ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2004Epilepsiekranke Frauen: Menopause häufig ein Wendepunkt

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Epilepsiekranke Frauen: Menopause häufig ein Wendepunkt

Dtsch Arztebl 2004; 101(7): A-444

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Epilepsiekranke Frauen bedürfen eines auf ihre biologische Situation abgestimmten differenzialtherapeutischen Managements, sowohl für die reproduktive Lebensphase, in der Aspekte wie Kontrazeption, Schwangerschaft und Teratogenese im Vordergrund stehen, als auch für die so genannten Wechseljahre. Die Datenlage sei schmal, gebe jedoch Einblicke in die komplexen Interaktionen zwischen neuronaler und endokriner Aktivität, betonte Dr. Stefan Stodieck (Hamburg). Er wies auf eine US-amerikanische Erhebung bei im Mittel 51-jährigen Patientinnen hin: In 15 Prozent hatte sich die Epilepsie erst in der Perimenopause manifestiert, und bei denjenigen, die bereits vorher erkrankt waren, hatte seit der letzten Periode in 41 Prozent die Anfallsaktivität zu- und in 27 Prozent abgenommen (Abbasi et al., Epilepsia 1999). Eine Wechselbeziehung besteht auch umgekehrt.
Ovarialfunktion erlöscht früher
Eine ebenfalls in den USA durchgeführte Untersuchung zeigte, dass der Zeitpunkt des Erlöschens der Ovarialfunktion bei Epilepsiepatientinnen überproportional häufiger vorverlegt war – mittleres Menopausenalter 39,6 Jahre – als bei einer Kontrollgruppe mit anderen neurologischen Erkrankungen (Klein et al., Epilepsia 2001). Dr. Anneliese Schwenkhagen (Hamburg) führt dies darauf zurück, dass Sexualhormone neuroaktive Steroide sind. Östrogen wirke prokonvulsiv und Progesteron beziehungsweise sein Hauptmetabolit Allopregnanolon antikonvulsiv.
In der Perimenopause gerät dieses Gleichgewicht aus dem Lot: Zunächst reifen im Ovar noch östrogenproduzierende Follikel heran. Weil immer häufiger der Eisprung ausbleibt, wird kein antagonisierendes Progesteron freigesetzt. Der Östrogenüberschuss erklärt wahrscheinlich, warum selbst bei therapeutisch gut eingestellten Frauen in dieser Lebensphase die Anfallsaktivität wieder aufflackern beziehungsweise stark zunehmen kann. Zusätzliche Provokationsfaktoren sind auch typische Klimakteriumsbeschwerden, zum Beispiel mit Hitzewallungen einhergehende Schlafstörungen. Hier sollte das Für und Wider einer Hormonersatztherapie mit der Patientin abgewogen beziehungsweise ein Präparat mit einer für die individuelle Situation optimalen Zusammensetzung gewählt werden, riet Schwenkhagen. Es bestehe auch die Chance, die Anfallssituation durch den gezielten Ausgleich eines Progesterondefizits zu verbessern.
Ob der gewünschte Effekt eintritt, hängt von der Art der antikonvulsiven Medikation ab. Es gelten die gleichen Voraussetzungen wie für hormonelle Kontrazeptiva. Nicht gesichert ist die Wirksamkeit bei einer Therapie mit enzyminduzierenden Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Phenytoin, Oxcarbazepin oder (hoch dosiertem) Topiramat. Keine Einschränkungen sind dagegen bei mit Valproat, Gabapentin, Lamotrigin oder Levetiracetam behandelten Patientinnen zu erwarten.
Der Einfluss von Antikonvulsiva auf den Steroidmetabolismus ersteckt sich auch auf die endogenen Hormone. Induktoren des hepatischen Cytochrom-P450-Systems vermindern die Serumkonzentration von Östrogen und Androgenen, der Inhibitor Valproat steigert dagegen die Androgensynthese. Das könne eventuell weit reichende psychologische und physiologische Folgen für die Epilepsiepatientinnen haben, betonte Prof. Martha Morrell (New York/ USA). Bei den Androgenen gehe eine verminderte biologische Aktivität häufig mit Störungen der Sexualfunktionen einher, während hohe Spiegel Trigger für Hyperinsulinämie, Dyslipidämie und Gewichtszunahme seien. Eine finnische Arbeitsgruppe hat beobachtet, dass diese Phänomene vorrangig in Assoziation mit einer Valproat-Medikation vorkommen und nach Umstellung der Therapie auf Lamotrigin weitgehend reversibel sind (Isojärvi et al., Ann Neurol 1998).
Das neutrale metabolische Profil von Lamotrigin (Lamictal®) wird von den Ergebnissen einer in neun Ländern unter der Leitung von Morrell durchgeführten multizentrischen Studie bestätigt. Verglichen worden waren die Auswirkungen einer mindestens achtmonatigen und höchstens fünfjährigen Behandlung mit Lamotrigin (n = 110) oder Valproat (n = 96). In der Valproat-Gruppe wurden nicht nur statistisch signifikant höhere Testosteron- (p = 0,001) und Androstenedion-Spiegel (p = 0,015) dokumentiert als im Lamotrigin-Kollektiv, sondern auch ein im Durchschnitt deutlich höheres Körpergewicht. Als vielversprechend bezeichnete Morrell, dass durch Umstellung auf Lamotrigin eine Valproat-bedingte Adipositas rückgängig gemacht werden könne. Gabriele Blaeser-Kiel

Pressekonferenz „Epilepsie bei reifen Frauen – Therapy as usual?“ beim 76. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg und Satellitensymposium „Woman in Mind: Addressing Issues in All Stages of Life“ beim 25th International Epilepsy Congress in Lissabon, Veranstalter: GlaxoSmithKline
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