POLITIK: Kommentar

Körperwelten: Pietätlose Erlebnisanatomie

Dtsch Arztebl 2004; 101(6): A-312 / B-266 / C-258

Korf, Horst-Werner

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Gunther von Hagens nennt seine „Körperwelten“ eine Anatomieausstellung – das wirft Fragen auf: Was ist Anatomie, was treibt ein Anatom? Die Anatomie hat die Aufgabe, die Struktur des menschlichen Körpers zu untersuchen und die Ergebnisse dieser Untersuchungen zu kommunizieren: an Ärzte, Medizinstudierende – und an ein interessiertes Publikum. Kenntnisse der Anatomie sind notwendig, um die Funktionen und Krankheiten des Körpers zu verstehen. Die Anatomie ist daher das Fundament der modernen Medizin; sie ist die Grundlage des ärztlichen Handelns und des biologischen Verständnisses der menschlichen Natur.
Ein Anatom, der an der Verbreitung anatomischen Wissens interessiert ist, müsste die Ausstellung „Körperwelten“ eigentlich begrüßen. Eine tiefere Analyse lässt jedoch nur den einen Schluss zu: die Ausstellung aufs Schärfste abzulehnen. Herr von Hagens verstößt damit eklatant gegen fundamentale inhaltliche Prinzipien und ethische Grundsätze der modernen Anatomie im 21. Jahrhundert.
Wie alle naturwissenschaftlichen Disziplinen muss die Anatomie von der realen Natur ausgehen; sie muss den menschlichen Körper, so wie er ist, analysieren und zu verstehen versuchen, um richtige und sinnvolle Erkenntnisse zu gewinnen. Dies galt und gilt für alle, die Anatomie betreiben, seien es Lernende oder Lehrende. Um reale Erkenntnis zu gewinnen, darf das zu Untersuchende nicht vorab durch Gedanken und Aktionen des Untersuchers oder Betrachters gedreht, gewendet und verzerrt werden. Der Anatom seziert und analysiert objektiv und ohne Voreingenommenheit. Seine anatomischen Betrachtungen bleiben jedoch heute – und das ist der wesentliche Fortschritt gegenüber den anatomischen Theatern vergangener Jahrhunderte – nicht deskriptiv und statisch, sie werden in eine „Anatomie am Lebenden“ umgesetzt. Diese hat nicht nur die jahrhundertealte makroskopische Dimension, sondern dringt weit auf die Ebene einzelner Zellen und Moleküle als den Grundlagen normaler oder gestörter Körperfunktionen vor. Hierdurch wird anatomische Erkenntnis dynamisiert und vermittelt nicht nur deskriptiv und in einer Momentaufnahme die räumliche Dimension eines im Tod erstarrten menschlichen Körpers oder einer einzelnen Zelle, sondern auch – und das ist der wesentliche Erkenntnisgewinn der modernen Anatomie – die zeitliche Dimension lebendiger Funktionen. Insofern ist die „Körperwelten“-Ausstellung unter fachlichen Gesichtspunkten ein alter Hut.
Der makroskopischen und mikroskopischen Anatomie am Lebenden, die letztlich das Ziel aller Anatomen ist, setzt Herr von Hagens seine „Erlebnisanatomie“ in Plastination entgegen und inszeniert die Verstorbenen in Positionen, die Menschen in ihrer Todesstunde kaum einnehmen können. Begründet wird diese Verzerrung damit, dass „Edutainment“, die Verbindung von Erziehung („education“) und Unterhaltung („entertainment“), notwendig sei, um Menschen zum Hinsehen und Lernen zu motivieren.
Nun weiß jeder, der um die Verbreitung und Weitergabe von Wissen bemüht ist, dass die Zuschauer und Zuhörer zu Anfang dieser Wissensvermittlung – in tabula rasa – den zu vermittelnden Inhalten nicht mit der gleichen Begeisterung und dem gleichen Enthusiasmus gegenüberstehen wie diejenigen, die das Wissen abgeben und verbreiten wollen. Didaktische Prinzipien sind deshalb vonnöten. Diese müssen aber dem eigentlichen Anliegen, der Vermittlung von – in diesem Fall – anatomischen (und zellbiologischen!) Sachverhalten dienen und sich ihm selbstlos unterordnen; sie dürfen sich nicht verselbstständigen und eine eigene Botschaft vermitteln, die mit dem eigentlichen Anliegen gar nichts mehr zu tun hat. Die „Erlebnisanatomie“ des Herrn von Hagens ist ein fundamentaler Verstoß gegen diese didaktischen Grundprinzipien. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, und eine gute Show führt nicht zwangsläufig dazu, Inhalte authentisch zu vermitteln.
