VARIA: Geschichte der Medizin

Davos/Schweiz: Alexander Spengler – Pionier der Klimatherapie

Dtsch Arztebl 2004; 101(6): A-357 / B-304 / C-297

Bruck, Birte vom

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Dr. Alexander Spengler, um 1853
Dr. Alexander Spengler, um 1853
Vor 150 Jahren kam der deutsche Arzt Alexander Spengler nach Davos. Er war es, der die entlegene Landgemeinde als Luftkurort weltbekannt machte.

Davos, im Kanton Graubünden im Landwassertal gelegen, rangiert ganz oben auf der Liste der beliebtesten Touristen- und Kurorte im Land der Eidgenossen. Dass die einst kleine, unbekannte Gemeinde überhaupt Kurort und dazu weltberühmt wurde, verdankt sie einem Deutschen: Dr. med. Alexander Spengler. In die Schweiz kam der junge Spengler zunächst wider Willen – als politischer Flüchtling. 1848 hatte der Jurastudent in seiner Heimatstadt Mannheim an der Märzrevolution teilgenommen. Als diese scheiterte, musste er fliehen. Von den 11 000 deutschen Flüchtlingen dieser Zeit durften nur 500 in der Schweiz bleiben, unter ihnen Alexander Spengler, der sich an der Universität Zürich für das Fach Medizin einschrieb.
Im Jahr 1853, mit der Approbation als Arzt in der Tasche, begab sich der 26-Jährige auf Stellensuche. In der entlegenen Gemeinde Davos wurde er fündig. Seit Jahren war dort die Stelle des Landarztes vakant. Als er sich vor 150 Jahren in die Einöde des Hochgebirgstals aufmachte, wusste Alexander Spengler, dass seine Arbeit in dem kargen Berg-
bauerndorf entsagungsreich werden würde. Dass sie Davos zu Weltruhm verhelfen würde, davon ahnten weder er noch die Davoser etwas.
Schnell fiel dem jungen Deutschen auf, dass kein Bewohner des Hochtals an der gefürchteten Tuberkulose litt. In vielen Orten in Europa raffte die Seuche jährlich Zehntausende Menschen hinweg. Spengler erklärte das besondere Hochgebirgsklima für das Ausbleiben der Lungenschwindsucht in Davos verantwortlich und diskutierte dies ausgiebig mit Fachkollegen im In- und Ausland. Auf diese Weise verbreitete er die Kunde vom gesunden Davoser Höhenklima in ganz Euro-
pa. Bereits 1860 öffnete die erste Fremdenpension für Kurgäste in dem Bauerndorf.
Bei der Behandlung der Tuberkulose verzeichnete Alexander Spengler mit seinen Davoser Liegekuren beachtliche Erfolge. Jeden Morgen wurden die Patienten in ihren aus einem speziellen Rattanrohr geflochtenen, mit Fellen belegten Liegebetten auf die großen hölzernen Balkone zur Südseite geschoben.
Die kleine Gemeinde wurde als Luftkurort immer bekannter. Erste Kurkliniken und Sanatorien, in denen speziell Erkrankungen der Atemwege behandelt wurden, entstanden. In Schweizer Großstädten gab es sogar Fabriken, die firmeneigene Lungen-Sanatorien in Davos betrieben.
Refugium für Thomas Mann
Kranke aus ganz Europa suchten hier Heilung, unter ihnen viele gekrönte Häupter und Träger bekannter Namen. Thomas Mann hatte 1912 als Gesunder in Davos nur einen Besuch abstatten wollen. Seine Frau Katia hatte sich, an einem Lungenspitzenkatarrh leidend, für sechs Monate ins Waldsanatorium von Prof. Jessen in Davos Platz zurückgezogen. Dort suchte ihr Gatte sie auf, leistete ihr bei den Liegekuren Gesellschaft und erkältete sich. Eine Untersuchung ergab, genau wie er es später bei seinem Roman-Helden Hans Castorp beschreibt, eine „Dämpfung“ an seiner Lunge. Statt des von den Ärzten empfohlenen halbjährigen Sanatoriumaufenthalts blieb Mann lediglich drei Wochen.
Waldsanatorium um 1920 Fotos: Dokumentationsbibliothek Davos
Waldsanatorium um 1920 Fotos: Dokumentationsbibliothek Davos
Doch offensichtlich reichte die Zeit aus, um Abläufe und Atmosphäre der Waldklinik nachhaltig in sich aufzunehmen. Sie bildeten die Grundlage seines Romans „Der Zauberberg“, den er 1924, zwölf Jahre nach seinem Besuch in Davos, veröffentlichte.
Anders als so viele der alten Lungenheilkliniken wurde das Waldsanatorium nicht abgerissen. Es steht auf der Schatzalp oberhalb von Davos Platz. Mehr als 90 Jahre nach Thomas Manns Besuch kann man sich dort immer noch einmieten, denn aus dem Sanatorium des Prof. Jessen wurde 1957 das „Waldhotel Bellevue“. Das Hotel ist immer noch im Besitz derselben Familie, die es 1911 erbaute.
Birte vom Bruck

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