ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2004Psychotherapieforschung: Dramatisch unterfinanziert

POLITIK

Psychotherapieforschung: Dramatisch unterfinanziert

PP 3, Ausgabe Februar 2004, Seite 56

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat ein Konzept für die Förderung der Psychotherapieforschung vorgelegt.
Die Psychotherapieforschung in Deutschland gilt als dramatisch unterfinanziert. Während für die evaluative Psychopharmakatherapieforschung jährlich rund 500 Millionen Euro ausgegeben werden, muss die Psychotherapieforschung mit einem Bruchteil dieser Summe auskommen, obwohl der Psychotherapie psychischer Störungen dieselbe Versorgungsrelevanz zukommt. Dieses Manko ist bekannt. Deshalb trafen sich auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) internationale Psychotherapieexperten im Juni 2003 in Mainz zu einem Symposium, bei dem Konzepte zur Förderung der Psychotherapieforschung diskutiert wurden. Zur Finanzierung ist eine Summe von jährlich fünf Millionen Euro für fünf Jahre im Gespräch, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere Förderungsinstitutionen zur Verfügung stellen sollen.
Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) hatte zu dem Symposium angeregt. Eine Arbeitsgruppe des WBP hat jetzt ein „Forschungskonzept für das Förderprojekt ,Psychotherapie‘“ entworfen, das im Wesentlichen die Diskussion des Mainzer Symposiums wiedergibt. Im Folgenden die wichtigsten Punkte:
Die Forschungsstrukturen in Deutschland ermöglichen Psychotherapieforschung auf hohem Niveau, stellt der WBP zunächst fest. Die Forschung findet an Universitäten statt, die Abteilungen für Psychotherapie, Psychiatrie, Psychosomatik, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Neuropsychologie oder Medizinische Psychologie eingerichtet haben. Die medizinischen Einrichtungen haben dabei auch die Möglichkeit zur Forschung im stationären Setting. An den Universitäten werden in der Regel Studien durchgeführt, die unter kontrollierten Bedingungen stattfinden. Diese müssten jedoch ergänzt werden um Studien, die Psychotherapie unter den Bedingungen der Routineversorgung untersuchen, fordert der Beirat. Denn Forschung in psychotherapeutischen Praxen findet nur in seltenen Ausnahmefällen statt. Ebenso wenig haben die Forschungsinstitute Zugang zu den psychotherapeutischen Fach- und Rehabilitationskliniken. Der WBP empfiehlt daher, Forschungsgruppen oder wissenschaftliche Kompetenzzentren zu schaffen, die multizentrische Studien in Kooperation mit diesen Kliniken und niedergelassenen Therapeuten durchführen können. Ebenso müssten Strukturen entstehen, die die Evaluation neuer und auch unkonventioneller Verfahren sicherstellen.
Außerdem stellt der Wissenschaftliche Beirat Forschungsbedarf fest zu Wirksamkeit und Wirkungsweise von Verfahren, die seit langem in der Praxis angewendet werden, wie der systemischen Therapie oder der Gesprächspsychotherapie. Für diese gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz, um nach den Kriterien des WBP als Heilmethode anerkannt und somit zur GKV-finanzierten „Richtlinienpsychotherapie“ empfohlen zu werden. Evaluationslücken zeigen sich jedoch auch bei den bereits zugelassenen Psychotherapieverfahren.
Psychotherapieforschung hat bisher auch die Besonderheiten der Behandlung von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen sowie die Besonderheiten aufgrund des Geschlechts weitgehend vernachlässigt, stellt der Beirat fest. Obwohl seelische Störungen bei Heranwachsenden sechs der zehn häufigsten Erkrankungen, die zu krankheitsbedingten Jahresverlusten („disability adjusted life years“ nach WHO-Definition) führen, repräsentieren, wird nur ein Bruchteil adäquat versorgt.
