ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2004Selbstmotivation: Innere Anreize setzen

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Selbstmotivation: Innere Anreize setzen

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Eberhard Hahne [m]
Foto: Eberhard Hahne [m]
Wer Medizin studiert, ist hoch motiviert. Er will Menschen helfen und Neues entdecken. Oft erhofft er sich auch Ruhm, Dankbarkeit, Karriere, ein gutes Einkommen und einen angesehenen sozialen Status. Doch schon in den ersten Semestern des Medizinstudiums beginnen die Träume zu bröckeln. Man muss sich mit Naturwissenschaften befassen, Leichen sezieren und lateinische Fachbegriffe büffeln. Das ist nicht jedermanns Sache. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln brechen acht Prozent der Medizinstudenten das Studium vorzeitig ab.
In den ersten Berufsjahren als Assistenzarzt oder spätestens als niedergelassener Arzt schwinden dann oft auch die letzten Illusionen dahin. Überstunden, Bereitschaftsdienst, Unterbezahlung, Verschuldung und Konkurrenzdruck drücken die Motivation. Doch nicht nur Ärztinnen und Ärzte klagen über Motivationsprobleme: Einer aktuellen Studie des Gallup-Instituts in Potsdam zufolge engagieren sich nur zwölf Prozent der deutschen Arbeitnehmer in ihrem Job. 70 Prozent machen hingegen Dienst nach Vorschrift, und 18 Prozent haben bereits innerlich gekündigt.
Wie kann man sich die berufliche Motivation dauerhaft erhalten oder ihr wieder neuen Schwung geben? Auf äußere Anreize wie gute Bezahlung und einen extravaganten Lebensstil sollten Jungmediziner zumindest in den ersten Berufsjahren nicht spekulieren. Sinnvoller ist es, auf innere Anreize zu setzen.
Der amerikanische Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi hat jahrelang gezielt Menschen beobachtet, die Spaß und Freude bei ihrer Tätigkeit empfinden und hoch motiviert sind. Er stellte fest, dass sie ihr Bestes geben, völlig in der Tätigkeit aufgehen und die Welt um sich herum vergessen. Dabei wachsen sie über sich selbst hinaus und sind anschließend stolz, glücklich und zufrieden. Solche Glücksgefühle und Erfolgserlebnisse können sich bei jeder Tätigkeit einstellen. Einen einfachen Zugang bieten Sport oder künstlerische Betätigungen. Csikszentmihalyi nannte diesen selbstvergessenen, hochkonzentrierten und beglükkenden Zustand „Flow“.
Um Flow zu erleben, sind folgende Voraussetzungen nötig: Man sucht sich gezielt realistische Herausforderungen. Man ist überzeugt davon, dass man über die notwendigen Fähigkeiten verfügt. Man weiß, was man tun muss, um sein Ziel zu erreichen. Man konzentriert sich völlig auf sein Tun. Dabei lässt man sich nicht ablenken, hinterfragt die Aktivität nicht und verdrängt Alltag und Sorgen aus dem Bewusstsein. Man weiß oder erfährt, was man richtig oder falsch gemacht hat. Und man hat das Gefühl, völlige Kontrolle über das eigene Tun zu haben. Wenn man diese Voraussetzungen erfüllt, kann man sich sowohl in der Freizeit als auch im Berufsleben sehr gezielt Flowerfahrungen verschaffen und damit die innere Motivation immer wieder ankurbeln oder erhalten.
Mittlerweile hat die Hirnforschung gezeigt, dass Flow auch biologische Grundlagen hat. So konnte beispielsweise der Magdeburger Neurobiologe Henning Scheich unlängst anhand eines Tierexperiments nachweisen, dass Erfolgserlebnisse die Ausschüttung des Hormons Dopamin im Gehirn anregen. Nimmt man vergleichbare Vorgänge im menschlichen Gehirn an, so wird klar, warum Flowerfahrungen motivieren: Flow führt zu Erfolgserlebnissen, regt damit die Dopaminausschüttung an, und die wiederum versetzt in Hochstimmung. „Durch Flowerfahrungen belohnt sich ein Individuum selbst und will aus innerer Motivation heraus immer weitermachen“, erklärt der Bremer Managementtrainer und Unternehmensberater Dr. phil. Gerhard Huhn. Flowerfahrungen können daher auch nicht durch Gewalt, Druck, Manipulation, Strafe oder äußere Anreize erzwungen werden. Huhn rät, sich Herausforderungen und Erfolgserlebnisse nicht nur im Berufsleben, sondern in mehreren Lebensbereichen zu erschließen. Empirische Wirksamkeitsnachweise stehen zwar noch aus – aber einen Versuch ist diese Selbstmotivationsstrategie allemal wert.
Marion Sonnenmoser
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