ArchivDÄ-TitelSupplement: SUPPLEMENT: Bedarfsplanung 1/1996Drei Jahre Zulassungsbeschränkungen: Noch 28 Prozent aller Planungsbereiche offen

SUPPLEMENT: Bedarfsplanung

Drei Jahre Zulassungsbeschränkungen: Noch 28 Prozent aller Planungsbereiche offen

Dtsch Arztebl 1996; 93(15): [3]

Möllmann, Sabine; Thust, Wolfdieter

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LNSLNS Drei Jahre nach dem Inkrafttreten der Bedarfsplanungsregelungen aufgrund des Gesundheitsstrukturgesetzes gibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung erneut Informationen zum Stand der kassenärztlichen Versorgung im Bundesgebiet. Dabei können die wesentlichen Entwicklungen des Jahres 1995 in folgenden vier Punkten zusammengefaßt werden:
l Die Netto-Zuwachsrate war mit 1,2 Prozent vergleichsweise moderat.
l Die Zahl der Praxisaufgaben sowie der Anteil der jüngeren Ärzte an den Praxisaufgaben war erneut überdurchschnittlich hoch.
l Die Zahl der Allgemeinärzte und Praktischen Ärzte ist erneut zurückgegangen bei deutlichem Anstieg der Facharztzahlen.
l Nur noch 28 Prozent aller Planungsbereiche sind offen, wobei regionale und Arztgruppenbezogene Unterschiede zu berücksichtigen sind.
Im Jahr 1995 war mit + 1,2 Prozent der niedrigste Netto-Zugang an Vertragsärzten seit 24 Jahren festzustellen. Dies war damit deutlich weniger als der durchschnittliche Netto-Zugang von 2,8 Prozent in den 10 Jahren vor dem Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes (1982 bis 1992). Nach einem Netto-Zugang von 1,6 Prozent im Jahre 1994 war 1995 somit bereits das zweite Jahr in Folge mit unterdurchschnittlichem Zuwachs der Kassenarztzahlen. Addiert man dagegen die Netto-Zugänge in den drei Jahren nach Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes, so ergibt sich aufgrund des exorbitanten Zuwachses im Jahr 1993 doch noch ein überdurchschnittlicher Netto-Zuwachs in Höhe von 4,2 Prozent.
Der Netto-Zuwachs von 1,2 Prozent im Jahr 1995 setzt sich aus zwei unterschiedlichen Komponenten zusammen: l Der Brutto-Zugang war mit 3 120 Ärztinnen und Ärzten (alte Bundesländer) im langjährigen Mittel leicht unterdurchschnittlich, im Hinblick auf den Fachärzte-Zugang mit 4,4 Prozent jedoch durchaus bereits wieder im langjährigen Mittel.
l Der per Saldo unterdurchschnittliche Netto-Zugang resultiert im wesentlichen aus der überraschend großen Zahl an Abgängen, die mit 2 180 Ärztinnen und Ärzten nochmals um 100 über den Abgängen von 1994 lagen. Dabei wiederholte sich der beunruhigende Trend des Vorjahres, daß nämlich mehr als 50 Prozent der Abgänge auf Ärzte in der Altersgruppe unter 60 Jahren entfielen. Dies legt erneut den Schluß nahe, daß es sich hierbei teilweise um Praxisaufgaben aus ökonomischen Gründen handelt. Im Gegensatz zu der Entwicklung im Jahr 1994 ist dies möglicherweise nicht mehr ohne weiteres auf die "übereilten Praxisgründungen" im Jahr 1993, sondern auf tieferliegende strukturell-ökonomische Gründe der kassenärztlichen Tätigkeit zurückzuführen.
Unter der Annahme, daß die aufgegebenen Praxen im Regelfall von neu niedergelassenen Kassenärzten übernommen wurden, kann der Netto-Zugang von rund 1 100 Ärztinnen und Ärzten im wesentlichen mit der Zahl der erstmals in der Praxis tätigen Kassenärzte gleichgesetzt werden. Von diesen 1 100 Kassenärzten wurden allerdings 300 über den qualitätsbezogenen Sonderbedarf gemäß Nr. 24 der BedarfsplanungsRichtlinien-Ärzte (z. B. ambulantes Operieren, fachinternistische Bereiche) zugelassen. Somit verbleiben nur rund 800 Kassenärzte, die durch ihre Neu-Zulassung in bis dahin offenen Planungsbereichen den Rückgang der Anzahl der noch offenen Planungsbereiche im Jahr 1995 von 35 Prozent auf ca. 28 Prozent bewirkt haben (Tabelle 2).
Schlüsselt man die bundesweite Netto-Zuwachsrate von 1,2 Prozent hinsichtlich der Allgemeinärzte/Praktischen Ärzte einerseits und der übrigen Fachärzte andererseits auf, so zeigt sich, daß die Zahl der Allgemeinärzte und Praktischen Ärzte nochmals um 0,2 Prozent zurückgegangen ist, während demgegenüber die Zahl der Fachärzte abermals um rund 2 Prozent zugenommen hat. Da auch die Zahl der Internisten und Kinderärzte im Jahr 1995 deutlich unterdurchschnittlich gewachsen ist, hat der Anteil der hausärztlich tätigen Kassenärzte im Jahr 1995 weiter abgenommen und liegt nunmehr bei 57 Prozent.
