WISSENSCHAFT

Trichotillomanie: Rätselhafte psychische Erkrankung

PP 3, Ausgabe Februar 2004, Seite 75

Sonnenmoser, Marion

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Ob das zwanghafte Haareausreißen ein eigenständiges Krankheitsbild ist, wird noch diskutiert. Mit kognitiv-behavioraler Verhaltenstherapie kann den Betroffenen geholfen werden.

Trichotillomanie ist eine rätselhafte psychische Erkrankung. Die Betroffenen reißen sich ihre eigenen Haare aus, und zwar nicht nur am Kopf, sondern an allen behaarten Stellen des Körpers. Auffällig und von außen sichtbar sind jedoch meist nur kahle Stellen am Kopf. Die Betroffenen scheinen beim Reißen keinen Schmerz zu spüren und sind oft geistesabwesend. „Vielen Patienten geht es aber nicht um das Reißen, sondern um die nachfolgende orale Beschäftigung mit dem Haar“, erklärt Annett Neudecker, die am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München als Psychologin tätig ist. Die Betroffenen kauen auf dem Haar herum, zerteilen es, beißen die Wurzel ab und empfinden dies als befriedigend und genussvoll.
Unfähigkeit, dem Zwang zum Reißen zu widerstehen
Trichotillomanie gehört zum Spektrum der Zwangsstörungen. Zu den typischen Symptomen, die auch bei anderen Zwängen zu beachten sind, zählt die Unfähigkeit, dem Impuls zum Haare-ausreißen zu widerstehen. Bei etwa zwei Dritteln der Betroffenen beginnt die Störung in der Pubertät. Sie kann aber auch schon in frühester Kindheit oder im späteren Erwachsenenalter einsetzen. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei 0,6 bis zwei Prozent. Im Kindesalter tritt Trichotillomanie bei Jungen und Mädchen gleich häufig auf. Im Erwachsenenalter sind vermutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Bei einigen Patienten treten die Reißepisoden immer nur relativ kurz auf, andere berichten von stundenlang anhaltenden Episoden. Das Reißen wird nicht in der Öffentlichkeit gezeigt und von den Betroffenen meistens verleugnet, verheimlicht und banalisiert.
Ob Trichotillomanie ein eigenständiges Krankheitsbild ist, wird zurzeit verstärkt diskutiert. Auffällig ist jedoch, dass Trichotillomanie oft gleichzeitig mit anderen Störungen auftritt. So leiden bis zu 63 Prozent der Betroffenen zusätzlich unter affektiven Störungen, bis zu 57 Prozent unter Angststörungen, bis zu 22 Prozent unter Substanzmiss-brauch und bis zu 22 Prozent unter Zwangssymptomen. Die Ursachen sind noch weitgehend ungeklärt. Ein genetischer Einfluss wird vermutet. Neurobiologische Untersuchungen ergaben bisher uneinheitliche Befunde.
Ausgelöst wird das krankhafte Verhalten nicht durch bestimmte Ereignisse, sondern durch eine generell erhöhte innere Anspannung. Unmittelbar vor dem Reißen bauen sich starke Spannungsgefühle und Erregung auf. Wenn dem Drang nachgegeben wird, stellen sich Entspannung und Befriedigung ein, die jedoch oft nur kurze Zeit anhalten. Mit zunehmender Krankheitsdauer automatisiert sich das Verhalten und wird zur Gewohnheit. Unter Wahn oder Halluzinationen leiden die Betroffenen jedoch nicht.
Da Haareausreißen eine prinzipiell steuerbare Verhaltensweise ist, kann den Betroffenen mit kognitiv-behavioraler Therapie geholfen werden. Dies wurde schon mehrfach empirisch nachgewiesen. Die Vorgehensweise ist vorwiegend symptomorientiert. Als wirksam haben sich Aufmerksamkeitstraining, kognitive Techniken der Selbstkontrolle, Erlernen einer alternativen Reaktion, positive Verstärkung, Stimuluskontrolle, Exposition und Entspannungsübungen erwiesen. Für einige Patienten ist es zudem hilfreich, ihre Hände in Spannungssituationen zu beschäftigen.
Ein niederländisches Forscherteam untersuchte, ob auch medikamentöse Behandlung wirksam ist. Sie teilten 43 Patienten in drei Gruppen. Die erste Gruppe besuchte sechs Verhaltenstherapiesitzungen, die zweite Gruppe erhielt zwölf Wochen lang das Medikament Fluoxetin, einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die dritte Gruppe blieb auf der Warteliste. Es zeigte sich, dass Verhaltenstherapie am effektivsten war: 64 Prozent der ersten Gruppe erlebten einen signifikanten Symptomrückgang. Fluoxetin bewirkte dies nur bei neun Prozent der zweiten Gruppe. In der Wartegruppe ging es 20 Prozent besser, vermutlich wegen der positiven Erwartungshaltung. „Fluoxetin allein ist unwirksam bei Trichotillomanie“, betonen die Forscher.
Unterstützung durch Psychopharmaka
Andere aktuelle Studien legen nahe, dass es in bestimmten Fällen sinnvoll sein kann, eine Verhaltenstherapie über einen bestimmten Zeitraum durch Psychopharmaka, insbesondere durch SSRI, zu unterstützen. Die empirische Befundlage zur Effektivität von SSRI ist noch nicht eindeutig. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Arch Gen Psychiatry 2003; 60: 517–522.
Ebert D, Hecht H: Nicht-stoffgebundene Süchte, Impulskontrollstörungen. In: Berger M (Hrsg): Psychische Erkrankungen. München, Jena: Urban & Fischer 2004, 979–981.

Ansprechpartner und Informationen:
Infostelle Trichotillomanie
Antonia Peters
Papenstraße 63 B, 22089 Hamburg
Telefon: 0 40/2 00 61 39
E-Mail: TrichoHH@t-online.de
www.trichotillomanie.de

Prof. Dr. Iver Hand
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Arbeitsbereich Verhaltenstherapie
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Telefon: 0 40/4 28 03 22 33
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