SUPPLEMENT: Reisemagazin

IRLAND: Leben über Ruinen

Dtsch Arztebl 1996; 93(18): [10]

Burkart, Günter

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LNSLNS Von fünf Millionen Iren (einschließlich Nordirland) wohnen etwa eine Million in Dublin, 300 000 in Belfast und 127 000 in Cork; damit ist die Liste der Großstädte schon zu Ende. Zahlen und Fakten, die man überall nachschlagen kann – aber was sie bedeuten, wie sie die Landschaft und ihr Volk geprägt haben, das muß man doch sehen, erleben, erfahren. Bei der Ankunft in Dublin und einer ersten Rundfahrt merkt man davon noch nichts. Ein Flughafen, hübsche Blumenbeete (in diesem Jahr zwei Wochen vor Ostern viel weiter als selbst im milden Rheinland), Großstadtverkehr, Stau (Linksfahren beachten!), alte Gebäude, neue Gebäude – und dann geht einem doch schon etwas auf. Die Hauptstadt der durch und durch katholischen Republik Irland hat nur eine katholische Kathedrale, aber nicht weniger als drei "CI"- Kathedralen. Das ist die Church of Ireland, der irische Zweig der Anglikanischen Kirche, die jahrhundertelang den Iren aufgezwungen wurde. Man wird es später oft in den Kleinstädten und Dörfern bemerken: die Kirche der großen Mehrheit, der Katholiken, hat das kleinere und ärmlichere Gebäude.
Noch einmal ein paar Zahlen: Man rechnet damit, daß während der großen Hungersnot in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mindestens drei Millionen Menschen starben oder auswanderten. Das heißt: Irland verlor auf einen Schlag fast die Hälfte seiner damaligen Bevölkerung! Die vielen zerfallenen und zerfallenden leeren Wohnhäuser erinnern überall daran.
Nun muß aber von anderen Ruinen und Gebäuden die Rede sein, von Orten wie Glendalough, Monasterboice oder Clonmacnoise.
Nehmen wir Clonmacnoise. Es liegt am Shannon, fast genau in der geographischen Mitte Irlands, und ist eines der eindrucksvollsten Relikte aus der Zeit des frühen Christentums. Gegründet wurde es am Anfang des 6. Jahrhunderts von dem Mönch Ciaran, der vorher auf einer ein Stück nördlich im Loch Ree gelegenen Insel in einem Kloster gelebt hatte. Man weiß nicht, warum er sie verließ. Die Legende berichtet, er habe dem Landbesitzer von Clonmacnoise versprochen, er würde König werden, wenn er Ciaran das Grundstück am Shannon überließe – er wurde tatsächlich König. Und Clonmacnoise wurde eine Klosterstadt und Universität, deren Bedeutung schon kurze Zeit später weit über Irland hinausging. Zum Beispiel hat der Minister und Vertraute Kaiser Karls des Großen, Alkuin, in Clonmacnoise studiert.
An den Ruinen und der erhaltenen gebliebenen Umfassungsmauer kann man noch heute die Größe der Anlage erkennen. Es muß eine richtige Stadt gewesen sein – die Mönche lebten damals in einzelnen Häusern oder Hütten –, mit Werkstätten, Krankenhaus, Gästehäusern und natürlich sakralen Gebäuden. In diesen Klöstern entstanden unter anderem jene einzigartigen Beispiele irischer früher Buchmalerei, wie sie noch in den Museen von Dublin zu sehen sind. Und wehrhaft waren diese Mönche auch, sie mußten es sein: Clonmacnoise wurde von Wikingern und Normannen immer wieder angegriffen. Aus jener Zeit stammen die Rundtürme, die man in vielen Klosteranlagen findet. Mit ihren hoch über dem Erdboden gelegenen Eingangstüren waren sie die Fluchtburgen der Mönche. Erst Cromwells Soldaten sollen die Technik entwickelt haben, brennendes Holz in die Einstiegtüren zu werfen oder zu schießen, und dann brannten natürlich die Holztreppen und Zwischenböden in den Türmen wie Zunder, denn sie wirkten ja dann als Schornsteine . . .
Die durch und durch liebenswürdigen Iren leben aber durchaus im Heute, trotz ihrer vielen Ruinen, der vielen Demütigungen in ihrer Geschichte und ihrer Arbeitslosigkeit (20 Prozent!): Elektronik ist jetzt einer der wichtigsten Industriezweige; Tourismus als Industriezweig ist weit entwickelt; und daß Torf für die Stromerzeugung verwendet wird, gilt nicht als veraltet, im Gegenteil.
Und wo sonst kann es einem passieren, daß der 62-jährige Reiseleiter plötzlich sagt: "Die nächsten paar Kilometer sind etwas langweilig; ich singe Euch mal eine unserer Balladen vor" – 30 Strophen, auf gälisch! Gb


In Dublin’s fair city,
Where the girls are so pretty,
I first set my eyes on sweet Molly Malone,
As she wheels her wheel-barrow
Through streets broad and narrow
Crying "Cockles and Mussels, Alive, Alive Oh!"


Irische Fremdenverkehrszentrale, Untermainanlage 7, 60329 Frankfurt/Main, Tel 0 69/23 33 41, Fax 23 46 26. – Studienreisen, unter anderem auch für Volkshochschulen oder Kirchengemeinden, veranstaltet Conti-Reisen, Köln (Telefon 02 21/87 20 26, Fax 87 20 29). Für zehntägige Rundreisen mit dem Besuch zahlreicher landschaftlicher und kulturgeschichtlicher Höhepunkte ab 24. Mai und ab 14. Juni bestehen noch Buchungsmöglichkeiten. Ein weiterer Termin: 24. September bis 3. Oktober 1996.

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