SUPPLEMENT: Reisemagazin

KANALINSELN: Grüne Landschaft im blauen Meer

Dtsch Arztebl 1996; 93(18): [12]

Brauer, Katharina

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LNSLNS "Discover the secret – entdecken Sie das Geheimnis" – so werben in diesem Frühjahr Plakate in der Londoner U-Bahn für Guernsey, eine der fünf Kanalinseln. Was ihren geheimnisvollen Zauber ausmacht, hat ihr berühmtester Bewohner, Victor Hugo, der hier von 1855 bis 1870 im Exil lebte, auf den Punkt gebracht: "Die Kanalinseln sind ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde." Dies äußert sich bis heute in der faszinierenden Mischung beider Kulturen. Lebensart und Ortsnamen sind französisch, Sprache und Stilbewußtsein jedoch "very british". Frisches Baguette, Patisserie und französischer Rotwein, ausgeschenkt zu streng geregelten Pub-Öffnungszeiten (Mo.–Sa. von 10 bis 23 Uhr), Linksverkehr und englische Waren und Zeitungen.
Ohne Fremdsprachenkenntnisse und Paß mediterranes Klima, Palmen und kilometerlange Sandstrände genießen zu können, macht die Kanalinseln zur beliebten Destination für Engländer, die darüber staunen, daß die vertrauten Doppeldeckerbusse und Briefkästen hier nicht rot, sondern blau sind und Pfund-Noten und Briefmarken eigene Prägung haben. Günstige Einkaufsmöglichkeiten und eine erschwingliche Gourmet-Gastronomie ziehen immer mehr Urlauber auch aus Deutschland an. Nicht wenige von ihnen sind Veteranen, die hier während der deutschen Besatzung von Juni 1940 bis Mai 1945 stationiert waren und nun im German Occupation Museum ein Stück ihrer Biographie dokumentiert finden. Als Wachtürme gegen Angriffe aus Frankreich fungierten die sogenannten Martello-Türme, 1778 errichtete Rundbauten; zwei von ihnen kann ich durchs Fenster des Pembroke Bay-Hotels an der nördlichen Bucht von Guernsey sehen. Wie riesige Pilze erheben sie sich überall am Horizont und nehmen sich gegen die spitzen Türme der mittelalterlichen Parish Churches, die im flachen Inselinneren ins Auge stechen, monumental aus. Als ich mit dem Auto an endlosen Golfplätzen vorbei das von Narzissen gesäumte Sträßchen ins nahe gelegene St. Peter Port fahre, staune ich über die zum Vorabend völlig veränderte Szenerie: 15 Meter macht die Tide aus, so daß sich der Strand über Nacht unendlich ausgedehnt zu haben scheint. Nach 45 Minuten Bootsfahrt erreiche ich Sark, den "Augapfel der Kanalinseln", wie der viktorianische Dichter Algernon Charles Swinburne sie liebevoll nannte. Er war bei seinem ersten Besuch 1876 so beeindruckt, daß er immer wieder zurückkehrte und der nur 6 mal 2 km großen Insel mehrere Gedichte widmete. Seine Begeisterung ist mir nachvollziehbar, denn da auf der Insel keine Autos zugelassen sind, fühlt man sich ins letzte Jahrhundert zurückversetzt. Wer an der Anlegestelle La Maseline das Boot verläßt und einen Felstunnel durchquert hat, kann zwar einen Traktor-Service in Anspruch nehmen, um den steilen Weg zum Inselplateau zu erreichen; danach jedoch muß Sark per pedes, Fahrrad oder – für Romantiker – Kutsche erschlossen werden. Ein "Aufwand", der durch Ruhe und eine unberührte wildwüchsige Natur mit grandiosen Ausblicken über ginster- und hyazinthenbewachsene Felsklippen mehr als belohnt wird. Einzigartig ist Sark vor allem jedoch als letzter Feudalstaat Europas, der vom jetzigen Seigneur, Michael Beaumont, mit Unterstützung von zwölf demokratisch gewählten Vertretern regiert wird. Seit 1730 wohnt der jeweilige Herrscher der Insel im Herrenhaus La Seigneurie, das an der Stelle eines Klosters aus dem 6. Jahrhundert entstand und dessen exotischer Garten zu einem Spaziergang einlädt. Es ist verführerisch, in diese Idylle länger als nur einen Tag abzutauchen und sich in einem der zum gemütlichen Hotel umgerüsteten Farmhäuser aus dem 18. Jahrhundert, wie dem "La Moinerie", für zirka 25 Pfund (saisonabhängige Tarife) einzuquartieren.
