SUPPLEMENT: Reisemagazin

ZÜRICH: Little Big City

Dtsch Arztebl 1996; 93(10): [8]

Dressler, Günther

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Kürzer und treffender hätten Zürichs Touristenwerber ihre Stadt nicht charakterisieren können: Little Big City. Auf gut schweizerisch und frei übersetzt: Kleinstadt von Weltruf. Kein Zweifel: Zürich ist ein Wirtschafts-, Finanz- und Kulturzentrum ersten Ranges, aber die Stadt ist dabei überschaubar, ja fast gemütlich geblieben.


Wo fangen wir an, Zürich zu erkunden? Am Hauptbahnhof, den wir vom Flughafen Zürich-Kloten mit der Schnellbahn in zwölf Minuten erreicht haben. Die Bahnhofstraße. Wappnen Sie sich gegen die geballte Verführung aus hundert Konsumtempeln der Luxusklasse. Schmuck, Uhren, Optik, Mode, Parfümerie, Confiserie: die Edelmarken der Welt versammelt an einem Flanier-Boulevard von 1,6 Kilometer Länge. Zürich à la carte, und sei’s nur zum "Schaufänschterle". Wir suchen zunächst das frühe Zürich, zweigen in Höhe Urania nach links ab in die Altstadt. Rennweg, Fortunagasse, hinauf zum Lindenhof (406 m). Ein stiller Platz mit Panoramablick auf Limmat und LimmatQuai, Groß-münster, Predigerkirche, Universität, Eidgenössische Technische Hochschule, die Zürcher Spitäler, den 605 Meter hohen Dolder (Drahtseilbahnstation).
Die Altstadt ist ein Dorado für Kunst- und Antiquitätensammler, auch für Bücherfreunde. Malerische Gassen, verwinkeltes Fachwerk, lauschige Hinterhöfe, Kopfsteinpflaster, Erker und Efeu – das Klischee ist die Wirklichkeit. Behagliche kleine Gaststätten laden zur Verschnaufpause ein; probieren Sie im Café Schober, Napfgasse 4 (unweit des Groß-münsters), die hausgemachte heiße Chocolade ("Milch vom eigenen Bauernhof") und eine der leckeren Pasteten. Mitbringsel von dort: Zürcher Honig-Tirggel.
Quizfrage: Wo schlägt uns die Stunde von Europas größter Turmuhr? Richtig, in Zürich. Vom Turm von St. Peter in der Altstadt. Das Zifferblatt mißt 8,7 Meter, die Zeiger sind 6 und 4 Meter lang. (Und wo finden wir der Welt kleinste Uhr? In Zürich, ganz recht, im Museum der Zeitmessung Beyer, Bahnhofstraße 31. Eine rechteckige Jaeger-Le Coultre, 4,85 x 14 mm, bestehend aus 74 Teilen. Auch der Welt flachste Uhr ist dort zu bewundern, ein Taschenchronometer mit nur 1,2 mm dickem Werk.)
Von der Peterskirche spazieren wir hinüber zum Fraumünster. Im Chor ein Zauber in Farbe: drei hohe Glasfenster von Marc Chagall. Wir wechseln über die Limmat auf die östliche Seite der Altstadt, betreten das Großmünster, eine Stiftung Karls des Großen. Von puritanischer Strenge das Kircheninnere, in der romanischen Krypta eine mächtige Statue des Karolingers, kriegerisch gewandet, das Schwert auf den Knien.
Zürich hat 37 Museen, einige mit außergewöhnlichen Sammlungen. Wir folgen der Empfehlung unserer Stadtführerin und gehen ins Zunfthaus zur Meisen, Münsterhof 20. "So etwas Schönes werden Sie nicht oft zu sehen bekommen." Das um 1750 erbaute Haus beherbergt in mit Stuck reich verzierten Räumen eine erlesene Sammlung importierter Fayencen sowie Geschirr aus schweizerischen Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts. Wir bleiben beim Thema und besuchen als nächstes das Wohnmuseum Bärengasse (Eingang Basteiplatz). Zwei frühere Wohnhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind 1972 um 60 Meter an ihren heutigen Standort verschoben und zum Museum umgestaltet worden. Ein Spaziergang in die Zeit der Spätrenaissance und des Biedermeiers, Interieurs aus Zürcher Wohnhäusern jener Epochen, authentisch und liebevoll angeordnet bis ins Detail. Im Untergeschoß befindet sich das Puppenmuseum Sasha Morgenthaler.
Zürichs Bahnhofstraße endet am Bürklinplatz mit großer Bühne: Postkarten-Ausblick auf den Zürichsee, der sich nach Süden sichelförmig in die liebliche Hügellandschaft ausdehnt. "Chumm mit – uf em See häsch de Plausch!" wirbt die Schiffahrtgesellschaft für Rund-, Lunch- und Tanzfahrten. Na denn, mit unserer Tageskarte an Bord der "MS Limmat". Es geht am östlichen Ufer, der "Goldküste", entlang; hier wohnt das ganz große Geld. Zürichhorn, Zollikon, Küsnacht, Erlenbach, Herrliberg, Meilen – hinüber zur Halbinsel Au. Wir gehen von Bord, wandern ein Stück hügelan und erreichen den traumhaft gelegenen Landgasthof Au. Philippe Keller, Chef des Hauses, macht uns in seiner "Au Zytig" Appetit: "Für den verwöhnten Gaumen finden Sie bei uns leckere Grilladen, Schlemmereien vom See und viele weitere Köstlichkeiten." Der Fisch ist wirklich gut, auch der Clevner dazu, ein halbtrockener Weißwein aus nächster Nachbarschaft.
Zürich am Abend – die Qual der Wahl. Was Kunst und Unterhaltung angeht, entwickelt "Little Big City" erstaunlichen Ehrgeiz. Klassische Musik, Neue Musik, Jazz? Da kann Ihnen nur noch "zürich next", das Quartalsmagazin in Sachen Kultur, die rechten Wege weisen. Oper, Ballett, Schauspiel, Cabaret, Varieté, Musiktheater? Wählen Sie zwischen Opernhaus und Roter Fabrik bitte unter vierzehn Adressen. Und Zürich hat außerdem auch noch nicht weniger als 51 Lichtspielhäuser.
Als wir in Kloten zum Heimflug einchecken, fällt uns noch einmal der Slogan ins Auge: "Zürich – Little Big City". Ein bißchen kokett klingt das schon, aber: Die Sache trifft’s. Günther Dressler


Tourist Information, Hotelzimmer-Reservierung, Stadtführungen: Verkehrsverein Zürich, Bahnhofbrücke 1, CH-8023 Zürich, Telefon 0 04 11/211 11 31, Fax 212 01 41.
Der besondere Hoteltip: Acht historische Privathäuser, aufs sorgfältigste restauriert und zum "kleinen Luxushotel Zürichs" verbunden: 42 Zimmer, 7 Suiten, 3 Restaurants, Garten, Bibliothek, Garage. Hotel Widder, Rennweg 7, CH-8001 Zürich, Telefon 0 04 11/224 25 26, Fax 224 24 24.
Schlemmen Sie am See: Das neugestaltete Restaurant Sixty One mit Aussichtsterrasse zum Zürichsee pflegt eine vielgelobte, am italienischen Angebot orientierte Küche. Mythenquai 61, CH-8002 Zürich, Telefon 0 04 11/4 61 61 00.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote