ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2004Arztgeschichten: Hausbesuch
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Seit dem Heft 41/2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig in jedem vierten Heft eine Arztgeschichte. Im Anschluss an die Veröffentlichung mehrerer literarischer Arztgeschichten beginnt das DÄ ab dieser Ausgabe mit der Veröffentlichung von Beiträgen aus der Leserschaft.

Nachdem er seine Beschwerden am Telefon als so erheblich geschildert hatte, erwartete ich, ihn im Bett liegend vorzufinden. Ich traf ihn aber an der Haustür, und wir kletterten zusammen die vier steilen Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Das Steigen fiel ihm schwer, der Atem ging schnell, und sein Schritt wurde auf den letzten Stufen immer langsamer. Im Hausflur roch es schon in der frühen Vormittagsstunde nach gebratenen Zwiebeln. Die Treppe war ausgetreten, der Anstrich an den Wänden verblasst, der Putz an einigen Stellen abgefallen. Überhaupt konnte man dem Haus, in dem er wohnte – auch von außen – ansehen, dass der Besitzer nichts mehr zur Unterhaltung tat, vielleicht schon mit einem Geldgeber verhandelte, der auf dem Grundstück ein Bürohaus oder ein Gebäude mit teuren Komfortwohnungen errichten würde.
Obwohl meinem langjährigen Patienten der Atem knapp wurde, sprach er lebhaft, und ich erfuhr schon mancherlei über seine Vorgeschichte, wenn auch nichts von der Krankheit. Die schien ihm im Augenblick unwichtig zu sein. Dass er reden konnte und jemand zuhörte, war das Wichtigste. Mir kam der Verdacht, dass dies vielleicht der Grund für den morgendlichen Anruf gewesen sein könnte und gar nicht seine Erkrankung. Fragen nach dieser tat er jetzt mit einer Handbewegung ab. Dafür erzählte er umso mehr von seinem Sohn, in dessen Ausbildung er jeden Groschen seines kleinen Arbeiterlohnes gesteckt hatte.
„Er sollte Anwalt werden, wissen Sie?!“
Den Ehrgeiz, aus den beengten Verhältnissen herauszukommen, schienen Vater und Sohn gemeinsam zu haben.
„Er war schon auf der Schule ziemlich fleißig, auf der Universität auch. Aber er wusste auch zu leben, hat nebenher immer gearbeitet und sich von dem bisschen, was ich ihm schicken konnte, und dem Dazuverdienten auch noch Reisen zusammengespart nach Frankreich und nach England. Sprachen muss man können, hat er immer gesagt, auch als Rechtsanwalt, jedenfalls, wenn man in der Wirtschaft was werden will. Die Johanna, was seine Freundin war, sie waren ja so gut wie verlobt, wohnten schon zusammen. Früher hätte es das ja nicht gegeben, vor der Hochzeit. Aber, was wollen Sie, jede Zeit ist anders, man muss mitgehen. Also die Johanna hätte uns schon
als Schwiegertochter gefallen. Gott sei Dank ist wenigstens ihr nicht viel bei dem Unfall passiert. Sie hat bei der Beerdigung mehr geweint als meine Frau. Jetzt ist sie mit einem Architekten verheiratet. Vorher war sie noch öfter zu uns gekommen.“
Zweimal in der Woche hatte er anfangs seine Tochter – „die Monika“ – in der Klinik besucht.
„Jetzt langt’s nur noch für ein Mal. Nicht nur, dass die Beine nicht mehr so wollen, es ist ja auch das Fahrgeld immer. Warum sie nur das Krankenhaus so weit draußen gebaut haben? Hier in der Stadt gibt’s doch auch genug Geisteskranke, seelisch Kranke nennt man sie heute, hat der Arzt gesagt. Auch dass ich mich schonen soll, hat er gemeint. Die Monika würde mich sowieso nicht erkennen. Aber ganz glaube ich ihm das nicht. Manchmal sieht sie mich so komisch an, wenn sie auch nicht spricht. Sie weiß vielleicht doch, wer ich bin. Am liebsten isst sie geschmorte Pfirsiche. Davon sind noch ein paar Gläser da, noch von meiner Frau. Und dann muss ich eben Büchsen kaufen.“
Wir hatten die oberste Stufe erreicht. Beim Aufschließen zitterte seine Hand ein bisschen. Es dauerte, bis er im Schlüsselloch war. Drinnen war alles dunkel, und als wir den Korridor betraten, rief er laut:
„Da bin ich!“
Dann waren wir in der Küche, wo er mir einen Stuhl anbot, während er in den beiden Zimmern die Vorhänge zurückzog und die Fenster öffnete. Ich sah mich in der kleinen Wohnung um. Es war niemand da außer uns beiden. Das Linoleum auf dem Küchentisch hatte schon Risse und Löcher, aber alles war sehr sauber, wie ich das bei dem kranken, alten Mann nicht erwartet hatte. Eine Untersuchung im Bett lehnte er ab:
„So schlimm ist es auch nicht, Herr Doktor! Messen Sie man den Blutdruck, und wenn Sie unbedingt wollen, können Sie mir auch das Herz abhören. Da, sehen Sie mal“, er legte das rechte Bein auf einen Küchenstuhl:
„Dünner geworden!“, stellte er zu unser beider Befriedigung fest.
Das wenige, was er an ärztlichen Verrichtungen zuließ, war schnell getan. Ich ließ mir Zeit, denn die ihm zu schenken schien mir die wichtigste Medizin, und still bei mir beschloss ich, ihn von jetzt an auch ohne Anruf regelmäßig zu besuchen.
Aber die neugierige Frage, die mir seit dem Betreten der Wohnung auf den Lippen lag, wollte ich doch noch loswerden:
„Warum haben Sie eigentlich, als wir kamen, ,da bin ich ...‘ gerufen, es war doch niemand in der Wohnung?“
Er überlegte eine Weile und antwortete dann langsam: „Ja, wissen Sie, das ist so. Meine Frau war lange bettlägerig, bevor sie starb. Jedes Mal, wenn ich nach Hause kam und ,da bin ich!‘ in die Wohnung rief, hat sie sich gefreut und gesagt:
,Komm, setz dich ein bisschen zu mir.‘
Und wenn ich jetzt laut sage: ,da bin ich‘, ist mir für eine Sekunde, als könnte sie wieder antworten: ,Setz dich zu mir‘, aber das ist ja nun nicht mehr.“
Er brachte mich zur Wohnungstür. In sein Gesicht waren die Fältchen häufigen Lächelns eingegraben, das machte es so freundlich.
Dr. med. Werner Nieschke
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