Bedarf besteht auch in der Säuglingsforschung und der Mutter-Kind-Interaktionsforschung, weil frühkindliche Belastungsfaktoren und eine beeinträchtigte Eltern-Kind-Beziehung meist mit späteren psychischen und psychosomatischen Störungen korrelieren. Außerdem muss die Effizienz therapeutischer Methoden im Hinblick auf das Alter der Kinder und Jugendlichen überprüft werden. Forschungsbedarf besteht ebenso bei der Frage, ob Jugendliche, die mit traditionellen Methoden bisher nicht erreicht werden konnten, über neue Medien angesprochen werden können (zum Beispiel Bibliotherapie, E-Mail oder EDV-gesteuerte Manuale). Es sollten geschlechtsspezifische Varianten effektiver Therapiemethoden entwickelt werden. Beispielsweise wurde festgestellt, dass Verfahren, die sich bei der Behandlung von Depressionen im Jugendalter als hilfreich erwiesen haben, in erster Linie bei Mädchen wirken, nicht aber bei Jungen.
Als Folge eines Mangels an spezifischen Therapien für alte Menschen sind diese von der psychotherapeutischen Versorgung weitgehend ausgeschlossen. Dabei leiden rund 25 Prozent der über 60-Jährigen an einer psychischen Störung, zu deren Behandlung die Psychotherapie indiziert ist. Altersadäquate Behandlungsformen müssen daher erarbeitet werden.
Die Psychotherapieforschung zu einigen Störungen ist bisher vernachlässigt worden. Dazu gehören beispielsweise die dissoziativen Störungen und Konversionsstörungen sowie die Persönlichkeitsstörungen. Unklar ist für viele Störungen häufig auch die Stabilität der Therapieergebnisse. Nicht alle Studien schließen eine Follow-Up-Untersuchung ein, oder die Katamnesezeit beträgt höchstens ein Jahr.
Neben den besonderen Wirkfaktoren, die für eine Methode kennzeichnend sind, haben sich eine Reihe unspezifischer Methoden übergreifender Faktoren als relevant für den Therapieerfolg erwiesen. Weitgehend unbekannt sind das Zusammenspiel dieser Faktoren sowie ihre Gewichtung. Der WBP regt daher multifaktorielle Studien an, die die Wechselwirkungen dieser Wirk- und Prozessfaktoren untersuchen.
Es wird vermutet, dass Forschungsfortschritte aus der neurowissenschaftlichen Emotions- und Kognitionsforschung relevant für die Weiterentwicklung der Psychotherapie sind. Studien, die dies erproben, sind erforderlich. Auch die Frage, wann Psychotherapie allein und wann in Kombination mit Psychopharmaka angewandt werden sollte, ist noch nicht geklärt. Notwendig ist dabei Forschung, die die neurobiologische Dimension bei der klinischen Anwendung von Psychotherapie mit berücksichtigt. In einigen Fällen führen evaluierte Therapieverfahren unter Praxisbedingungen nicht zum Behandlungserfolg. Vielfach würden effektive Verfahren von den
Therapeuten so modifiziert, dass ihre Wirksamkeit fraglich ist. Wie die Forschungsergebnisse in die Praxis umgesetzt werden, müsste daher untersucht werden. Auch die Einflüsse des Versorgungssystems sollten ermittelt werden. Eine frühere psychotherapeutische Versorgung von Patienten, bei denen Psychotherapie indiziert ist, kann Chronifizierungen vorbeugen. Studien zur Inanspruchnahme von Institutionen durch die Patienten sowie über die Zuweisungsprozesse zu Institutionen sind erforderlich. Untersucht werden sollte in diesem Zusammenhang auch, warum ein erheblicher Prozentsatz der Patienten
eine Psychotherapie vorzeitig abbricht.
Forschungsverbund Psychotherapieforschung
Sämtliche Forschungsschwerpunkte und -teilbereiche sollten nach Meinung des Wissenschaftlichen Beirats in einem „Forschungsverbund Psychotherapieforschung“ vernetzt werden. Der WBP empfiehlt, eine ständige Koordinierungsstelle einzurichten, die die Studienprojekte von der Planungs- bis zur Auswertungsphase methodisch und inhaltlich unterstützt und überflüssige Überschneidungen verhindern hilft. Aufgebaut werden sollte dabei auch eine Datenbank, in der alle Psychotherapiestudien dokumentiert werden.
Bisher gibt es vom Projektträger Gesundheitsforschung des BMBF nur „hinhaltende Reaktionen“ auf das Forschungskonzept, erklärte Prof. Dr. med. Sven Olaf Hoffmann, Mainz, der als einer der ehemaligen Vorsitzenden des WBP maßgeblich an dem Förderprojekt „Psychotherapie“ beteiligt ist. Der Forschungsdarf wurde verdeutlicht – welche Relevanz die Psychotherapie für die Entscheidungsträger im Rahmen der gesamten Gesundheitsforschung hat, muss noch abgewartet werden. Petra Bühring

Der ausführliche Text des Forschungskonzepts ist zu finden unter www.wbpsychotherapie.de/Homepage/Pub/EntwurfForsch/EntwurfForsch.pdf
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