Auch im Hinblick auf diejenigen Arztgruppen, die nicht der Bedarfsplanung unterliegen (z. B. Anästhesisten, psychotherapeutisch tätige Ärzte), hat sich der Trend des Jahres 1994 bestätigt: Während die der Bedarfsplanung unterliegenden Arztgruppen mit Werten von –0,2 Prozent (Allgemeinärzte und Praktische Ärzte) bis +2,9 Prozent (Hautärzte) noch relativ moderat gestiegen sind, hat die Zahl der Neu-Zulassungen bei den nicht der Bedarfsplanung unterliegenden Arztgruppen kräftig zugenommen – bei den Anästhesisten um 10,3 Prozent und bei den psychotherapeutisch tätigen Ärzten immerhin noch um 7,5 Prozent.
Die Gebietsreform in den neuen Bundesländern hat zu erheblichen rechnerischen Problemen im Bereich der Bedarfsplanung geführt. So entsprechen die Planungsbereiche nunmehr den amtlichen Stadt- und Landkreisen in den neuen Bundesländern. Damit ist die Zahl der Planungsbereiche um 99 zurückgegangen, und zwar von 215 auf 116. Im gesamten Bundesgebiet gibt es damit 466 Planungsbereiche. Im Hinblick auf die neuen Bundesländer ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Definition der Planungsbereiche aufgrund einer Reihe von Klagen von Gemeinden der neuen Bundesländer gegen die Gebietsreform immer noch nicht endgültig ist. Die in Tabelle 2 aufgeführte Zahl der offenen Planungsbereiche basiert allerdings auf den Ergebnissen der Gebeitsreform in den neuen Bundesländern.
Bei der Analyse der Ergebnisse zeigt sich, daß die Anzahl der noch offenen Planungsbereiche von 34,7 Prozent Ende 1994 auf 28,4 Prozent Ende 1995 zurückgegangen ist . Die Spanne der offenen Planungsbereiche reicht hier von nur noch 13 Prozent in der Fachgruppe der Chirurgen bis zu 36 Prozent bei den Orthopäden. Daneben ergeben sich auch regionale Unterschiede: Während etwa in Niedersachsen noch ein vergleichsweise großer Anteil der Planungsbereiche in den verschiedenen Fachgebieten offen ist, trifft dies etwa für Hamburg nicht zu. Dort gibt es für acht von zwölf der Bedarfsplanung unterworfenen Fachgebiete keine Möglichkeit der PraxisNeugründung mehr. Im Falle der Chirurgie erscheint dies als besonders dramatisch, da hier in 9 von 23 Kassenärztlichen Vereinigungen keine Zulassungsmöglichkeiten mehr bestehen. Allerdings kann jedoch gerade im Fall der Chirurgie ein Sonderbedarf aufgrund von Nr. 24 der Bedarfsplanungs-Richtlinien-Ärzte des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen geltend gemacht werden. Zusammenfassend ist festzustellen, daß derzeit in rund 72 Prozent aller Planungsbereiche im Bundesgebiet eine Neuzulassung von Kassenärzten in den 12 von der Bedarfsplanung betroffenen Gebietsarztgruppen nicht möglich ist, es sei denn, daß, l die Zulassung als Nachfolger eines ausgeschiedenen Praxisinhabers erfolgt oder
l ein Sonderbedarf nach Nr. 24 der Bedarfsplanungs-Richtlinien-Ärzte des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen (z. B. Gemeinschaftspraxis für ambulante Operationen) vorliegt.
Mehr als jemals zuvor wird künftig die Frage der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit einer PraxisNeugründung die Niederlassungsplanung bestimmen. Es bleibt daher offen, inwieweit unter diesem Aspekt die im Grundsatz noch möglichen Zulassungen in offenen Planungsbereichen auch ökonomisch vertretbar sind.
Erfreulicherweise haben aber die zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen im Zusammenhang mit der Praxis-Neugründung noch nicht zu einem "Rückstau" in Form von deutlich steigenden Zahlen an arbeitslosen Ärzten geführt. Aufgrund der unverändert hohen Zahl an nachrückenden Ärzten – insbesondere Fachärzten – kann jedoch nicht prognostiziert werden, wie lange sich dieser Trend noch halten läßt.
Aus diesem Grunde sind die Überlegungen im Zusammenhang mit der zum 1. 1. 1999 gesetzlich intendierten Neuregelung der Bedarfsplanung von besonderem Interesse. Hier scheint sich das Modell einer künftigen Bedarfsplanung aufgrund von "Versorgungssitzen" in der gesundheitspolitischen Diskussion zu behaupten. Bereits im Rahmen der derzeit anstehenden dritten Stufe der Gessundheitsreform werden weitere Flexibilisierungen der Bedarfsplanung diskutiert, insbesondere eine Form des "Job-Sharing" unter Kassenärzten, die es ermöglichen würde, bei freiwilliger Beschränkung des abgerechneten Punktzahlvolumens einen Kassenarztsitz auf zwei teilzeitig tätige Kassenärzte aufzugliedern.


Dr. Wolfdieter Thust
Dipl.-Volksw. Sabine Möllmann
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herbert-Lewin-Straße 5
50931 Köln

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