für die Entdeckung grundlegender genetischer Steuerungsmechanismen in der Embryonalentwicklung, zu der Stellung der Frauen in der Wissenschaft: „Es ist nicht jedermanns Sache, Forschung zu machen. Aber den Frauen, die forschen wollen, sollten nicht dauernd Steine in den Weg gelegt werden. [...] Dieses Misstrauen, das einem als Frau immer entgegenkommt, ist unheimlich lästig [...].“
Auch Hohner und Mitarbeiter (2) konnten bei der Analyse geschlechtsspezifischer Berufsverläufe feststellen, dass Männer beruflich deutlich erfolgreicher als Frauen sind, wenn man den Aufstieg in mittlere und höchste Positionen als ersten Indikator für Berufserfolg betrachtet. Männer erzielten in dieser Untersuchung in sämtlichen Berufsverlaufsmustern ein höheres Einkommen. Sie fanden sich überproportional häufig in den attraktiven und prestigeträchtigen Fachgebieten.
Förderung von Frauen in Wissenschaft und Forschung ist also notwendig. Deutschland- und europaweit erfolgt sie bislang durch folgende Institutionen:
- das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF),
- die Bund-Länder-Kommission (BLK),
- die Europäische Kommission (in welche die Empfehlungen der jeweils zuständigen Ministerien der Mitgliedsstaaten eingehen).
Innerhalb des BMBF ist das Referat „Frauen in Bildung und Forschung“ im Rahmen des Haushaltstitels: „Strategien zur Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Forschung“ zuständig. Das Referat hat die Aufgabe, den Handlungsbedarf in Bildung und Forschung zu erfassen, Chancengleichheit durchgängig in allen Arbeitsfeldern des BMBF durchzusetzen und strategische Maßnahmen und Projekte zu fördern. Es beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen „Gender Mainstreaming“, „Frauen in der Informationsgesellschaft“, „Erweiterung des Berufsspektrums/berufliche Bildung für Frauen“, „Frauen in Hochschule und Studium“ und „Frauen in Forschungseinrichtungen“.
Engagierte Ziele
In dem Programm „Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ vom September 1999 wurde Folgendes festgelegt: eine Steigerung des Frauenanteils auf 40 Prozent beziehungsweise 50 Prozent bei der Internetbeteiligung, an IT- Berufsausbildungen und Erstsemesterbelegung von Informatikstudiengängen sowie an Unternehmensgründungen bis zum Jahr 2005. Zur Umsetzung dieser Ziele wurden durch das BMBF verschiedene Aktionsprogramme initiiert, die Mädchen, weibliche Jugendliche und Erwachsene motivieren sollen, vermehrt Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen zu entwickeln. Außerdem soll durch die Programme der Frauenanteil in wissenschaftlichen Führungspositionen erhöht werden, indem wissenschaftlich tätige Frauen dabei unterstützt werden, durch gezielte Weiterbildung ihre Karrierechancen zu verbessern.
Der im Kontext wiederholt auftauchende englische Begriff „Gender Mainstreaming“ wurde durch die Bundesregierung wie folgt interpretiert: „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt“ (www.gendermainstreaming.net). Gender mainstreaming ist zu einer politischen Zielvorgabe geworden: Mit Kabinettsbeschluss vom 23. Juni 1999 hat die Bundesregierung die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip ihres Handelns anerkannt und beschlossen, die Aufgabe mittels der Strategie des Gender Mainstreaming zu fördern. Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes stellt dabei eine wichtige Rechtsgrundlage für eine aktive Gleichstellungspolitik dar. Hierin wird festgehalten, dass der Staat sich aktiv
um die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung und die Beseitigung bestehender Nachteile bemühen muss.
Die Bund-Länder-Kommission, welche 1970 auf der Basis des Artikels 91b des Grundgesetzes eingerichtet wurde und der 1991 die neuen Bundesländer beitraten, stellt ein Gesprächsforum für Bund und Länder zu Fragen des Bildungswesens und der Forschungsförderung dar. Hier können unabhängig von Gesetzgebungszuständigkeiten Bund und Länder durch Vereinbarungen und Verträge Vorhaben in der Bildungsplanung abstimmen, durchführen und finanzieren. Die Kommission setzt sich aus verschiedenen Vertretern der Bundesregierung und ihren Ministerien sowie aus Vertretern der jeweiligen Landesregierungen zusammen.
Fördermodelle von Bund und Ländern
Zur Umsetzung einer Chancengleichheit von Mädchen und Frauen in Schule, Beruf, Hochschule und außerhochschulischer Forschung wurden im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Bund-Länder-Kommission durch Bund und Länder verschiedene Maßnahmen ergriffen und finanzielle Mittel bereitgestellt. Neben den so genannten BLK-Modellversuchen, die Mädchen in der Schule durch spezifische Lernformen einen besseren Zugang zu den neuen Informationstechnologien eröffnen und im Hochschulbereich bessere Zugangsmöglichkeiten zu entsprechenden Studiengängen verschaffen sollten, wurde Ende der 80er-Jahre der Grundstein für die Hochschulsonderprogramme (HSP) I–III (1989 bis 2000) gelegt. Die Hochschulsonderprogramme wurden zu 58 Prozent durch den Bundeshaushalt und zu 42 Prozent aus den Länderhaushalten finanziert.
