SUPPLEMENT: Reisemagazin

TÜRKEI: Zu Gast im Zelt

Dtsch Arztebl 1996; 93(18): [16]

Bauer, Hermann

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LNSLNSLNSLNS Ein Ziel unserer Türkei-Reise war neben anderen Höhepunkten auch das Taurus-Gebirge. Meine Frau Ina und ich wollten in Gebieten wandern, die sich weit entfernt vom Massentourismus befinden. Da schien uns die Ala-Dag-Gruppe in der Nähe von Nigde gerade richtig zu sein. In Ürgüp kauften wir noch fehlenden Proviant ein für unsere geplante 3-Tage-Wanderung und fuhren bis zum Ort Chuchurbag, von dessen Obstgärten aus die Gipfel des Antitaurus zum Greifen nahe erscheinen. Von hier aus wanderten wir in etwa drei Stunden bis zum Fuße des Ala-Dag. Auf diesem Hochplateau weideten Schafe. Weiter oben an einem Hang sahen wir vier Nomadenzelte, und etwa 50 Meter davon entfernt plätscherte ein Bach ins Tal. Ein idealer Platz für unser Zeltbasislager, das uns in den nächsten drei Tagen als Ausgangspunkt für interessante Bergwanderungen dienen sollte. Wir bauten in der Nähe der Nomadenzelte unser Zwei-Mann-Zelt auf. Einige Kinder schauten uns dabei neugierig zu. Später standen auch Frauen um uns herum. Sie wollten sehen, wie unser Zelt innen aussieht. Sie blickten hinein und wunderten sich, wie primitiv wir dort hausen mußten.
Wir wollten uns zeitig schlafen legen. Vorher leerten wir aber noch eine Flasche türkischen Weißwein. Obwohl Ina mit mir beim Kauf von drei Flaschen in Ürgüp schimpfte – ich trug sie schließlich auch –, waren wir jetzt beide froh, daß wir ihn dabei hatten.
Nach einer kalten Nacht – wir schliefen sehr gut – brachen wir morgens zu einer Tour auf. Einige Nomaden standen bereits am Bach und wuschen sich. Wir nahmen uns in einer Thermosflasche Wasser vom Bergbach mit. Der Himmel war voller Wolken, es sah nach Regen aus. Es gibt in der Türkei keine Berghütten, aber angelegte Wege, so daß man auf ein Zelt angewiesen ist. Wir marschierten aufwärts. Wie der Berg heißt, der östlich vom Ala-Dag vor uns stand, wußten wir nicht. Da im Mai erst die Schneeschmelze einsetzt und wir Ende Juni unterwegs waren, mußten wir schon bald die ersten Schneefelder überqueren. Die Bergflora aber ist um diese Zeit am schönsten. Die Wege sind steinig und die Gebirgszüge aus Kalkstein nicht bewaldet. Es begegnete uns bei dieser Wanderung kein Mensch. Wir hatten es befürchtet, und es wurde wahr: es regnete plötzlich aus Kübeln. Der Gipfel war noch weit entfernt. Der Himmel wurde immer dunkler. Wir kehrten um. Durchnäßt – ein Regenumhang half da auch nicht mehr allzu viel – erreichten wir unser kleines Zelt. Wir aßen eine Kleinigkeit und hofften auf Wetterbesserung. Es hörte aber nicht zu regnen auf. Den Reißverschluß vom Zelt hatten wir halb geöffnet und sahen, wie uns zwei Nomadenfrauen zuwinkten, zu ihnen ins Zelt zu kommen. Wir zogen unsere nassen Bergstiefel wieder an und rannten im Regen zu dem oben spitz zulaufenden, unten runden weißen Zelt. Ein Hirtenhund saß vor dem Zelt. Er hatte ein Stacheldrahtgeflecht um seinen Hals, eine Vorsichtsmaßnahme gegen Wölfe. Nur die Männchen tragen diesen sicher lästigen und unbequemen Stacheldraht, denn die Weibchen werden von den Wölfen nicht angegriffen.
Wir betraten das Nomadenzelt, in dem man aufrecht stehen konnte, und staunten, wie gemütlich es dort war. In der Mitte war eine Holzstütze angebracht. Am Boden und auf den Betten lagen Teppiche. In dem geräumigen Zelt, das von außen wesentlich kleiner aussah, hausten acht Nomadenfrauen und etliche Kinder, die dann allerdings wie die Heringe schlafen mußten. Eine Frau, deren Alter wir nicht schätzen konnten und die uns durch ihre rauhe Gesichtshaut auffiel, reichte uns ein Glas Ayran, einen Trinkjoghurt. Obwohl in den Reiseführern vor offenem Ayran gewarnt wird, blieb uns hier keine andere Wahl, da wir die Nomaden nicht beleidigen wollten. Im stillen dachte ich bereits an den Durchfall, den wir möglicherweise bekämen, der sich aber später nicht einstellte.
Auf den Betten, unter denen Kisten und Schachteln untergebracht waren, lagen die Kinder und blätterten in Bilder- und Schulbüchern. Diese Nomaden sind seßhaft, die Kinder besuchen nur im Winter und Frühling die Schule. Von Mai bis Oktober ziehen sie mit ihren Eltern und den Schafen – ähnlich wie unsere Almbauern – ins Gebirge.
Manche Frauen spülten Geschirr, andere strickten. Alle waren fröhlich und lachten. Wir begutachteten die Strickwaren aus Schafswolle. Die Strickweise der Nomaden ist anders als bei uns, sie stricken "doppelt", also dicker als bei uns üblich. Wir kauften einige Paar Socken, die wir auch heute noch gerne anziehen. Durch unser Gelächter wurden die Männer im Nachbarzelt auf uns aufmerksam. Es standen plötzlich zwei Männer vor uns und wollten, daß wir ihr Zelt auch noch besuchen. Einer machte eine Handbewegung, und seine Augen funkelten, woraus wir schließen konnten, daß es bei ihm Besseres zu trinken gab als im Frauenzelt. Es war aber mitlerweile schon spät geworden. So bedankten wir uns, verabschiedeten uns und krochen in unser Zelt. Bald schliefen wir ein. In der Nacht wachten wir mehrmals auf. Es regnete wieder recht heftig, der Wind schüttelte unser Zelt, und in weiter Ferne heulten Wölfe. Für uns ein unheimliches Gefühl.
Als das Wetter am Morgen noch schlecht war, beschlossen wir, die Tour abzubrechen, ins Tal zu gehen und von dort zur Südküste weiterzufahren. Unsere restlichen zwei Weinflaschen schenkten wir den Männern, die sich sehr darüber freuten. Die Frauen bekamen von uns eine kleine Dose Hautcreme. Schade, daß wir nicht mehr Hautcreme dabei hatten; sie hätten sie so dringend gebraucht. Hermann Bauer
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