Zweifellos bewegt sich die anatomische Präparation in einer diffusen Grenzzone zwischen Mensch und Material. Auf der einen Seite ist der lebende Mensch samt seinem Leib, über den er in aller Freiheit als Subjekt selbst verfügen soll und den niemand anderes als er selbst zum Eigentum haben kann. Und auf der anderen Seite ist das fertig gestellte anatomische Präparat, das sehr wohl dazu genutzt wird und genutzt werden darf, um Erkenntnis zu gewinnen und Wissen zu vermitteln. Auf dem Weg des Leibes vom lebenden Körper zur toten Sache ist aber keine scharfe Grenze gezogen. Die Würde des Menschen erlischt nicht mit dem Tode; sowohl sein Andenken als auch sein toter Körper erheben Anspruch auf einen Umgang, den man gemeinhin als „pietätvoll“ bezeichnet. Irgendwo auf dem weiteren Weg wird der Leib dennoch zur Leiche, die, wenn man sie nicht anatomisch bearbeitet, vollends verwesen würde – und der Eingriff des Anatomen, der das verhindert, macht den Körper endgültig zum Objekt und Präparat.
Wo in diesem Kontinuum endet die Verfügungsgewalt des ehemaligen Besitzers des Körpers, wo beginnt der Körper, eine Sache zu sein? Nachdrücklich ist dafür zu plädieren, die Grenze möglichst weit zum Präparat hin vorzuschieben. Denjenigen, die behaupten, dass die Verfügungsgewalt eines Menschen über seinen Körper mit dem Tod ende, dass es also rechtens sei, den Körper einer namenlosen asiatischen Schwangeren samt ihrem Fötus oder den eines hingerichteten chinesischen Menschen für anatomische Zwecke zu verwenden – denen ist entgegenzuhalten, dass es nur ein kleiner Schritt vom Töten wegen eines Verbrechens zum verbrecherischen Töten wegen eines Körpers ist. Die Grenze wurde in Deutschland während des Dritten Reiches sehr oft überschritten. Die Missachtung des Willens der Toten, die nie gefragt wurden, die ethische Beliebigkeit von Hagens’ („andere Länder, andere Sitten“), die vollständige, schnelle und möglichst stillschweigende Verdinglichung und Anonymisierung menschlicher Leichname sind nicht nur pietätlos – vielmehr öffnen sie der Barbarei eine Einbruchspforte in die Welt der Lebenden.
Anatomie ist als medizinische Disziplin ethischen und moralischen Anforderungen unterworfen, wie sie unsere Gesellschaft heute zu Recht an die Ärzteschaft stellt. Die Beziehung zwischen Anatom und Körperspender ist wie diejenige zwischen Arzt und Patient. Aus dieser Grundeinstellung heraus haben die Anatomischen Institute in Deutschland in der Mitte der 60er-Jahre damit begonnen, ihren Bedarf an Körpern und Präparaten durch Spender zu decken, die noch zu Lebzeiten gegenüber den Instituten in Form eines Testamentes ihre Bereitschaft zur Körperspende erklären. Den Spendern bleibt die Verfügungsgewalt bis ins Grab und bis ans Präparat erhalten: Sie können entscheiden, ob Teile ihres Körpers zu Dauerpräparaten gemacht werden; sie können entscheiden, ob ihre Körper vollständig oder in Teilen oder gar nicht beigesetzt werden sollen.
Am allerwichtigsten ist jedoch: Jeder kann frei entscheiden, ob sein Körper überhaupt in die Anatomie gelangen soll. Diese Freiheit galt aber offenbar nicht für alle, deren Körper nun von Herr von Hagens reißerisch vermarktet werden, und die Tatsache, dass er sich selbst die Freiheit nimmt, seinen eigenen Körper (samt Hut) der Plastination zuführen zu wollen, macht die Sache nicht besser. Wir brauchen Anatomie-Kenntnisse – aber keine Körperwelten.

Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf
Geschäftsführender Direktor der
Dr. Senckenbergischen Anatomie
des Fachbereichs Medizin der
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
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