Durch die HSP sollten unter anderem nicht nur der wissenschaftliche Nachwuchs und die Entwicklung der Fachhochschulen, sondern auch Frauen in Wissenschaft und Forschung gefördert werden (Umfang der Förderung 102 Millionen Euro). Aufgrund von „Mitnahmeeffekten“ (originäre Aufgaben der Hochschulen, die aus dem Finanzhaushalt des Landes hätten gezahlt werden müssen, wurden aus den HS-Programmen finanziert) und einer fehlenden Evaluation wurden die HSP durch das Hochschul- und Wissenschaftsprogramm (HWP) abgelöst. Diesem steht ein Finanzvolumen von 496 Millionen Euro zur Verfügung, welches zu gleichen Teilen aus dem Bundeshaushalt und aus den Länderhaushalten finanziert wird.
Die Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre wurde nunmehr in Artikel 1 verankert. Als Ziele der Förderung wurden die Überwindung bestehender struktureller Hemmnisse bei der Erreichung von Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre, die Verstärkung der Anteile von Frauen in allen wissenschaftlichen Qualifikationsstufen und bei den jeweiligen Abschlüssen sowie die Erhöhung der Zahl von Frauen in Führungspositionen in Einrichtungen der Forschung und Lehre festgelegt. Zum Gegenstand der Förderung wurden Maßnahmen, die zu einer Qualifizierung für eine Professur oder Promotion führen, Maßnahmen der Frauen- und Gender-Forschung sowie Maßnahmen zur Steigerung des Anteils von Frauen in naturwissenschaftlichen/ technischen Studiengängen vereinbart.
Wissenschaftlerinnen in Mittel- und Osteuropa
Innerhalb der Generaldirektion Forschung der Europäischen Kommission befindet sich die Abteilung „Frauen und Wissenschaft“, die europaweit erhobene Daten zum Thema „Frauen und Wissenschaft“ sammelt, analysiert und veröffentlicht. Darüber hinaus erstellt sie Verzeichnisse von Wissenschaftlerinnen-Netzwerken in Europa (so genannte Netzwerkführer). Zur Analyse der Situation von Wissenschaftlerinnen in Mittel- und Osteuropa sowie den baltischen Staaten wurde eine Expertengruppe „ENWISE“ (Enlarge Women in Science to East) konstituiert. Ihre Aufgabe ist es, nach einer Bestandsaufnahme und Bewertung der beruflichen Situation von Wissenschaftlerinnen den jeweiligen Ländern die notwendige Grundlage zu liefern, politisch aktiv zu werden und im weiteren Zusammenhang mit dem Beitritt in die Europäische Kommission die Gleichstellung von Frauen voranzubringen. Eine weitere Arbeitsgruppe mit dem Namen „Helsinki Group on Women and Science“, die sich 1999 in Helsinki gründete, hat die Aufgabe, die Rolle der Frauen in der Wissenschaft europaweit zu fördern. Die Helsinki-Gruppe sammelt geschlechtsspezifische Statistiken und erstellt so genannte gender sensitive Indikatoren für die Europäische Kommission, um nationalweite statistische Vergleiche zu ermöglichen.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Förderung von Frauen zur Verbesserung ihrer Karrierechancen sinnvoll ist, bleibt zu hinterfragen, ob Frauen, die durch ein Stipendium gefördert werden, gemäß den dafür geltenden Voraussetzungen von ihrer beruflichen Tätigkeit „beurlaubt“ werden müssen. Dies nämlich hat zur Folge, dass die laufende Karriere unterbrochen werden muss und berufliche Erfahrungen für die Zeit der „Beurlaubung“ nicht gesammelt werden können. Neben diesem Nachteil führt der Fortfall des Gehaltes zu einem Einkommensverlust, da die Stipendiengelder, zumindest im medizinischen Bereich, unterhalb des für wissenschaftliche Assistentinnen üblichen Einkommens liegen. Dadurch ergeben sich zum Teil erhebliche Konsequenzen für den Versicherungsstatus (Nichterreichen der Beitragsbemessensgrenze für private Kran­ken­ver­siche­rungen, Unterbrechung der Einzahlung für die Ärzteversorgung [Rentenversicherung] und anderes). Hier erscheint eine Diskussion mit der Fragestellung der Einrichtung „berufsbegleitender“ Stipendien sinnvoll.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 243–246 [Heft 5]

Literatur
1. BMBF (Hrsg.): Berufsbildungsbericht 1999.
2. Hohner HU, Grote S, Hoff EH: Geschlechtsspezifische Berufsverläufe: Unterschiede auf dem Weg nach oben. Dtsch Arztebl 2003; 100: A 166–169 [Heft 4].

Anschriften für die Verfasser:
Dr. med. Julia Seifert
Unfallkrankenhaus Berlin
Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie
Warener Straße 7
12683 Berlin
E-Mail: julia.seifert@ukb.de; und
Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Friedrich-Loeffler-Straße 23b
17487 Greifswald
E-Mail: Seifertj@uni-greifswald.de
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