Ich entscheide mich für die Rückfahrt nach Guernsey, um von hier aus am nächsten Tag Alderney, der nördlichsten Kanalinsel, einen Besuch abzustatten. Ihr französischer Name ist Aurigny, und so heißt auch die Fluglinie, die mich in einer winzigen knallgelben Trislander auf die nur 15 km2 große Insel bringt. Der 1935 eröffnete Flughafen ist der älteste der Kanalinseln, denn die beiden gefährlichen Riffs "The Swing" und "The Race" vor der Nordostküste machen die Anfahrt von Passagierschiffen unmöglich, so daß der kleine pittoreske Hafen gern als "Lieferanteneingang" bezeichnet wird. Mein erstes Ziel ist der 32 Meter hohe Leuchtturm, der einen herrlichen Ausblick über die gesamte Insel bietet. Karg, wild und dünn besiedelt ist das Panorama – augenfällig auch hier die gigantischen Festungsanlagen und Bunker, errichtet oft aus dem Baumaterial prähistorischer Begräbnisstätten. An ein Konzentrationslager, das die Nazis hier unterhielten, erinnert eine Gedenktafel im Zentrum der Insel. So bewegt die Geschichte Alderneys gewesen sein mag, so sehr ist die Insel jetzt ein Ort der Ruhe und des Friedens, der vielen – so bereits der hier mysteriös ums Leben gekommenen Laura Asheley – als Refugium dient. Die nur 2 400 Bewohner, die überwiegend im kopfsteingepflasterten Hauptstädtchen St. Anne leben, sind gastfreundlich und lebenslustig: In den immerhin 30 Vereinen können "visitors", wie Touristen hier heißen, Tagesmitglied werden, und in den Pubs wird länger und mehr getrunken als anderswo.
Wer jedoch Exklusivität und Glamour sucht, sollte lieber nach Jersey fahren, seit den 30er Jahren ein klassisches "Honeymoon"-Ziel mit eleganten Hotels und gepflegten Strandpromenaden. 84 000 Bewohner und stolze 660 000 Touristen pro Jahr (23 500 aus Deutschland) haben eine Betriebsamkeit auf die Insel gebracht, die sich vor allem im Straßenverkehr bemerkbar macht. Am Flughafen, dem inzwischen auch ein Blinklicht auf dem höchsten Kirchturm von St. Peter Tribut zollt, sollte man sich deshalb gleich einen zu günstigen Konditionen erhältlichen Leihwagen nehmen, um die abgelegenen Attraktionen der Insel bequem erreichen zu können. Denn Jersey bietet auf 116 km2 vielfältige Sehenswürdigkeiten, von denen Parish Churches und Befestigungsanlagen nach dem Besuch der anderen Inseln sicher die weniger spektakulären sind. Einmalig hingegen sind die Naturphänomene – seien dies nun der 11 km lange Strand im Westen der Insel, steile, wild zerklüftete Klippen im Norden oder endlos anmutende Narzissenfelder. Den nachhaltigsten Eindruck jedoch hinterläßt der Jersey Zoo, dem der Wildlife Preservation Trust angeschlossen ist. Gegründet vor 30 Jahren von Gerald Durell und von der Öffentlichkeit finanziert, hat der Zoo mittlerweile ein weltweit einmaliges Zuchtprogramm für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Enge Käfige mit apathischen Tieren kennt man nicht im Jersey Zoo, der in einem zehn Hektar großen Park hinreichend Platz für ein erfülltes Tierleben bietet. Katharina Brauer
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