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Primärärztliche Versorgung: Therapieerfolg von Empathie des Arztes abhängig

PP 3, Ausgabe Februar 2004, Seite 60

MS

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Hausärzte sind häufig die ersten Anlaufstellen für psychisch Erkrankte. Bei 15 und 37 Prozent der Krankheiten, die in Hausarztpraxen behandelt werden, handelt es sich um psychische Störungen. Zwischen 40 und 97 Prozent werden nicht erkannt oder falsch diagnostiziert. Etwa die Hälfte wird pharmakologisch, 20 Prozent werden in der psychosomatischen Grundversorgung behandelt. Nur rund acht bis zehn Prozent der Patienten werden an Fachärzte wie Psychiater und Psychotherapeuten überwiesen. Aktuelle Studien zeigen, dass die meisten psychischen Krankheiten allein in der primärärztlichen Versorgung behandelt werden: Für die Depressionen werden etwa 70 bis 90 Prozent geschätzt. Die primärärztliche Versorgung psychogen Kranker spielt also gesundheitspolitisch eine entscheidende Rolle. Dennoch gibt es nur wenige Studien, die sich mit den Behandlungsergebnissen befassen.
Bundesweite Patientenbefragung
Wissenschaftler vom Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität des Saarlandes, Homburg, haben jetzt dazu eine bundesweite Patientenbefragung durchgeführt. Die 191 verwertbaren Fälle hatten sich an einen Hausarzt gewandt, der nicht psychotherapeutisch ausgebildet war. Die Patienten litten unter Ängsten, Panikattacken, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Essstörungen und stressbedingten Beschwerden. Mit der Therapie, die der Hausarzt anbot, waren 48 Prozent absolut, sehr oder ziemlich zufrieden. Nur 40 Prozent gaben eine Symptombesserung an; lediglich 56 Prozent fühlten sich von ihrem Hausarzt verstanden und unterstützt. Bei denen, die sich nicht unterstützt fühlten, verbesserten sich die Beschwerden nur bei 16 Prozent, bei 23 verschlechterten sie sich hingegen. 90 Prozent dieser Patienten waren unzufrieden mit der Behandlung. Sie klagten auch häufiger über unerwünschte Nebenwirkungen und hielten die Medikamente für „schädlich“ oder „wirkungslos“.
Ganz anders bei der unterstützten Gruppe: 58 Prozent berichteten von Symptomverbesserungen, drei Viertel waren mit der Behandlung zufrieden. Lediglich zwei Prozent beklagten eine Symptomverschlechterung. Die unterstützten Patienten hielten auch die Medikamente für wirksamer und berichteten seltener über Nebenwirkungen. „Die Haltung des behandelnden Arztes beeinflusst Behandlungserfolg und -zufriedenheit entscheidend“, so die Forscher. Ist der Arzt mitfühlend und verständnisvoll, geht er auf seine Patienten ein und hört ihnen zu, fördert er damit in erster Linie deren seelisches Wohlbefinden. Die Patienten fühlen sich subjektiv besser – unabhängig von Beschwerdebild, Behandlungsdauer und Medikamenten.
Psychotherapeutische Fortbildung sinnvoll
Der Hausarzt scheint mit diesem empathischen Verhalten bei seinen Patienten Bedürfnisse nach zwischenmenschlichem Kontakt und Verständnis zu befriedigen, in ähnlicher Weise wie Seelsorger, Pfarrer oder Psychotherapeuten. Fertigt ein Arzt psychisch Erkrankte hingegen kurz ab, weil er unter Zeitdruck steht oder ungern deren Probleme erörtert, können sich deren Symptome deutlich verschlechtern. Es hängt danach fast ausschließlich vom Arzt ab, ob eine Behandlung gelingt oder nicht. Um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, sollten Hausärzte nach Ansicht der Autoren adäquat vergütet und besser, breiter und obligat psychotherapeutisch fortgebildet werden. ms

Hartmann S, Zepf S: Psychische Erkrankungen in der primärärztlichen Versorgung. Psychother Psych Med 2003; 53: 446–454.

Dr. med. Sebastian Hartmann, Universitätskliniken des Saarlandes, Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Haus 2, 66421 Homburg/Saar, E-Mail: s.hartmann@rz.uni-sb.de
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